Luft in Innenräumen

Duftende Putzmittel füllen die Wohnung mit Milliarden Nanopartikeln

 Dennis Lenz

Duftende Putzmittel füllen die Wohnung mit Milliarden Nanopartikeln
(Symbolbild) Duftstoffe aus Putzmitteln wie Limonen und Pinen reagieren in der Raumluft mit Ozon und bilden dabei innerhalb von Minuten Nanopartikel. Messungen an der Purdue University zeigen, dass bei einer Reinigung bis zu zehn Billionen dieser Teilchen in die Atemwege gelangen können. Das betrifft herkömmliche Reiniger ebenso wie Produkte auf Basis ätherischer Öle. Die entstehende Belastung kann nach Angaben der Forscher der an einer stark befahrenen Straße entsprechen. Gängige Luftsensoren für den Haushalt erfassen diese winzigen Partikel nicht. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der frische Duft nach Zitrone oder Kiefer gilt vielen als Zeichen einer sauberen Wohnung. Messungen an der Purdue University zeigen jedoch, dass duftende Putzmittel in der Raumluft binnen Minuten Milliarden bis Billionen Nanopartikel entstehen lassen, die tief in die Lunge gelangen können. Betroffen sind herkömmliche Reiniger ebenso wie Produkte mit ätherischen Ölen. Gerade jetzt, wenn im Herbst die Fenster wieder häufiger geschlossen bleiben, rückt die unsichtbare Belastung in den Blick.

Putzen soll Viren, Bakterien und Schmutz von Oberflächen entfernen, und das gelingt auch. Doch viele Reinigungsmittel enthalten Duftstoffe, die weit mehr tun, als angenehm zu riechen. Zu den wichtigsten gehören sogenannte Terpene. Das sind flüchtige organische Verbindungen, die in der Natur in Zitrusfrüchten, Nadelbäumen und vielen Blüten vorkommen. Limonen sorgt für den typischen Zitrusgeruch, Pinen für den Duft nach Kiefernwald, Linalool für blumige Noten. Hersteller setzen diese Stoffe gezielt ein, weil viele Menschen ihren Geruch mit Sauberkeit verbinden. Beim Sprühen und Wischen verdunsten die Terpene aus den Tröpfchen und von den gereinigten Flächen und verteilen sich in der Raumluft. Dort treffen sie auf Ozon, ein reaktives Gas, das vor allem von draußen durch Fenster, Türen und Lüftungsanlagen in die Wohnung gelangt. Aus dieser Begegnung entstehen neue Teilchen, die das Auge nicht sieht.

Ein Team um den Ingenieur Brandon Boor von der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana erforscht seit Jahren, was in Innenräumen chemisch geschieht. Die Forscher nutzen dafür unter anderem ein eigens eingerichtetes Versuchshaus auf dem Universitätsgelände, in dem sie alltägliche Tätigkeiten wie Putzen unter kontrollierten Bedingungen nachstellen. Hochempfindliche Messgeräte erfassen dort in Echtzeit die Größenverteilung selbst kleinster Partikel. Ihre neuesten Ergebnisse stellte Boor Ende August 2026 auf der Herbsttagung der American Chemical Society in Chicago vor. Das Fazit: Die Reaktion von Duftstoffen aus Putzmitteln mit Ozon in Innenräumen erzeugt Nanopartikel, die eine Dosis in den Atemwegen verursachen, die vergleichbar mit oder sogar höher als die Belastung beim Stehen an einer stark befahrenen Straße ist.

Wie aus Duftstoffen Nanopartikel entstehen

Atmosphärenforscher kennen den zugrunde liegenden Prozess seit Langem aus der Natur. Auch Wälder geben Terpene ab, die mit Ozon reagieren und winzige Teilchen bilden, die zum bläulichen Dunst über bewaldeten Bergen beitragen. Im Freien verläuft diese Chemie jedoch langsam, weil sich die Stoffe in riesigen Luftmengen verteilen. In einer Wohnung ist das anders. Beim Putzen gelangen in kurzer Zeit große Mengen Terpene in ein kleines Luftvolumen. Die Reaktion mit Ozon erzeugt schwer flüchtige Produkte, die sich zu sogenannten Nanoclustern zusammenlagern. Diese wachsen anschließend zu Partikeln mit einem Durchmesser von etwa einem bis 30 Nanometern heran. Ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter. Die Teilchen sind damit rund tausendmal kleiner als der Feinstaub der Klasse PM2,5, den viele Luftreiniger und Sensoren für den Haushalt messen. Wie die Pressemitteilung der American Chemical Society betont, entsteht dabei kein sichtbarer Staub und kein Rauch, die Partikel bilden sich unbemerkt.

Wie viele Nanopartikel beim Putzen in die Lunge gelangen

Die Messungen zeigen eine enorme Größenordnung. Je nach Produkt und Bedingungen können innerhalb von nur 20 Minuten zwischen 100 Milliarden und zehn Billionen Teilchen mit einem Durchmesser von weniger als drei Nanometern in den Atemwegen abgelagert werden. Um diese Zahlen einzuordnen, berechneten die Forscher mithilfe eines Modells der menschlichen Atemwege, wie viele Partikel ein Mensch während und nach dem Putzen einatmet und wo sie sich ablagern. Gerade die kleinsten Teilchen dringen besonders tief bis in die Lungenbläschen vor. Ob und wie stark diese Nanopartikel der Gesundheit schaden, ist noch nicht abschließend geklärt. Fachleute gehen davon aus, dass sie zu Reizungen und Entzündungen der Atemwege beitragen können, belastbare Langzeitstudien zu genau dieser Partikelquelle fehlen jedoch. Die Ergebnisse wurden als Vortrag auf einer Fachtagung präsentiert. Sie bauen auf früheren begutachteten Studien des Teams auf, darunter eine Untersuchung zu Duftwachs, das als rauchfreie Alternative zu Kerzen beworben wird und ebenfalls große Mengen Nanopartikel erzeugte.

Warum auch Naturprodukte und UV-Lampen betroffen sind

Ein Befund dürfte viele Verbraucher überraschen. Die Forscher fanden keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen konventionellen Reinigern und sogenannten botanischen Produkten auf Basis ätherischer Öle. Entscheidend ist nicht, ob ein Duft synthetisch hergestellt oder aus Pflanzen gewonnen wurde, sondern ob er Terpene enthält, die mit Ozon reagieren. Die Chemie läuft in beiden Fällen gleich ab. Noch stärker fiel die Partikelbildung aus, wenn gleichzeitig Geräte liefen, die selbst Ozon erzeugen. In einer weiteren Untersuchung testete Boor gemeinsam mit seinem Kollegen Ernest Blatchley sogenannte Fern-UV-C-Lampen, die Luft in Räumen desinfizieren sollen. Diese Lampen bilden aus dem Sauerstoff der Luft zusätzliches Ozon. Traf dieses auf die Terpene aus den Putzmitteln, beschleunigte sich die Entstehung der Nanopartikel deutlich. Auch bestimmte Luftreiniger und Ionisatoren können Ozon freisetzen. Wer solche Geräte nutzt, verstärkt die Reaktion unter Umständen ungewollt.

Was die Belastung durch Putzmittel verringern kann

Die Forscher leiten aus ihren Messungen mehrere einfache Möglichkeiten ab, die Belastung zu senken. Die wirksamste besteht darin, auf parfümfreie oder duftarme Produkte auszuweichen, weil dann kaum Terpene in die Raumluft gelangen. Hilfreich ist zudem, während und nach dem Putzen gut zu lüften oder Abzugshauben und Ventilatoren laufen zu lassen, damit die Duftstoffe und Partikel schneller nach draußen gelangen. Mehrere duftende Mittel gleichzeitig zu verwenden, erhöht die Menge an Terpenen und damit die Partikelbildung. Ozonerzeugende Geräte sollten beim Putzen ausgeschaltet bleiben. Das Team arbeitet zudem mit Industriepartnern an Messgeräten, die Partikel im Bereich von einem bis 30 Nanometern erfassen, denn heutige Sensoren für den Haushalt sind dafür nicht empfindlich genug. Wie schwierig die Messung winziger Partikel generell ist, zeigte kürzlich auch der Befund, dass Laborhandschuhe Messungen von Mikroplastik verfälschen können. Die neuen Daten zu den Putzmitteln stellte Boor in einer Sitzung der ACS-Herbsttagung vor.

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