Elektrisch aktive Borsten

Zahnbürste erzeugt beim Putzen Strom und tötet Kariesbakterien

 Dennis Lenz

Zahnbürste erzeugt beim Putzen Strom und tötet Kariesbakterien
(Symbolbild) Eine Zahnbürste mit elektrisch aktiven Kunststoffborsten verbindet mechanische Reinigung mit einer zusätzlichen Wirkung auf Mundbakterien. Die Entwicklung aus Peking nutzt dafür ein Material, dessen Oberfläche auf Verformung reagiert. Laborversuche und ein erster klinischer Vergleich prüfen, wie sich diese Eigenschaft auf Zahnbelag und Zahnfleisch auswirkt. Für die dauerhafte Nutzung fehlen noch große Langzeituntersuchungen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine Zahnbürste aus Peking tötet im Labor mehr als die Hälfte der untersuchten Kariesbakterien, indem ihre Borsten beim Putzen elektrische Ladung erzeugen. Das besondere Kunststoffmaterial verbindet die übliche Reinigung mit einem chemischen Angriff auf Keime. Ein Versuch mit Erwachsenen liefert erste Hinweise auf einen Nutzen für die Zahngesundheit, große Langzeituntersuchungen stehen noch aus. Wie wirksam die Erfindung arbeitet, entscheidet sich an der winzigen Kontaktstelle zwischen einer gebogenen Borste und dem feuchten Zahn.

Mit 115 Erwachsenen hat ein Team aus Peking eine Zahnbürste erprobt, deren Borsten elektrische Aktivität mit der gewohnten Reinigung verbinden. Yanhui Lu, Jia Song, Xiaopei Chi und ihre Kollegen von der zahnmedizinischen Fakultät und Universitätsklinik der Peking University untersuchen dafür Borsten aus Polyvinylidenfluorid, kurz PVDF. Ihre Arbeit in Science Advances verbindet Materialentwicklung, Versuche mit Mundbakterien und Messungen bei Freiwilligen. Die Energie für den antibakteriellen Effekt liefert die Bewegung der Hand; eine Batterie ist für dieses Prinzip nicht erforderlich.

Pekings Zahnbürste erzeugt reaktive Sauerstoffspezies

Beim Biegen des piezoelektrischen Kunststoffs entstehen elektrische Ladungen, die an seiner Oberfläche Reaktionen in der feuchten Umgebung der Zähne antreiben. Dabei bilden sich reaktive Sauerstoffspezies, besonders reaktionsfreudige Sauerstoffverbindungen, welche die Membranen von Bakterien schädigen und damit deren Überleben erschweren. Die mechanische Kraft setzt also unmittelbar am Bürstenkopf einen chemischen Prozess in Gang, während die Hand ihre gewohnte Putzbewegung ausführt. Das Material verbindet auf diese Weise das Ablösen von Zahnbelag mit einer Wirkung auf darin enthaltene Mikroorganismen.

Zusätzlich beschreiben die Autoren ein Oberflächenpotenzial, das auch an ruhenden Borsten vorhanden ist und die Anhaftung von Bakterien hemmt. Dieser statische Effekt betrifft insbesondere die Besiedlung des Bürstenmaterials zwischen den Anwendungen und ergänzt die dynamische Wirkung während der Belastung.

Ein Patent aus Peking beschreibt die Herstellung der Borsten

Wie anspruchsvoll die Herstellung solcher Fasern ist, zeigt eine frühere Patentanmeldung der Peking University School of Stomatology, an der Lu, Xuehui Zhang und Xuliang Deng beteiligt sind. Darin wird der Kunststoff zunächst geschmolzen, zu dünnen Filamenten verarbeitet und anschließend mit Wärme sowie einem elektrischen Feld behandelt. Die Schrift beschreibt eine Wärmebehandlung zwischen 120 und 150 Grad Celsius, mit der die Entwickler die Eigenschaften der Fasern einstellen. Beim Erwärmen verändert sich die Kristallstruktur des Polymers, während sich mechanische Spannungen aus der Herstellung abbauen sollen. Das elektrische Feld verändert die Polarisation und verbessert so die piezoelektrische Aktivität der Borsten.

Zu schwache oder zu kurze Behandlungsschritte erreichen laut diesem Dokument die gewünschten Materialeigenschaften nur unzureichend; zu starke können die Fasern ebenfalls beeinträchtigen. Entscheidend ist dabei auch, wie gut ein einzelner Faden nach dem Biegen in seine ursprüngliche Form zurückkehrt. Die Angaben betreffen das patentierte Herstellungsverfahren und sind von den Messwerten des späteren klinischen Versuchs zu unterscheiden.

Pekings Labortests treffen zwei Arten von Mundbakterien

Im Labor töteten die aktiven Borsten mehr als 50 Prozent der untersuchten Bakterien der Art Streptococcus mutans, Nylonborsten dagegen rund 9 Prozent. Bei Porphyromonas gingivalis erreichte der Effekt bis zu 78 Prozent, während die Vergleichsborsten unter 8 Prozent blieben. Der erste Keim gehört zu den Bakterien, die an Karies beteiligt sind; der zweite steht mit Erkrankungen des Zahnhalteapparats in Verbindung.

Für den Angriff auf den Zahn spielt besonders die Säureproduktion eine Rolle: Bestimmte Mundbakterien verwerten Zucker und Stärke und setzen dabei Säuren frei. Diese greifen den mineralischen Zahnschmelz an, wie das amerikanische National Institute of Dental and Craniofacial Research beschreibt. Wiederholte Säurebelastung lässt Mineralien aus der Oberfläche verschwinden und begünstigt schließlich ein Loch im Zahn. Eine Bürste mit antibakteriellen Eigenschaften setzt deshalb an einem frühen Teil dieser Kette an.

Aus ihren mechanistischen Untersuchungen leiten die Autoren außerdem eine Beeinträchtigung des ABC-Transportersystems ab, dessen Proteine unterschiedliche Stoffe durch Zellmembranen schleusen. Damit rückt neben der äußeren Hülle auch die Versorgung der Mikroorganismen in den Blick, denn ihr Stoffaustausch hängt von funktionierenden Transportwegen ab. Welche dieser Vorgänge den beobachteten Effekt besonders stark bestimmen, müssen gezieltere Experimente klären.

Rinderzahnschmelz trägt in Peking menschlichen Zahnbelag

Für einen weiteren Test ließen die Wissenschaftler menschliche Zahnbelagproben auf Schmelzstücken aus Rinderzähnen wachsen und behandelten die entstandenen Beläge mit den Bürsten. Die Versuchsbürste entfernte unter diesen Bedingungen mehr als 99 Prozent des Biofilms und schnitt damit besser ab als das Nylonmodell. Damit wurde die Technik an einer besiedelten festen Oberfläche geprüft, auf der Keime gemeinsam eine zusammenhängende Schicht bilden. Ein solches Modell stellt andere Anforderungen als eine Untersuchung einzelner Bakterienarten ohne gewachsene Belagstruktur.

Im Biofilm schützt eine gemeinsame Matrix die Bakterien und hält die Gemeinschaft auf der Oberfläche zusammen. Beim Prüfen einer Reinigungstechnik interessiert deshalb neben dem Abtöten einzelner Keime auch, ob sich dieser Verbund tatsächlich ablösen lässt. Der entfernte Anteil eines Belags und der Anteil abgetöteter Bakterien sind dabei verschiedene Messgrößen, die jeweils eine andere Wirkung beschreiben. Aus dem Schmelzversuch ergibt sich folglich eine Aussage über die getestete Reinigungssituation; die langfristige Entwicklung von Karies bei Menschen erfordert eigene Beobachtungen.

Nach 3 Monaten verbessern sich die Zahnfleischwerte

Für den klinischen Teil verglich das Team die Versuchsbürsten mit herkömmlichen Modellen aus Nylon, wobei die Teilnehmer einheitliche Anweisungen zum Putzen erhielten. Nach Angaben des Wissenschaftsverbands AAAS hatten die Nutzer der elektrisch aktiven Borsten am Ende weniger Plaque, geringere Zahnfleischentzündungen und weniger Blutungen als die Vergleichsgruppe. Solche Messungen erfassen den Zustand von Zahnoberflächen und Zahnfleisch unter alltäglicher Nutzung, bei der sich Putzbewegungen und Kontaktzeiten fortlaufend ändern.

Zusätzlich analysierten die Wissenschaftler Proben mit Gen- und Metagenomsequenzierung, um Veränderungen in den bakteriellen Gemeinschaften nachzuvollziehen. Dabei sank die relative Häufigkeit mehrerer mit Erkrankungen verbundener Mundkeime, also ihr Anteil an der untersuchten Gemeinschaft. Aus diesen Anteilen allein lässt sich die absolute Zahl der vorhandenen Bakterien nicht berechnen, weshalb Zusammensetzung und Gesamtmenge getrennte Fragen bleiben. Für die weitere Entwicklung ist auch interessant, wie stabil sich das Mundmikrobiom bei dauerhafter Nutzung verändert.

Als Machbarkeitsnachweis bleibt die Untersuchung auf die geprüften Erwachsenen und die dokumentierte Nutzungsdauer begrenzt; große Langzeitdaten zur Sicherheit fehlen bisher. Für eine regelmäßige Anwendung muss insbesondere untersucht werden, wie Zahnfleisch und Mundschleimhaut über längere Zeit auf die örtlich erzeugten reaktiven Stoffe reagieren. Ebenso bleibt zu klären, welchen zusätzlichen Nutzen die Materialtechnik gegenüber verschiedenen etablierten Bürstensystemen bei vergleichbaren Putzbedingungen bietet. Solche Vergleiche würden helfen, den Beitrag des Borstenmaterials von Bauform, Handhabung und tatsächlichem Borstenkontakt zu trennen.

Yanhui Lu holte in Peking Spezialfirmen ins Projekt

Die Arbeit an der Bürste begleitet Yanhui Lu seit ihrem Einstieg in das Promotionsprogramm der Universitätszahnklinik im Jahr 2021. Nach einem Entwicklungsbericht der Universitätszeitung betreuten Deng und Zhang die frühe Suche nach einem Material, das zugleich den Anforderungen an Zahnbürsten entspricht. Lu musste dafür auch mit spezialisierten Firmen und geeigneten Fertigungsanlagen zusammenarbeiten, weil sich die Herstellung nicht allein im eigenen Labor lösen ließ. Für Tests mit Freiwilligen nutzte das Projekt außerdem die Spezialambulanz der Zahnklinik.

Beim medizinischen Innovationswettbewerb der Universität erhielt die Entwicklung im Jahr 2025 einen ersten Preis in der Kategorie Ideeninkubation. Lu berichtete anschließend, dass sich Versuchsteilnehmer nach einer Kaufmöglichkeit für die Bürste erkundigt hätten; zu diesem damaligen Projektstand war bereits eine Marke registriert. Vor einem Vertrieb plante das Team noch weitere Verbesserungen an den Eigenschaften der Bürste.

Science Advances, Self-charged toothbrush facilitates tooth healthcare maintenance; doi:10.1126/sciadv.aeg5744

Peking University School of Stomatology, Toothbrush filament and preparation method therefor, and toothbrush; Patentanmeldung WO2023216387A1

Peking University Health Science Center, Universitätszeitung 北医, 高校首个医学大学生创新转化大赛, Seite 3

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