Wiederentdeckte Erinnerungen

Virtuelle Zeitreise lässt das alte Hongkong wieder auftauchen

 Dennis Lenz

Virtuelle Zeitreise lässt das alte Hongkong wieder auftauchen
(Symbolbild) Eine virtuelle Zeitreise macht verschwundene Stadtansichten räumlich erlebbar. Historische Quellen bilden die Grundlage, persönliche Erinnerungen geben den Orten eine weitere Bedeutung. Ein Experiment untersucht, wie ältere Einwohner auf solche Ansichten reagieren. Dabei treffen technische Rekonstruktion und die eigene Lebensgeschichte aufeinander. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine virtuelle Zeitreise bringt verschwundene Straßen und Plätze Hongkongs zurück. Historische Ansichten von 44 Orten bilden die Grundlage eines Versuchs mit älteren Einwohnern. Das Eintauchen in die Stadtgeschichte regte persönliche Erinnerungen an und war mit mehr sozialer Verbundenheit verbunden. Dabei erwiesen sich nicht nur Gebäude als wichtig, sondern auch die Geschichten, die Menschen mit ihnen verknüpfen.

Ein Platz ist umgebaut, eine vertraute Häuserzeile verschwunden, der Weg durch das Viertel sieht längst anders aus. Die eigene Erinnerung kann an solchen Veränderungen hängen bleiben, während die heutige Stadt kaum noch Anhaltspunkte bietet. Eine virtuelle Zeitreise setzt genau dort an. Forscher um Jingting Huang untersuchten, wie ältere Einwohner Hongkongs auf digital zugängliche historische Stadtansichten reagieren. Die am 9. Oktober 2026 in Nature Cities veröffentlichte Untersuchung verbindet Stadtrekonstruktion mit Fragen zu Erinnerung und Wohlbefinden. Ausgangspunkt sind 44 Orte aus der Zeit zwischen 1900 und 1970. Für einen Teil des Publikums berühren die Ansichten damit die eigene Lebensgeschichte, andere zeigen eine noch ältere Stadt. Der neue Zugang ist nicht auf die Frage beschränkt, ob eine vergangene Straße historisch korrekt wiedergegeben werden kann. Er untersucht, was ihre räumlich erlebbare Rückkehr bei den heutigen Betrachtern auslöst.

Die technische Grundlage bildet CITY IN TIME, ein von der City University of Hong Kong für die Tourismuskommission entwickeltes Projekt. Die Projektbeschreibung unterscheidet zwei Zugänge: Vor Ort lassen sich frühere Ansichten mit der heutigen Umgebung vergleichen; von anderswo ist eine Erkundung über die Website möglich. Damit wird aus einer historischen Fotografie ein Zusammenhang, in dem sich Blickrichtungen verändern lassen. Gerade für eine Straße kann das einen wichtigen Unterschied machen. Ein einzelnes Bild zeigt nur, was damals im gewählten Ausschnitt lag. Eine Rundumsicht stellt Gebäude und Wege auch zueinander in Beziehung. Die Orientierung kann helfen, einen früher vertrauten Ort wiederzuerkennen. Die psychologische Untersuchung verwendete diese Möglichkeiten als Ausgangspunkt, um das Erleben älterer Menschen kontrolliert zu vergleichen, statt nur Reaktionen zufälliger Besucher einer touristischen Anwendung zu sammeln.

Wie die virtuelle Zeitreise aus Archivmaterial entsteht

Die historischen Panoramen beruhen auf alten Fotografien und weiteren dokumentierten Vorlagen. Nach der Beschreibung der erweiterten Projektphase werden manche Ansichten aus Fotografien zusammengesetzt, andere von Künstlern anhand historischer Aufnahmen ausgearbeitet. Die Rekonstruktionen sind damit nicht ausnahmslos unveränderte fotografische Rundumaufnahmen aus der jeweiligen Epoche. Diese Unterscheidung ist für die Wahrnehmung wichtig. Ein plausibel geschlossenes Bild enthält möglicherweise Ergänzungen, die nötig waren, um Lücken zwischen überlieferten Ausschnitten zu überbrücken. Die Grundlage bleibt historische Recherche, doch ihre Übersetzung in ein begehbar wirkendes Panorama ist ein zusätzlicher gestalterischer Schritt. Für einen seriösen Einsatz müssen diese Ebenen unterscheidbar bleiben. Ein beeindruckender Gesamteindruck ersetzt nicht den Nachweis jedes kleinen Details. Umgekehrt mindert eine kenntlich gemachte Rekonstruktion nicht ihren möglichen Nutzen als Anlass für Erinnerungen, Gespräche und die Beschäftigung mit einem früheren Stadtbild.

Welche Orte wieder in ihrer früheren Gestalt zugänglich werden

Das öffentlich zugängliche Angebot von CITY IN TIME nennt konkrete historische Blickpunkte, darunter Edinburgh Place um 1950, Chater Road um 1925 und Kowloon Park Drive um 1900. Solche Angaben verankern die Rückkehr in einer bestimmten Zeit. Eine Stadt besitzt schließlich nicht nur einen einzigen vergangenen Zustand. Schon wenige Jahrzehnte können andere Verkehrswege, Nutzungen und Gebäude bedeuten. Für das Wiedererkennen kommt es deshalb darauf an, welche Epoche eine Person mit dem jeweiligen Ort verbindet. Ein älterer Betrachter könnte an demselben Platz andere Erinnerungen haben als jemand, der erst später dort lebte. Daraus ergibt sich eine interessante Gestaltungsfrage: Ein technisch besonders eindrucksvolles Panorama muss nicht das persönlich bedeutsamste sein. Der Zusammenhang zwischen dargestellter Epoche und eigener Erfahrung kann wichtiger werden als eine möglichst große Anzahl sichtbarer Einzelheiten oder eine besonders aufwendige Animation.

Was die älteren Teilnehmer tatsächlich erlebten

Am Experiment nahmen 276 gesunde ältere Erwachsene teil, die ihr Leben in Hongkong verbracht hatten. Ihr Durchschnittsalter lag bei rund 74 Jahren. Die Teilnehmer wurden zufällig vier Bedingungen zugeordnet und sahen die jeweiligen Inhalte drei Minuten lang. Fragebögen, Gespräche und körperliche Messungen begleiteten den Versuch. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass das historische immersive Erleben persönliche Erinnerungen aktivieren, Belastung verringern und das Gefühl sozialer Verbundenheit stärken kann. Die Interviews machten zugleich deutlich, dass die Wirkung nicht auf das Wiedererkennen einer Fassade beschränkt war. Menschen verbanden die Orte mit Ereignissen und Beziehungen. Für die Einordnung zählt, dass hier ein kurzer, kontrollierter Kontakt mit einer Darstellung untersucht wurde. Ein günstiger Zustand unmittelbar danach ist ein anderes Ergebnis als eine über Monate anhaltende Veränderung. Der Versuch prüfte außerdem keine Behandlung von Demenz. Seine Stärke liegt zunächst darin, eine konkrete Verbindung zwischen historischer Stadtwahrnehmung und dem unmittelbaren Erleben älterer Einwohner sichtbar zu machen.

Warum nicht nur Gebäude Erinnerungen tragen

Die zweite Projektphase ergänzte die ersten 28 Standorte um 16 weitere. Neben Stadtansichten kamen immaterielle Bestandteile hinzu, etwa Aufnahmen des Tin-Hau-Festes in Lei Yue Mun und des Feuerdrachentanzes in Tai Hang. Auch mündlich überlieferte Ortsgeschichten wurden recherchiert. Das erweitert den Begriff historischer Rekonstruktion. Ein Platz ist nicht nur eine Anordnung von Fassaden, sondern kann mit wiederkehrenden Handlungen, Stimmen und Begegnungen verbunden sein. Für eine persönliche Erinnerung lässt sich daraus eine plausible Erklärung ableiten: Ein Gebäude kann die räumliche Orientierung geben, während eine Tätigkeit oder ein vertrautes Ereignis an eine konkrete Lebensphase anknüpft. Welche Bestandteile bei wem besonders wirksam sind, lässt sich allerdings nicht aus ihrer bloßen Aufnahme in die Anwendung ablesen. Dafür wären gesonderte Vergleiche nötig. Der methodische Gewinn besteht darin, verschiedene Anlässe für Erinnerung unterscheidbar zu machen, statt jede Reaktion pauschal der virtuellen Realität zuzuschreiben.

Die Geschichte eines Ortes und die Erinnerung an ihn müssen dabei nicht vollständig übereinstimmen. Ein Archivbild kann ein Gebäude zuverlässig dokumentieren, aber nicht sämtliche Gefühle festhalten, die Menschen später damit verbinden. Ebenso kann eine lebhafte Erinnerung Einzelheiten anders ordnen als ein historischer Plan. Daraus entsteht kein einfacher Gegensatz zwischen richtiger Technik und falschem Gedächtnis. Beide beantworten unterschiedliche Fragen. Die Rekonstruktion versucht, eine frühere Umgebung nachvollziehbar darzustellen. Die autobiografische Erinnerung beschreibt, welche Bedeutung ein Ausschnitt dieser Umgebung für einen Menschen besitzt. In einem Gespräch können beide Ebenen aufeinandertreffen. Eine wiedererkennbare Ecke bietet dann einen Anlass, von Personen oder Erlebnissen zu erzählen, die im digitalen Modell gar nicht enthalten sind. Der mögliche soziale Wert liegt somit nicht allein im virtuellen Raum. Er kann auch darin liegen, dass nach dessen Betrachtung eine persönliche Geschichte wieder zum Gegenstand eines wirklichen Gesprächs wird.

Was ein Vergleich mit anderen Inhalten klären muss

Für die weitere Forschung sind mehrere Erklärungen auseinanderzuhalten. Eine angenehme Reaktion könnte mit dem historischen Inhalt, dem persönlichen Wiedererkennen, der räumlichen Darstellung oder der Aufmerksamkeit während der Teilnahme zusammenhängen. Ein bloßer Vergleich zwischen einer virtuellen Sitzung und überhaupt keiner Beschäftigung würde diese Möglichkeiten nur unvollständig trennen. Deshalb sind Bedingungen mit anderen Ansichten oder Darstellungsformen wichtig. Auch eine zufällige Zuteilung beantwortet nicht jede einzelne dieser Fragen automatisch. Sie sorgt zunächst dafür, dass Unterschiede der Teilnehmer nicht systematisch eine bestimmte Bedingung begünstigen sollen. Welche Ursache sich anschließend prüfen lässt, hängt davon ab, was zwischen den Bedingungen tatsächlich verändert wurde. Daraus folgt ein konkreter nächster Schritt: Historisch vertraute und unbekannte Orte könnten in vergleichbarer Darstellungsqualität gegenübergestellt werden. So ließe sich genauer untersuchen, welcher Anteil des Erlebens an der eigenen Lebensgeschichte hängt und welcher durch das allgemeine Eintauchen in eine interessante Stadtlandschaft entsteht.

Wie die Vergangenheit einen neuen Zugang zur Gegenwart schafft

Eine digitale Rückkehr kann die reale Stadt nicht wieder in ihren früheren Zustand versetzen. Sie bietet jedoch einen zusätzlichen Zugang zu Orten, deren Bedeutung in der heutigen Bebauung kaum noch sichtbar ist. Für die Anwendung ergibt sich daraus eine andere Zielsetzung als bei einem vollständigen Ersatz tatsächlicher Ausflüge. Historische Ansichten könnten Gespräche vorbereiten, einen Ortsbesuch ergänzen oder Menschen eine Begegnung mit Stadtgeschichte ermöglichen, die den betreffenden Ort nicht erreichen können. Das sind naheliegende Einsatzmöglichkeiten des Verfahrens, keine bereits für jede Situation nachgewiesenen gesundheitlichen Wirkungen. Entscheidend wäre, welche Nutzung den jeweiligen Menschen sinnvoll einbezieht. Eine selbst gewählte Erinnerungsspur verlangt möglicherweise andere Inhalte als eine gemeinsame historische Führung. Die Untersuchung macht diese Frage greifbar: Nicht die möglichst perfekte Flucht aus der Gegenwart steht im Mittelpunkt, sondern die Möglichkeit, eine verloren geglaubte Verbindung wieder aufzugreifen. Aus einer verschwundenen Straße kann so ein Anlass entstehen, die eigene Geschichte mit anderen zu teilen.

Nature Cities, Revisiting the urban past virtually to enhance well-being for older adults; doi:10.1038/s44284-026-00523-y

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