Rechenzentren für künstliche Intelligenz verschlingen enorme Mengen Strom und Kühlwasser, während Küstenregionen nach Stürmen häufig ohne Elektrizität und Trinkwasser dastehen. Ein amerikanisches Unternehmen will beide Probleme mit derselben Lösung angehen: einem Schiff, das Rechenleistung, Strom und Frischwasser zugleich produziert. Die genannten Kennzahlen sind beeindruckend, doch das schwimmende Rechenzentrum existiert bislang ausschließlich auf dem Papier.
Der Energiehunger der Rechenzentren ist zum zentralen Engpass der KI-Entwicklung geworden. Große Anlagen benötigen dauerhaft dreistellige Megawattleistungen, belasten regionale Stromnetze und verbrauchen für die Kühlung zusätzlich erhebliche Wassermengen, was in trockenen Regionen zunehmend auf Widerstand stößt. Genehmigungsverfahren und Netzanschlüsse für neue Standorte an Land ziehen sich vielerorts über Jahre. Gleichzeitig kämpfen viele Küstenregionen mit einem gegenläufigen Problem: Nach Wirbelstürmen und Überschwemmungen fallen Strom- und Wasserversorgung oft wochenlang aus, weil Leitungen, Umspannwerke und Wasserwerke beschädigt sind. Beide Situationen haben eine Gemeinsamkeit, nämlich einen akuten Bedarf an Energie und Wasser genau dort, wo die feste Infrastruktur an ihre Grenzen kommt. Genau an dieser Schnittstelle setzt das nun vorgestellte Konzept an.
Hinter dem Vorhaben steht die Partnerschaft Optimal Transit im US-Bundesstaat South Carolina, getragen von den Unternehmen InMar Technologies und OptiFuel Systems. Bereits im Juli stellte sie eine Familie schwimmender KI-Rechenzentren mit Leistungen zwischen 10 und 100 Megawatt vor, die unter dem Namen Kraaken firmieren. Nun folgte eine erweiterte Konfiguration, bei der ein Teil der Leistung nicht mehr den eigenen Servern zugutekommt, sondern der Versorgung an Land. Nach Unternehmensangaben soll das Schiff bis zu 40 Megawatt kontinuierlich ans Ufer liefern und parallel 60 Megawatt Rechenleistung bereitstellen. Hinzu kommt eine Vakuum-Flash-Entsalzung, die täglich rund 30 Millionen Liter Frischwasser erzeugen soll. Strom, Wasser und Daten gelangen demnach über eine schnell trennbare Versorgungsverbindung an Land.
Technische Grundlage ist ein Rumpfkonzept, das in der Marinetechnik seit Jahrzehnten für besonders ruhige Fahrteigenschaften geschätzt wird. Beim sogenannten Small Waterplane Area Twin Hull, kurz SWATH, liegt der Großteil des Auftriebs in zwei untergetauchten Rümpfen, während die Fläche an der Wasserlinie klein bleibt. Weil der Wellengang dadurch weniger Angriffsfläche findet, schwankt die Plattform deutlich schwächer als ein konventionelles Schiff vergleichbarer Größe, was für empfindliche Serverhardware entscheidend ist. Für die größere Kraaken-Version nennt das Unternehmen eine Länge von rund 91 Metern. Bei schwerem Wetter soll sich das Schiff innerhalb weniger Stunden von seiner Verankerung lösen, ausweichen und später erneut anschließen können, wie die Partnerschaft in ihrer Mitteilung erklärt und damit einen zentralen Vorteil gegenüber festen Anlagen beschreibt.
Der eigentliche Kern des Konzepts ist die Energieversorgung. Sie beruht auf einem Verfahren, das die Temperaturdifferenz zwischen warmem Oberflächenwasser und kaltem Tiefenwasser nutzt und in der Fachwelt als Ocean Thermal Energy Conversion, kurz OTEC, bekannt ist. Warmes Wasser verdampft dabei eine Arbeitsflüssigkeit mit niedrigem Siedepunkt, deren Dampf eine Turbine antreibt, bevor kaltes Tiefenwasser ihn wieder verflüssigt. Optimal Transit will dieses Prinzip erweitern und die Abwärme der Server zusätzlich in den thermischen Kreislauf einspeisen, sodass ein Teil der ohnehin anfallenden Verlustwärme erneut nutzbar wird. Das Grundprinzip ist seit Jahrzehnten etabliert und wurde in mehreren Pilotanlagen demonstriert, allerdings bislang nie in der hier angestrebten Größenordnung in Verbindung mit einem Rechenzentrum.
Genau an diesem Punkt liegt die größte technische Hürde, denn OTEC arbeitet wegen der geringen Temperaturunterschiede mit sehr niedrigen Wirkungsgraden. Die US-Energiebehörde EIA nennt als Voraussetzung für solche Systeme typischerweise mindestens rund 20 Grad Celsius Differenz zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser, was den Einsatz auf tropische und subtropische Gewässer beschränkt. Wie schmal die Marge tatsächlich ausfällt, zeigt eine 2026 im Fachjournal Energy Reports veröffentlichte Modellstudie zu einer OTEC-Anlage mit 100 Megawatt Nettoleistung, die bei einer Kaltwassertiefe von 700 Metern auf einen thermischen Wirkungsgrad von 3,75 Prozent kam. Diese Zahlen prüfen nicht das Kraaken-Konzept, verdeutlichen aber, warum Pumpen, Wärmetauscher und der Nachschub gewaltiger Tiefenwassermengen über Erfolg oder Scheitern entscheiden.
Auch die Rechnung selbst wirft Fragen auf, die die bislang veröffentlichten Unterlagen nicht beantworten. Die angekündigten 40 Megawatt für das Land und 60 Megawatt für die Rechentechnik ergeben zusammen bereits die vollen 100 Megawatt. Entsalzung, Meerwasserpumpen, Antrieb und weitere Schiffssysteme benötigen jedoch ebenfalls erhebliche Energie, und wie diese Eigenverbräuche in der Angabe berücksichtigt sind, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Ungeklärt bleibt zudem ein praktisches Detail des mobilen Betriebs: Die Zuleitung für kaltes Tiefenwasser reicht bei OTEC-Anlagen mehrere hundert Meter in die Tiefe, und wie sich ein solcher Strang bei drohendem Unwetter binnen Stunden trennen und anschließend wieder verbinden lässt, ist bislang nicht öffentlich beschrieben. Für ein Schiff, dessen Alleinstellungsmerkmal gerade die schnelle Ausweichfähigkeit ist, wäre das ein zentraler Konstruktionspunkt.
Der Entwicklungsstand unterstreicht, wie früh das Vorhaben steht. Mittel aus einer laufenden Finanzierungsrunde sollen zunächst Konstruktionszeichnungen für eine Prüfung durch das American Bureau of Shipping finanzieren sowie eine umfassende Validierung des Energiesystems mit einem digitalen Zwilling. Eine Serienfertigung macht das Unternehmen von einer für 2027 geplanten weiteren Finanzierungsrunde abhängig. Auch die Eckdaten zu Kosten und Zeitplan sind Firmenschätzungen: Für die erweiterte Variante werden rund 587 Millionen US-Dollar Investitionskosten und etwa drei Jahre bis zur Einsatzbereitschaft genannt, wobei das Unternehmen getrennte Landanlagen als deutlich teurer und langsamer einstuft. Eine unabhängige Bestätigung dieser Angaben liegt bislang nicht vor. Kraaken ist damit ein technisch ambitioniertes Integrationskonzept aus lauter bekannten Bausteinen, deren Zusammenspiel in dieser Größenordnung allerdings erst noch bewiesen werden muss.