Ein Roboterhandschuh ermöglicht Menschen mit einer schweren Rückenmarksverletzung verschiedene Greifbewegungen, die sie mit der Zunge auslösen. Das System wurde an fünf Betroffenen mit eingeschränkter Handfunktion erprobt. Im Mittelpunkt standen alltägliche Gegenstände wie eine Flasche und eine Zahnbürste. Die Technik verbindet mechanische Unterstützung mit elektrischer Muskelstimulation, ohne die Rückenmarksverletzung selbst zu beheben.
Eine Flasche sicher umfassen, kurz festhalten und anschließend wieder loslassen: Für eine gelähmte Hand sind das mehrere voneinander getrennte Herausforderungen. Ein Roboterhandschuh muss deshalb mehr leisten, als die Finger mit einem Motor zusammenzuziehen. Er benötigt einen zuverlässigen Befehl, muss die Finger passend zum Gegenstand bewegen und die Hand anschließend wieder öffnen. Gleichzeitig darf die Bedienung nicht genau jene Bewegungen voraussetzen, die nach einer schweren Rückenmarksverletzung fehlen. Ein Knopf in der anderen Hand wäre beispielsweise nur dann eine Lösung, wenn diese Hand ausreichend beweglich geblieben ist. Der neue Ansatz setzt daher auf einen anderen erhaltenen Bewegungsweg. Die Zunge übernimmt die Steuerung, während der Handschuh die eigentliche Greifarbeit unterstützt. Entscheidend ist dabei nicht eine möglichst eindrucksvolle einzelne Bewegung, sondern eine nachvollziehbare Folge von Handlungen, die sich mit unterschiedlichen Gegenständen wiederholen lässt.
Die am 8. Oktober 2026 in npj Robotics veröffentlichte Untersuchung beschreibt ein Team um Oguzhan Kirtas und Lotte Andreasen Struijk von der Universität Aalborg. Beteiligt waren fünf Menschen mit Verletzungen des Rückenmarks im Halsbereich und unterschiedlich stark erhaltenen Bewegungsmöglichkeiten. Eine solche Tetraplegie kann Arme und Beine betreffen, bedeutet aber nicht bei jedem Menschen dieselbe vollständige Bewegungslosigkeit. Deshalb verglichen die Forscher die unterstützten Handlungen auch mit den jeweils vorhandenen Fähigkeiten ohne Handschuh. Zusätzlich trat das neue System gegen eine Variante an, bei der elastische Elemente die Finger wieder streckten. Die Untersuchung umfasste zwei Sitzungen und verschiedene Greifaufgaben. Damit liefert sie eine erste Prüfung am Menschen, aber noch keine Untersuchung darüber, wie zuverlässig die Technik über Monate im eigenen Zuhause funktioniert oder wie stark sie dort den Unterstützungsbedarf verändert.
Die Befehle entstehen in einer herausnehmbaren Schnittstelle im Mund. Darin befindet sich ein bewegliches Aktivierungselement, das in einen kleinen Rahmen integriert ist. Die Zunge verschiebt dieses Element über einem Feld aus 15 induktiven Sensorspulen. Aus den Signalen erkennt die Elektronik die gewünschte Eingabe und übermittelt sie an die Steuerung des Handschuhs. Anders als bei manchen älteren Zungenschnittstellen muss dafür nichts an der Zunge befestigt oder durch sie hindurchgeführt werden. Der Nutzer wählt auf diese Weise eine Greifbewegung oder löst das Öffnen der Hand aus. Es handelt sich also nicht um Gedankensteuerung und auch nicht um eine automatische Erkennung dessen, welchen Gegenstand die Person gerade ansieht. Die Absicht wird durch eine bewusst ausgeführte Bewegung mitgeteilt. Diese Trennung ist wesentlich: Die Zunge entscheidet über die Handlung, während die Technik die für das Greifen notwendige Unterstützung bereitstellt.
Zum Schließen der Hand ziehen beim Roboterhandschuh motorisierte Seilzüge an den Fingern. Die fünf Finger lassen sich dabei unabhängig ansteuern, sodass nicht jede Aufgabe denselben starren Faustschluss verlangt. Eine dünne Karte benötigt eine andere Fingerstellung als eine Flasche, deren Körper mit mehreren Fingern umfasst wird. Solche Unterschiede sind für ein brauchbares Hilfsmittel wichtiger als ein bloßer Nachweis, dass sich überhaupt etwas bewegt. Mechanisch entsteht aus dem Zug an einem Seil eine Beugung der Finger; die Hand bleibt jedoch Teil der Bewegung und wird nicht durch einen fremden Greifer ersetzt. Das eröffnet eine unmittelbare Verbindung zwischen einer unterstützten Fingerstellung und einem vertrauten Alltagsgegenstand. Zugleich muss die Steuerung begrenzen, wie viel Kraft entsteht und wann der Griff beendet wird. Ein sicheres Hilfsmittel braucht daher nicht nur starke Antriebe, sondern einen kontrollierten Wechsel zwischen Annäherung, Kontakt, Halten und Freigeben.
Für die Gegenbewegung nutzt das neue System funktionelle Elektrostimulation, kurz FES. Über Elektroden am Unterarm werden die für das Strecken der Finger benötigten Muskeln aktiviert. Die mechanischen Seilzüge schließen also die Hand, während elektrische Impulse ihre Öffnung unterstützen. Der Handschuh muss dadurch nicht für beide Bewegungsrichtungen zusätzliche mechanische Antriebe oder dauerhaft entgegenwirkende Rückstellelemente mitführen. Besonders wichtig ist, dass die Stimulation nur kurz zum Öffnen eingesetzt wird. Ein Gegenstand muss nicht während der gesamten Haltezeit durch elektrisch ausgelöste Muskelarbeit festgehalten werden. Der Roboterhandschuh verteilt die Aufgaben somit auf zwei unterschiedliche technische Wege. Daraus folgt allerdings nicht, dass elektrische Stimulation für jede gelähmte Hand ohne Anpassung geeignet wäre. Die Elektrodenposition und die Stärke der Reaktion müssen individuell abgestimmt werden. Eine erfolgreiche mechanische Beugung beweist für sich genommen noch nicht, dass auch die elektrisch unterstützte Streckung zuverlässig funktioniert.
Die Testaufgaben bildeten mehrere unterschiedliche Anforderungen ab. Die Teilnehmer griffen unter anderem nach einer Kunststofferdbeere, einer Visitenkarte, einer Flasche und einer elektrischen Zahnbürste. Außerdem wurde eine Zeigebewegung geprüft. Die Flasche wog rund 521 Gramm, während die Karte nur etwa 1,4 Gramm auf die Waage brachte. Nicht allein das Gewicht unterschied die Aufgaben: Ein flacher Gegenstand verlangt einen präzisen Kontakt, ein größerer Körper eine geeignete Umschließung. Insgesamt gelangen mit der elektrisch unterstützten Öffnung 96 Prozent der Greifversuche, mit der passiven Vergleichsvariante 89 Prozent. Diese Werte beziehen sich auf die Versuche der kleinen Teilnehmergruppe, nicht auf den Anteil geheilter Patienten. Ein erfolgreicher Versuch bedeutete zudem eine definierte ausgeführte Aufgabe unter Testbedingungen. Die Zahlen geben deshalb Auskunft über die Funktionsfähigkeit des Systems im Experiment, nicht über sämtliche Handlungen, die im Alltag mit einer Hand möglich sind.
Auch die gemessenen Greifkräfte verbesserten sich mit Unterstützung durch den Roboterhandschuh. Bei diesen Kraftmessungen steuerte jedoch ein Versuchsleiter die Antriebe, damit sich die mechanische Wirkung gezielt erfassen ließ. Das Ergebnis beantwortet eine andere Frage als die zungengesteuerten Alltagsaufgaben: Es zeigt, welche zusätzliche Kraft der Roboterhandschuh bereitstellen kann. Daraus lässt sich keine wiederhergestellte natürliche Muskelkraft ableiten. Ebenso erreichte der Unterschied zwischen der elektrisch und der passiv öffnenden Variante bei der Greifkraft keine statistische Signifikanz. Der numerische Vorteil der neuen Konstruktion ist deshalb noch kein gesicherter Nachweis ihrer Überlegenheit. Für die Einordnung hilft die Trennung zwischen Hilfsmittel und Therapie. Ein Hilfsmittel kann eine Handlung ermöglichen, während es getragen wird. Eine therapeutische Wirkung müsste dagegen durch eine anhaltende Veränderung der Fähigkeiten belegt werden. Ob das Training mit dieser Kombination solche zusätzlichen Effekte auslösen kann, wurde mit der vorliegenden Untersuchung nicht nachgewiesen.
Die Teilnehmer benötigten unterschiedlich viel Unterstützung. Bei einer Person musste ein Versuchsleiter die Gegenstände in eine geeignete Position bringen, weil Arm und Schulter nicht ausreichend bewegt werden konnten. Das macht eine grundlegende Grenze sichtbar: Eine greifende Hand erreicht noch nicht automatisch den richtigen Ort. Auch das Anlegen und Ablegen des Handschuhs sowie das Einsetzen der Mundschnittstelle können fremde Hilfe erfordern. Hinzu kommen externe Steuergeräte und die Vorbereitung der elektrischen Stimulation. Der Roboterhandschuh selbst wiegt ungefähr 125 Gramm, das angegebene Gesamtsystem dagegen rund 1.155 Gramm. Diese Größen dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Ein leichtes Bauteil an der Hand ist für die Beweglichkeit günstig, ersetzt aber keine tragbare Gesamtlösung. Für eine spätere Anwendung wäre daher ebenso wichtig, wo die übrige Technik untergebracht wird und wie schnell sich das System für eine konkrete Alltagshandlung vorbereiten lässt.
Die Frage nach der Armposition wird in einem getrennten Forschungsprojekt ausdrücklich untersucht. Ein im April 2026 veröffentlichter Preprint über ein zungengesteuertes Armexoskelett beschreibt die Erprobung einer zusätzlichen seitlichen Handgelenkbewegung. Dort nahmen fünf Menschen mit Rückenmarksverletzungen und eine Person mit amyotropher Lateralsklerose teil. Diese Ergebnisse gehören nicht zum neuen Handschuhversuch und dürfen nicht zu einer größeren gemeinsamen Patientenzahl zusammengezählt werden. Sie verdeutlichen jedoch, weshalb die Entwicklung solcher Hilfsmittel mehrere Bewegungsebenen umfasst. Zum Trinken muss die Hand nicht nur schließen; auch Arm, Handgelenk und Gegenstand müssen passend zueinander ausgerichtet werden. Ein Gerät kann bei einer einzelnen Teilaufgabe erfolgreich sein und trotzdem zusätzliche Unterstützung für die gesamte Handlung benötigen. Gerade diese Unterschiede entscheiden darüber, welche Kombination von Hilfsmitteln für einen bestimmten Menschen tatsächlich nützlich sein könnte.
Für den weiteren Weg sind größere und längere Untersuchungen entscheidend. Dabei müsste sich zeigen, wie gut die Bedienung nach wiederholtem Gebrauch gelingt, wie störanfällig die Technik außerhalb des Versuchsumfelds ist und ob der Nutzen den Aufwand der Vorbereitung überwiegt. Ebenso wichtig wären unterschiedliche Handstellungen, Gegenstandsoberflächen und Situationen, in denen etwas unerwartet verrutscht. Eine hohe Erfolgsquote bei ausgewählten Aufgaben beantwortet diese Fragen noch nicht. Die Weltgesundheitsorganisation nennt geeignete Hilfsmittel und Rehabilitation als wichtige Bestandteile einer Versorgung, die Selbstständigkeit und Teilhabe unterstützt. Der neue Roboterhandschuh ist innerhalb dieses größeren Zusammenhangs ein konkreter technischer Ansatz. Er verlegt die bewusste Steuerung auf eine erhaltene Bewegungsmöglichkeit und verbindet sie mit Unterstützung an der eigenen Hand. Sein Erfolg muss sich letztlich daran messen lassen, welche vollständigen Handlungen dadurch zuverlässig möglich werden.
npj Robotics, A tongue-controlled FES-robotic exoskeleton restores hand function in users with cervical spinal cord injury; doi:10.1038/s44182-026-00117-9
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