Robert Klatt
Die Windkraft liefert CO₂-neutralen Strom, gefährdet aber viele Zugvögel. Wetterradardaten können dabei helfen, Windkraftwerke automatisch zu deaktivieren, um Kollisionen zu verhindern, ohne dass die Stromproduktion dadurch stark abnimmt.
Birmensdorf (Schweiz). Die Windkraft liefert in Deutschland und vielen anderen Staaten immer mehr CO₂‑neutralen Strom, steht aber oft in der Kritik, weil sie Zugvögel gefährdet. Allein in den U.S.A. soll es zwischen 140.000 und 330.000 Kollisionen zwischen Windkraftwerken und Vögeln geben. Belastbare Schätzungen für Europa existieren noch nicht. In einzelnen Regionen, etwa am Gotthardpass, den jährlich rund 1,7 Millionen Zugvögel passieren, werden die Turbinen jedoch bereits automatisch deaktiviert, wenn das lokale Vogelradar viele Vögel erkannt.
In den kommenden Jahren wird die Gefahr für Zugvögel durch die Windkraft in Europa trotz erster Gegenmaßnahmen weiter zunehmen, weil rund 25.000 neue Windkraftwerke installiert werden sollen. Forscher der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL (WSL) haben deshalb erforscht, wie Zugvögel besser vor den Gefahren der Windkraftwerke geschützt werden können.
Die Wissenschaftler haben dazu Wetterradardaten analysiert. Diese Systeme sind über Europa verteilt und messen normalerweise die Niederschlags- und Wolkenintensität, erfassen aber auch größere Vogelschwärme. Weil sie deutlich größere Flächen als die vereinzelten Vogelradare abdecken und alle 15 Minuten Daten mit einer hohen Auflösung liefern, sind ihre Daten deutlich präziser. Die analysierten Radardaten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg zeigen, dass jede der etwa 42.000 aktiven Windturbinen im statistischen Mittel knapp 800 Vögel gefährdet hat.
Die Forscher haben daraufhin ein Modell erstellt, das unterschiedliche Abschaltszenarien, die einen Teil der potenziellen Kollisionen vermeiden würden, untersucht hat. Im ersten Szenario wurden die Windkraftwerke bei einem sehr hohen Vogelaufkommen deaktiviert, im zweiten Szenario immer dann, wenn in der Umgebung eines Windkraftwerks eine bestimmte Vogelanzahl überschritten wurde, und im dritten Szenario, wenn die Zahl der möglichen Kollisionen pro produzierte Kilowattstunde (kWh) einen Grenzwert überschreitet.
In den beiden ersten Szenarien nimmt die Stromproduktion durch die automatische Abschaltung um bis zu 20 Prozent ab. Sie sind deshalb für die Betreiber sehr unattraktiv, während im dritten Szenario die Stromproduktion nur um 1,2 bis 7,6 Prozent sinkt.
„Überraschend effiziente Kompromisse sind möglich, bei denen nur wenig Energieproduktion verloren geht.“
Die Forscher wollen in Anbetracht der positiven Ergebnisse eine weitere Studie durchführen, die sich nicht auf Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Luxemburg beschränkt, sondern die Situation in ganz Europa untersucht. Wie sie erklären, zeigen die aktuellen Ergebnisse aber bereits deutlich, dass man die Zahl der Kollisionen von Windkraftwerken mit Vögeln stark reduzieren kann, wenn man die Kraftwerke in den kurzen Zeiten mit vielen Vogelbewegungen deaktiviert, ohne dass dadurch die Stromproduktion stark sinkt.
„Viele Menschen lehnen Windturbinen ab, weil sie glauben, dass diese eine enorme Menge an Vögeln töten. Ich möchte nachhaltige Energieproduktion und Vogelschutz vereinbaren und aufzeigen, dass es Strategien gibt, um die Zahl gefährdeter Vögel zu reduzieren.“
Quellen:
Pressemitteilung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL (WSL)
Studie im Fachmagazin Nature Sustainability, doi: 10.1038/s41893-026-01853-4