Reversible Polymere

Kunststoff verschwindet bei 90 Grad und taucht anderswo wieder auf

 Dennis Lenz

Kunststoff verschwindet bei 90 Grad und taucht anderswo wieder auf
(Symbolbild) Ein experimenteller Kunststoff bildet wasserabweisende Beschichtungen, die sich später durch Erwärmen wieder entfernen lassen. Dabei zerfallen seine Ketten in flüchtige Bausteine. Auf kühleren Oberflächen entsteht daraus erneut festes Material. Die Versuche betreffen einen speziell entwickelten Werkstoff und zeigen bislang Anwendungen im Labor. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein experimenteller Kunststoff zerfällt bei etwa 90 Grad in gasförmige Bausteine und wird beim Abkühlen wieder fest. In bisherigen Laborversuchen ließen sich damit wasserabweisende Beschichtungen auftragen, wieder entfernen und das eigens entwickelte Material von einem Farbstoff trennen. Ein Stück Filterpapier verrät, wie weit die Idee bereits reicht.

Chemiker der University of Surrey haben einen Kunststoff entwickelt, der sich bei 90 Grad Celsius in flüchtige Moleküle zerlegt und an kühleren Flächen erneut feste Ketten bildet. Wiedergewonnen wird dabei der chemische Werkstoff, dessen gewünschte Form anschließend durch einen eigenen Verarbeitungsschritt entstehen müsste, etwa durch Auftragen auf einen Träger. Touseef Kazmi und Peter Roth beschreiben das Verfahren im Fachmagazin Macromolecules und haben es an mehreren kleinen Proben erprobt.

Ausgangspunkt war ein Problem bei der Herstellung des kleinen ringförmigen Bausteins 1,2-Dithiolan, dessen Gerüst zwei miteinander verbundene Schwefelatome enthält. Sobald das Team das Lösungsmittel vollständig entfernte, blieb ein gelbweißer Feststoff zurück, statt den gewünschten Einzelbaustein isoliert zu erhalten. Während sich die Moleküle beim Isolieren bereits zu langen Ketten verbanden, ließ sich der Ausgangsstoff in einer Lösung aufbewahren und gezielt weiterverarbeiten. Aus der zunächst störenden Reaktion entstand die Idee, die schnelle Kettenbildung für einen neuen Werkstoff zu nutzen, das Polymer Poly(1,2-dithiolan).

Surrey misst die Rückgewinnung im offenen Glasrohr

Für einen Kontrollversuch erhitzte die Arbeitsgruppe eine Probe von 65 Milligramm über zwei Stunden in einem oben offenen Glasrohr. An dessen kühleren Wänden sammelten sich 89 Prozent der eingesetzten Menge, während ein kleiner Rest am Boden blieb. Durch die Öffnung entwich ebenfalls Material, sodass die Versuchsanordnung bereits einen konkreten Ansatzpunkt für Verbesserungen liefert. Nach erneutem Erhitzen ließ sich auch der zurückgewonnene Feststoff wieder auf diese Weise umlagern.

Hinter dem sichtbaren Verschwinden steckt eine Depolymerisation, also das Auftrennen der Ketten in ihre kleinen Ausgangsbausteine, die Monomere. Weil diese den warmen Feststoff als Gas verlassen, verschiebt sich das chemische Gleichgewicht zugunsten der weiteren Zerlegung. Eine gesonderte, aktiv gestartete Polymerisation entfiel bei der Rückbildung, was den Ablauf von anderen chemischen Recyclingverfahren unterscheidet. Mit einem Massenspektrometer untersuchte das Team die beim Erwärmen entstehenden Teilchen und fand vor allem den erwarteten ursprünglichen Baustein. Die Gasanalyse stützt damit den beschriebenen Rückweg auf molekularer Ebene und ergänzt die bloße Beobachtung im Versuchsgefäß.

Filterpapier erhält in Guildford eine wasserabweisende Haut

Als erste Anwendung stellte das Team aufgerolltes Filterpapier in den oberen Bereich eines Versuchsgefäßes, wo es den aufsteigenden Stoff aufnehmen konnte. Auf der kühleren Papieroberfläche bildete sich daraus ein Überzug, der das normalerweise saugfähige Material gegen Wasser abschirmte. Ein aufgesetzter Tropfen blieb auf der behandelten Fläche stehen. Solche Beschichtungen könnten auch für Gegenstände mit verwinkelten Oberflächen interessant werden, die eine Flüssigkeit nur schlecht benetzt. Dafür muss die zu beschichtende Fläche ausreichend kühl bleiben, damit sich der flüchtige Stoff dort sammelt und erneut verknüpft.

Eine weitere Papierprobe tauchten die Chemiker dreimal in eine Lösung des Ausgangsbausteins und ließen sie nach jedem Bad trocknen. Auf diesem Weg entstand das wasserabweisende Polymer unmittelbar auf und vermutlich auch innerhalb der faserigen Unterlage. Der gemessene Kontaktwinkel eines Wassertropfens betrug zunächst 99,4 Grad und kennzeichnete, wie deutlich sich das Wasser auf der Oberfläche wölbte. Auch nach 50 Tagen unter gewöhnlichen Umgebungsbedingungen blieb der Überzug wasserfest. Für eine technische Nutzung wäre eine solche Haltbarkeit relevant, weil Schutzschichten während des Gebrauchs zuverlässig auf ihrem Träger bleiben müssen.

Wärme entfernt in Surrey den zuvor festen Überzug

Zum Ablösen der Beschichtung erhitzten die Chemiker einen Teil des behandelten Papiers über Nacht auf 100 Grad Celsius. Anschließend nahm die Unterlage Wasser wieder bereitwillig auf, hatte sich durch die lange Hitzeeinwirkung aber sichtbar verfärbt. Der Versuch zeigt damit auch eine praktische Grenze für empfindliche Trägermaterialien, deren Eigenschaften beim Entfernen eines Überzugs erhalten bleiben sollen. Bei späteren Anwendungen müssten Temperatur und Dauer deshalb zu Papier, Kunststoff oder elektronischen Bauteilen passen.

Für das Recycling beschichteter Gegenstände wäre eine gezielte Trennung der Materialien hilfreich, weil ein fest haftender Überzug die weitere Verarbeitung erschweren kann. Die durch Verdampfen einer Lösung oder Wiederabscheiden entstandenen Proben blieben bei Raumtemperatur in den getesteten organischen Lösungsmitteln unlöslich. Andere Synthesewege lieferten dagegen lösliche Produkte, wobei Infrarotspektren eine sehr ähnliche chemische Zusammensetzung der verschiedenen Proben bestätigten. Als Ursache dieser Unterschiede vermuten die Autoren eine stärkere Verflechtung der Ketten und eine mögliche Verschlingung ringförmiger Moleküle.

Surrey trennt Kunststoff von Nilrot und Berkeley nutzt Säure

Zusätze bilden eine weitere Hürde, weil Farbstoffe und Füllstoffe beim gewöhnlichen Waschen von Kunststoffstücken im Material eingeschlossen bleiben können. In Surrey mischte das Team deshalb Nilrot als gut sichtbaren Modellzusatz ein und erhielt einen dunkelvioletten Polymerfeststoff. Beim Erwärmen ließ sich daraus farbloses Material getrennt sammeln, während der Farbstoff zurückblieb. Dieser Versuch prüft gezielt eine einfache Mischung und liefert noch keinen Nachweis für die Reinigung beliebiger Haushaltsabfälle. Für die Weiterentwicklung wäre besonders interessant, welche zusätzlichen Stoffe gemeinsam mit dem Polymer übergehen und welche sich ebenso zuverlässig abtrennen lassen.

Ein anderer Ansatz des Berkeley Lab verdeutlicht, warum diese Trennung für den Wert zurückgewonnener Kunststoffe entscheidend ist. Dort entwickelten Brett Helms und Kollegen Poly(diketoenamin), kurz PDK, dessen Bindungen eine stark saure Lösung wieder öffnet. Anschließend lassen sich die freigesetzten Bausteine von den beigemischten Zusätzen trennen und erneut zu Kunststoff verarbeiten. Das neue Produkt muss dadurch die Farbe des Ausgangsmaterials nicht übernehmen und kann andere Eigenschaften erhalten. Für beide Konzepte müssen die Bindungen des jeweiligen Werkstoffs von Anfang an zu seinem späteren Recyclingweg passen.

Florida aktiviert Kettenenden und Senftenberg baut Sollbruchstellen ein

Beim wiederholten Einschmelzen gewöhnlicher Kunststoffe können sich die Molekülketten verkürzen und damit die Eigenschaften des Materials verschlechtern. Brent Sumerlins Arbeitsgruppe an der University of Florida untersucht deshalb die Rückführung von Polymerketten in ihre ursprünglichen Bausteine. Ihr Verfahren für Polymethylmethacrylat, bekannt unter anderem als Plexiglas, setzt gezielt an den Kettenenden an. Die im Fachmagazin Chem beschriebene Reaktion kommt ohne zugesetzten Katalysator und ohne Lösungsmittel aus und gewinnt mehr als neun Zehntel des Monomers zurück.

Ein Verbund unter Leitung des Helmholtz-Zentrums Hereon verfolgt mit Beteiligung der BTU Cottbus-Senftenberg einen anderen Entwurf für Kunststoff mit eingebauten Sollbruchstellen. Dort sitzen chemisch angreifbare Thioesterbindungen innerhalb einer veränderten Polystyrolstruktur, die sich später in kleinere Fragmente zerlegen lässt. Für die Herstellung verwendet das Team auch einen Baustein aus pflanzlichen Kohlenhydraten und heizt die Reaktion mit Mikrowellen. Auf einer Spritzgussanlage entstanden bereits kleine Petrischalen von der Größe einer Ein-Euro-Münze. Damit verbindet diese Arbeit einen gezielt zerlegbaren Aufbau mit einem greifbaren Formteil, das sich auf gebräuchlichen Maschinen herstellen lässt.

Styrol bremst in Surrey den Weg durch die Gasphase

Wie stark der Effekt von der Zusammensetzung abhängt, prüfte die Surrey-Gruppe an Ketten, die zusätzlich Styrolbausteine enthielten. Diese Copolymere gaben ihren Dithiolananteil beim Erwärmen nicht auf dem beschriebenen Weg ab, sondern blieben im Versuchsgefäß zurück. Selbst bei 120 Grad Celsius über bis zu sieben Tage beobachtete das Team lediglich einen langsamen Abbau der Ketten. Für verwandte Werkstoffe lässt sich die besondere Eigenschaft deshalb nicht einfach durch Beimischen eines geeigneten Bausteins erzeugen. Für weitere Werkstoffe schlagen die Autoren vor, den molekularen Aufbau gezielt zu verändern und damit Löslichkeit, Wasserabweisung und thermisches Verhalten einzustellen.

Am gereinigten, farblosen Produkt untersuchten die Chemiker außerdem, wie es sich bei längerer Lagerung unter gewöhnlichen Umgebungsbedingungen verhält. Über einen Zeitraum von 15 Monaten blieb diese Probe nach ihren Angaben unverändert.

Macromolecules, Lipoic Acid Without the Side Chain: Sublimable Homopolymers and Degradable Copolymers Based on 1,2-Dithiolane; doi:10.1021/acs.macromol.6c01500

Nature Chemistry, Closed-loop recycling of plastics enabled by dynamic covalent diketoenamine bonds; doi:10.1038/s41557-019-0249-2

Chem, Bulk depolymerization of poly(methyl methacrylate) via chain-end initiation for catalyst-free reversion to monomer; doi:10.1016/j.chempr.2023.07.004

Chem Circularity, Microwave-assisted polymerization of degradable polystyrene copolymers toward circular single-use plastic; doi:10.1016/j.checir.2026.100163

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