Verkörperte Intelligenz

Humanoider Roboter geht in China in Serienfertigung

 Dennis Lenz

Humanoider Roboter geht in China in Serienfertigung
(Symbolbild) Humanoide Roboter sollen in Umgebungen arbeiten, die für Menschen gebaut sind, also an Türklinken, Treppen und Werkbänken statt an speziell eingerichteten Arbeitsstationen. Genau deshalb ist die menschenähnliche Bauform aufwendig: Zweibeiniges Gehen verlangt eine ständige Balanceregelung, Greifen mit fünf Fingern eine feine Kraftmessung. China hat für 2026 erstmals Produktionszahlen im sechsstelligen Bereich in Aussicht gestellt. Der Sprung von der Vorführung zur Fertigungsstraße verändert die Rechnung für die gesamte Branche. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

China will 2026 nach Angaben seines Industrieministeriums mehr als 100.000 humanoide Roboter produzieren. Eine gemeinsame Fertigungslinie von Leju Robotics und Dongfang Jinggong liefert seit Ende März alle 30 Minuten ein Gerät, ein Werk in Shenzhen kommt auf ein Gerät alle 15 Minuten. Ein Hersteller hatte Anfang Juni bereits rund 11.000 zweibeinige Maschinen gebaut, ein anderer Ende Juni die Nummer 15.000. Was diese Zahlen für Preise und Einsatzorte bedeuten, zeichnet sich gerade erst ab.

Humanoide Roboter sind seit Jahrzehnten ein Vorführobjekt. Sie laufen über Bühnen, öffnen Türen und tragen Kisten, und nach der Veranstaltung verschwinden sie wieder im Labor. Der Grund liegt in der Bauform: Ein zweibeiniger Körper muss permanent ausbalanciert werden, weil er im Stehen bereits instabil ist, und eine Hand mit fünf beweglichen Fingern braucht Kraftsensoren, Getriebe und Steuerung auf engstem Raum. Wirtschaftlich lohnt dieser Aufwand nur, wenn die Maschine Arbeit in Umgebungen übernimmt, die für Menschen gebaut sind. Genau das ist das Argument der Branche: Ein Roboter, der Treppen steigt und vorhandene Werkzeuge greift, macht den Umbau ganzer Hallen überflüssig.

In China hat sich dieses Argument in Industriepolitik übersetzt. Die Regierung führt verkörperte Intelligenz, also die Verbindung von Sprachmodellen und Robotik, als Schwerpunkt in ihrer Planung, und die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission erklärte Anfang September, kleine und mittlere Unternehmen beim Schritt vom Prototyp zur Serienfertigung unterstützen zu wollen. Am 1. September trat zudem eine Reihe nationaler Normen für die Steuerungssysteme von Robotern in Kraft, darunter eine allgemeine Architektur für intelligente Steuerungen. Solche Normen wirken unspektakulär, entscheiden aber darüber, ob Komponenten verschiedener Hersteller zusammenpassen und ob Zulieferer in großen Stückzahlen fertigen können.

Ein Gerät alle 30 Minuten vom Band

Die konkreten Zahlen stammen vom Industrieministerium und von den Herstellern. Ende März nahm eine automatisierte Linie von Leju Robotics und Dongfang Jinggong den Betrieb auf, ausgelegt auf über 10.000 Geräte im Jahr, mit einem Takt von einem Roboter alle 30 Minuten. Im Mai folgte ein Werk von Zhongqing Robotics in Shenzhen, das den Takt auf 15 Minuten drückt. Der Hersteller Unitree hatte Anfang Juni nach eigenen Angaben insgesamt rund 11.000 zweibeinige Roboter gebaut, Agibot lieferte Ende Juni das 15.000ste Gerät aus, keine drei Monate nach dem Erreichen der Marke von 10.000. Das Ministerium erwartet für das Gesamtjahr eine Produktion von über 100.000 Einheiten.

Was die Stückzahlen mit dem Preis machen

Stückzahlen sind in der Robotik keine Eitelkeit, sondern der Hebel auf den Preis. Antriebe, Gelenkmodule, Kraftsensoren und Laserscanner sind heute die teuersten Bauteile eines humanoiden Roboters, und genau bei ihnen sinken die Kosten mit der Menge. Ablesbar ist das bei Zulieferern: Ein chinesischer Hersteller von Laserscannern verkaufte im ersten Halbjahr 2026 rund 719.200 Einheiten, ein Plus von 170 Prozent gegenüber dem Vorjahr, davon gingen 282.600 in die Robotik, was dort einer Steigerung um 510 Prozent entspricht. Marktbeobachter erwarten für 2026 einen Produktionsanstieg bei humanoiden Robotern in China um 94 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei zwei Anbieter zusammen fast 80 Prozent der Auslieferungen stellen dürften.

Wo die Maschinen tatsächlich landen

Der Einsatzort entscheidet darüber, ob aus Produktionszahlen ein Geschäft wird. Bislang gehen die meisten Geräte in Forschung, Ausbildung und industrielle Erprobung, etwa in Logistikhallen und Fertigungslinien, wo klar umgrenzte Aufgaben wiederholt ausgeführt werden. Der Automobilhersteller XPENG kündigte an, bis Ende 2026 in Serie zu fertigen und die Roboter ab dem ersten Quartal 2027 in den eigenen Verkaufsräumen einzusetzen, dort als Berater und Verkaufshilfe. Der Haushalt gilt dagegen als der schwierigste denkbare Einsatzort, weil dort nichts standardisiert ist: unterschiedliche Böden, wechselnde Gegenstände, Kinder und Haustiere. Aussagen von Herstellern über eine baldige Verfügbarkeit im Wohnzimmer sind deshalb Ankündigungen, keine belegten Fähigkeiten.

Warnungen vor einer Blase

Bemerkenswert ist, dass die Skepsis in China selbst formuliert wird. Aufsichtsbehörden warnen vor einer Überhitzung des Marktes, vor Doppelinvestitionen und vor Engpässen in der Lieferkette, insbesondere bei leistungsfähigen Chips, deren Ausfuhr Beschränkungen unterliegt. Hinzu kommt, dass Produktionszahlen nicht mit Verkaufszahlen gleichzusetzen sind: Ein Roboter, der gebaut wurde, ist damit weder ausgeliefert noch im produktiven Einsatz. Auch die Einsatzdauer im Alltag ist bislang kaum dokumentiert, ebenso wenig Wartungsaufwand und Lebensdauer der Gelenke unter Dauerlast. Für die kommenden Jahre bleibt deshalb offen, ob die Fertigungslinien Nachfrage bedienen oder Lagerbestände erzeugen. Sicher ist nur, dass die Bauform den Sprung aus dem Labor in die Serienfertigung geschafft hat.

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