Finnland darf als erstes Land der Welt hochradioaktiven Atommüll dauerhaft tief im Gestein einschließen. Die finnische Regierung hat dem Unternehmen Posiva die Betriebsgenehmigung für das Endlager Onkalo bei Olkiluoto erteilt, die weltweit erste Lizenz dieser Art für abgebrannte Brennelemente. Dort sollen bis zu 6.500 Tonnen Uran in rund 3.300 Kupferkanistern in mehr als 400 Metern Tiefe verschwinden. Sofort losgehen kann es allerdings noch nicht, denn vor der ersten Einlagerung muss die Strahlenschutzbehörde die Anlage abschließend prüfen.
Seit Beginn der Atomkraft in den 1950er Jahren ist die Frage offen, wohin mit den abgebrannten Brennelementen, die noch sehr lange gefährlich strahlen. Weltweit lagern sie bislang in Zwischenlagern, also in Abklingbecken oder Behältern an der Oberfläche, die nie für die Ewigkeit gedacht waren. Finnland hat nun als erstes Land einen Schritt weiter gemacht. Am 22. Oktober 2026 erteilte die Regierung in Helsinki die Betriebsgenehmigung für die Verkapselungsanlage und das unterirdische Endlager in Eurajoki an der finnischen Westküste.
Posiva, ein gemeinsames Unternehmen der beiden finnischen Kraftwerksbetreiber TVO und Fortum, spricht in seiner Mitteilung zur Entscheidung von einem historischen Tag. Nach mehr als 40 Jahren Vorbereitung beginne nun eine neue Phase, an deren Ende ein Betrieb von über hundert Jahren stehe. „Diese Lösung wurde nicht gebaut, weil es leicht war. Sie wurde gebaut, obwohl es nicht leicht war“, sagte Posiva-Chef Ilkka Poikolainen. Zentrale Grundlage der Regierungsentscheidung war ein Sicherheitsgutachten der finnischen Strahlenschutzbehörde STUK vom August.
Die Betriebsgenehmigung gilt bis Ende 2070 und deckt den Atommüll der Kernkraftwerke Olkiluoto und Loviisa ab, also aller derzeit in Finnland laufenden Reaktoren. Posiva darf bis zu 6.500 Tonnen Uran in Form abgebrannter Brennelemente annehmen, verarbeiten und endlagern. Das entspricht nach Angaben aus dem Genehmigungsantrag etwa 3.300 Endlagerbehältern. Ist der Betrieb eingespielt, sollen jährlich höchstens 60 Behälter in den Untergrund wandern. Bis die gesamte Menge eingelagert ist, dürfte es nach heutiger Planung bis in die 2120er Jahre dauern.
Danach wird das Endlager mit Füllmaterial verschlossen, und die Verantwortung für den Atommüll geht nach finnischem Atomgesetz auf den Staat über. Zusätzlich darf Posiva schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus dem Betrieb der Anlage und aus dem Rückbau der Kraftwerke seiner Eigentümer lagern. Deren Volumen darf 3.000 Kubikmeter unter keinen Umständen überschreiten. Ausländischen Atommüll nimmt Finnland nicht auf.
Mit der Genehmigung allein beginnt die Einlagerung noch nicht. Posiva muss zunächst die Inbetriebnahme abschließen und die nötigen Tests und Prüfungen durchführen. Bevor die ersten abgebrannten Brennelemente in die Verkapselungsanlage gebracht werden dürfen, führt die Strahlenschutzbehörde eine eigene Inspektion durch. Erst wenn sie bestätigt, dass alle Bedingungen für einen sicheren Betrieb erfüllt sind, darf es losgehen. Einen genauen Zeitplan nennt Posiva bisher nicht. „Nur eine sichere Endlagerung ist möglich“, betonte Poikolainen.
Auch danach bleibt das Endlager unter strenger Aufsicht. Wie die Strahlenschutzbehörde STUK erläutert, überwacht sie die Anlage während ihres gesamten Lebenszyklus und kann jederzeit Nachbesserungen verlangen. Innerhalb von zehn Jahren muss Posiva zudem eine regelmäßige Sicherheitsbewertung und einen aktualisierten Nachweis der Langzeitsicherheit vorlegen.
Das Sicherheitskonzept von Onkalo, finnisch für Höhle, beruht auf mehreren Barrieren, die sich gegenseitig ergänzen. Bevor die Brennelemente überhaupt ins Endlager kommen, kühlen sie je nach Herkunft etwa 20 bis 50 Jahre lang in Wasserbecken an den Kraftwerken ab. In der oberirdischen Verkapselungsanlage werden sie dann in einen Einsatz aus Gusseisen gesteckt, der von einem fünf Zentimeter dicken Kupfermantel umgeben ist. Der Deckel wird dicht verschweißt, damit kein Grundwasser an das Eisen und die Brennelemente gelangen kann. Kupfer korrodiert unter den sauerstoffarmen Bedingungen in der Tiefe nur äußerst langsam.
Ein solcher Kupferkanister ist gut einen Meter dick und je nach Reaktortyp 3,6 bis 5,2 Meter lang. Ein Behälter für die Brennelemente aus den älteren Reaktoren von Olkiluoto ist 4,75 Meter lang, fasst zwölf Brennelemente und wiegt 24,5 Tonnen. Die Kanister werden einzeln in senkrechte Bohrlöcher im Boden der Endlagerstollen abgesenkt, die rund 400 bis 430 Meter unter der Oberfläche liegen. Rund um jeden Behälter liegt eine Schicht aus Bentonit, einem Ton, der bei Kontakt mit Wasser aufquillt und das Bohrloch abdichtet. Am Ende werden auch die Stollen verfüllt, und das umgebende Gestein bildet die äußerste Barriere.
Der Weg dorthin war lang. Die Regierung hatte bereits 2015 die Baugenehmigung erteilt, Ende 2016 begann der Bau des unterirdischen Teils, im Sommer 2019 der Bau der Verkapselungsanlage. Ende 2021 reichte Posiva den Antrag auf die Betriebsgenehmigung ein. Im August 2026 legte STUK schließlich eine positive Stellungnahme vor und erklärte, dass die gesetzlichen Voraussetzungen für den Betrieb erfüllt seien.
Der Grundgedanke hinter dem Endlager ist, dass sich künftige Generationen nicht mehr um den Atommüll kümmern müssen. Genau das nennt Posiva als seinen Auftrag: Die abgebrannten Brennelemente der Eigentümer sollen so entsorgt werden, dass spätere Generationen die Frage der Endlagerung nicht mehr lösen müssen. Anders als ein Zwischenlager, das bewacht, gewartet und irgendwann ersetzt werden muss, soll das verschlossene Endlager ohne menschliches Zutun sicher bleiben. Die Barrieren aus Kupfer, Ton und Gestein sollen die radioaktiven Stoffe so lange von Grundwasser und Umwelt fernhalten, bis ihre Strahlung weitgehend abgeklungen ist.
Dass Finnland weltweit vorne liegt, hat nach Einschätzung von Posiva auch mit politischer Stabilität und verlässlichen Rahmenbedingungen zu tun. Das finnische Fachwissen ist inzwischen gefragt: Die Tochterfirma Posiva Solutions berät nach eigenen Angaben bereits 19 Länder, die eigene Endlager entwickeln. Auch Schweden und Frankreich arbeiten an Endlagern für hochradioaktiven Müll, eine Betriebsgenehmigung hat dort aber noch keines.
In Deutschland ist man von diesem Punkt noch weit entfernt. Hier sucht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) bislang nach einem geeigneten Standort. Im Jahr 2020 stellte sie fest, dass etwa die Hälfte Deutschlands grundsätzlich infrage kommen könnte, inzwischen ist die Fläche auf rund ein Viertel geschrumpft. Am 27. Oktober 2026 will die BGE ihren neuen Arbeitsstand zur Endlagersuche vorstellen, Ende 2027 sollen dann Standortregionen vorgeschlagen werden, die anschließend genauer erkundet werden. Über die Regionen und später den Standort entscheidet jeweils der Bundestag per Gesetz.
Bis dahin bleibt der deutsche Atommüll in Zwischenlagern. Forscher arbeiten parallel an weiteren Ideen rund um das Problem. So untersuchen Mikrobiologen etwa, wie Bakterien in einem Endlager Uran in unlösliche Kristalle umwandeln könnten.
Ob neue Reaktorkonzepte das Müllproblem verkleinern, ist ebenfalls umstritten, denn eine Analyse kam zu dem Ergebnis, dass kleine Reaktoren sogar mehr Atommüll erzeugen können. Die Entsorgungsfrage stellt sich unabhängig davon für jedes Land, das Kernkraftwerke betreibt oder betrieben hat. Mit Onkalo existiert nun erstmals ein genehmigter Ort, an dem hochradioaktive Abfälle für immer verschwinden sollen.
Posiva, Historic decision: Finnish Government grants operating licence to Posiva
Säteilyturvakeskus STUK, Encapsulation and final disposal facility
Posiva Oy, Operating licence application: Encapsulation plant and disposal facility for spent nuclear fuel
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