Optische Analyse

Fingernagelgroßer photonischer Chip entwirrt überlagertes Licht

 Dennis Lenz

Fingernagelgroßer photonischer Chip entwirrt überlagertes Licht
Ein rekonfigurierbarer photonischer Chip auf einer Leiterplatte trennt teilweise kohärente Lichtsignale in einzelne Moden. (Foto: © ISTA, Institute of Science and Technology Austria (ISTA) / Stanford News)
Lesefassung · Kategorie: Technik

Fingernagelgroßer photonischer Chip entwirrt überlagertes Licht

Der fingernagelgroße photonische Chip zerlegt überlagerte Lichtsignale automatisch in getrennte Strahlen, wie ein Forschungsteam aus Stanford und Österreich mit mehreren Laserquellen demonstrierte. Künftig könnte die Technik Mikroskope und Teleskope empfindlicher machen, weil sie Informationen aus Licht zurückgewinnt, die herkömmliche Kameras zusammenfassen.

Treffen zwei Lichtquellen aus derselben Richtung auf einen Sensor, landen ihre Beiträge häufig gemeinsam in einem Bildpunkt. Hinter dem hellen Fleck kann dann sowohl ein einzelnes Objekt als auch eine Überlagerung mehrerer Lichtquellen stecken, die eine Kamera kaum auseinanderhalten kann; genau diese verborgene Information soll ein neuer photonischer Chip nutzbar machen.

Entwickelt wurde das System von Forschern der Stanford University und des Institute of Science and Technology Austria (ISTA), veröffentlicht wurde die Forschungsarbeit im Fachjournal Nature Photonics. Für das Verfahren kombinierte das Team einen rekonfigurierbaren optischen Schaltkreis mit Steueralgorithmen, die selbstständig erkennen, aus welchen statistisch unterscheidbaren Anteilen ein gemischtes Lichtfeld besteht. Nach Beschreibung der Forschungsgruppe gelang damit erstmals eine experimentelle Trennung teilweise kohärenten Lichts direkt auf einem Chip. Den Aufbau und mögliche Anwendungen erläutert die Originalmeldung des ISTA.

Photonischer Chip erkennt zwei überlagerte Laserquellen

Zunächst führten die Wissenschaftler im Experiment Licht aus zwei unabhängigen Lasern zusammen. Zwischen den Wellen der beiden Quellen bestand eine teilweise Korrelation: Ihre Schwingungen passten zeitweise zusammen, verloren diese Beziehung aber wieder. In der Optik bezeichnet man diese Eigenschaft als partielle Kohärenz, die zwischen geordnetem Laserlicht und Lichtquellen liegt, deren Wellen statistisch unabhängig voneinander schwingen.

Das gemischte Signal gelangte anschließend in ein Netzwerk optischer Bauteile, das der Chip durchlief, und am Ausgang lagen wieder getrennte Lichtstrahlen vor, deren Schwankungen nicht mehr miteinander korreliert waren. Zur Kontrolle führten die Forscher die Ausgänge danach erneut zusammen; dabei addierten sich die Strahlen anders, als es bei weiterhin korreliertem Licht zu erwarten gewesen wäre. Dieser Test belegte, dass der Chip die ursprünglichen Anteile tatsächlich in voneinander unabhängige Ausgänge überführt hatte.

Anschließend erweiterte das Team den Versuch um einen zusätzlichen Eingang und konnte auch mit einer dritten Laserquelle das gemischte Licht automatisch zerlegen. Damit belegt der Versuch, dass das Verfahren mehr als zwei überlagerte Beiträge auseinanderhalten kann. Eine beliebig große Zahl von Quellen wurde bislang nicht demonstriert; die veröffentlichten Tests beschränken sich auf die untersuchten Eingangsbedingungen.

Mach-Zehnder-Interferometer lenken Licht auf getrennte Wege

Im Inneren befindet sich ein zweilagiges, selbstkonfigurierendes Netzwerk aus Mach-Zehnder-Interferometern, die mithilfe passiver Strahlteiler Licht in zwei Wege aufteilen und die Teilstrahlen später wieder zusammenführen. Abgestimmte Veränderungen der optischen Wege beeinflussen, wie sich die Wellen überlagern. Viele solcher Elemente bilden gemeinsam einen Schaltkreis, der Licht nicht nur weiterleitet, sondern seine räumlichen Zusammenhänge auswertet.

Besonders wichtig ist die automatische Anpassung des Netzwerks: Ein Steueralgorithmus ermittelt die charakteristischen Kohärenzmoden des unbekannten Eingangsfeldes und richtet den Schaltkreis so ein, dass die verschiedenen Anteile an getrennten Ausgängen erscheinen. Vorher müssen die Forscher dem System weder die Zahl der Lichtquellen noch deren räumliche Struktur mitteilen. Während der Konfiguration lernt der Chip die relevanten statistischen Eigenschaften und lenkt das Licht anschließend physisch in unterschiedliche Kanäle.

Nach Angaben des ISTA integrierte das Team für diese Architektur Hunderte optische Komponenten auf einer Fläche von wenigen Quadratmillimetern. Mit herkömmlicher Optik hätte eine vergleichbare Funktion zahlreiche einzelne Spiegel und weitere Bauteile benötigt, die auf einem optischen Tisch exakt auszurichten wären. Solche Aufbauten reagieren empfindlich auf kleinste Verschiebungen und Vibrationen, während die Integration auf einem Chip das System kompakter macht und eine stabilere Wiederholung der Messungen erleichtert.

Neben dem theoretischen Schaltplan fertigten die Forschenden einen rekonfigurierbaren photonischen Chip, entwickelten die dazugehörige Elektronik und montierten das System auf einer Leiterplatte. Statt in einem vollständig abgedunkelten Spezialraum fanden die Versuche in einem gewöhnlich beleuchteten Raum statt, sodass die Demonstration keine vollständige Verdunkelung erforderte. Wie robust das System in einem mobilen Gerät oder unter wechselnden Umgebungsbedingungen arbeitet, ist damit noch nicht geklärt.

Ein dritter Laser prüft die Trennung der Lichtquellen

Zum Verständnis hilft ein Vergleich von Laserlicht mit dem Licht einer Glühbirne: Bei einem Laser schwingen die Lichtwellen in einer geordneten Beziehung und können sich beim Zusammentreffen abhängig von ihrer Phasenlage verstärken oder abschwächen. Auf einer rauen Oberfläche entstehen dadurch beispielsweise die bekannten körnigen Specklemuster. Das Licht einer gewöhnlichen Lampe besteht dagegen aus weitgehend ungeordneten Wellenzügen und bildet ein diffuseres Muster.

In der Praxis liegt Licht häufig zwischen diesen beiden Extremfällen: Mehrere Quellen können sich räumlich überlagern, während ihre Wellen nur teilweise miteinander korreliert sind. Solche Zwischenzustände enthalten Informationen über die Lichtquellen und ihre räumliche Anordnung, doch klassische Kameras bilden das eintreffende Licht auf einem zweidimensionalen Sensor ab, sodass getrennte Beiträge in derselben Bildinformation zusammenfallen können.

Vor dieser Bildaufnahme setzt die neue Methode an, indem sie das Lichtfeld zunächst in statistisch unabhängige Bestandteile zerlegt und die getrennten Strahlen für eine weitere Verarbeitung verfügbar hält. Anders als eine nachträgliche Bildverbesserung per Software trennt das Verfahren die Information bereits im optischen Signal, bevor eine Kamera sie zu einem einzigen Pixelwert zusammenfasst. Nach Ansicht der Forscher lassen sich so zusätzliche Angaben über räumlich überlagerte Lichtquellen zugänglich machen.

Mikroskope könnten zwei fluoreszierende Teilchen unterscheiden

Als mögliches Einsatzgebiet gilt die Mikroskopie, denn fluoreszierende Teilchen können so dicht nebeneinanderliegen, dass ihre Lichtsignale in einer herkömmlichen Aufnahme zu einem gemeinsamen Fleck verschmelzen. In einem solchen Fall könnte die Chiptechnik prüfen, ob das Licht aus mehreren statistisch unterscheidbaren Quellen stammt. Auf diese Weise ließen sich Informationen über Strukturen gewinnen, die auf dem fertigen Kamerabild nicht getrennt erscheinen.

Bislang handelt es sich um eine Anwendungsperspektive und nicht um ein bereits validiertes Mikroskop; noch müssen die Forscher zeigen, wie gut die Trennung bei realen Proben, schwachen Signalen und komplexen Umgebungen funktioniert. Biologische Präparate streuen Licht, fluoreszieren unterschiedlich stark und bewegen sich mitunter während der Aufnahme, während Hintergrundlicht und Detektorrauschen die Erkennung zusätzlich erschweren können. Deshalb arbeitet das Team am ISTA an einer nächsten Chipgeneration und plant eine engere Zusammenarbeit mit Biologen, um die optische Verarbeitung in einem Mikroskop zu erproben.

Der Ansatz gehört zu einer Entwicklung, bei der optische Funktionen zunehmend in Halbleiterbauteile wandern. Bereits ein Siliziumchip mit besonders verlustarmen Lichtleitern zeigt, wie sich Eigenschaften klassischer Glasfasern auf kompakte Plattformen übertragen lassen. Anders arbeitet der neue Schaltkreis: Statt Licht möglichst verlustfrei zu transportieren, wertet er dessen statistische Struktur aus und teilt die Bestandteile auf.

NASA untersucht schwache Signale aus fernen Galaxien

Auch für die Astronomie könnte die Trennung nützlich werden, denn das Licht entfernter Sterne und Exoplaneten erreicht Teleskope oft extrem schwach. Strahlen mehrere Quellen aus ähnlicher Richtung ein, kann ihre Information in einem Bildpunkt zusammenlaufen. Künftig könnte der Chip solche Lichtanteile unterscheiden und dadurch zusätzliche Hinweise über die beobachteten Objekte liefern.

Gemeinsam mit der NASA untersuchen die Stanford-Forscher David Miller, Olav Solgaard und Annie Kroo bereits mögliche Anwendungen für Licht aus weit entfernten Galaxien. Bei dieser Kooperation handelt es sich um ein Forschungsvorhaben und noch nicht um den Einsatz eines fertigen Instruments im Weltraum. Denkbar wäre etwa, dass ein scheinbar einzelner Lichtfleck mehrere Beiträge enthält, die von getrennten Sternen oder Exoplaneten stammen; ob der Chip solche Signale unter realen astronomischen Bedingungen zuverlässig auseinanderhalten kann, müssen weitere Tests klären.

Für die Satellitenkommunikation ergibt sich ein weiteres mögliches Einsatzfeld: Zwischen Satelliten und Bodenstationen können Laserstrahlen Daten übertragen, während Turbulenzen in der Erdatmosphäre die Eigenschaften des Lichts auf dem Weg zum Empfänger verändern. Ein ursprünglich geordnetes Signal kann dadurch teilweise seine Kohärenz verlieren. Ein photonischer Chip könnte solche veränderten Signale analysieren und die optischen Informationen für nachfolgende Verarbeitungsschritte aufteilen; eine Satellitenverbindung wurde mit dem Verfahren bislang nicht demonstriert.

ISTA baut die nächste Chipgeneration für schwache Signale

Als nächste Entwicklungsstufe sind größere und schnellere Chips mit zusätzlichen optischen Moden vorgesehen. Die Gruppe um Charles Roques-Carmes will die Effizienz so weit steigern, dass auch sehr wenige detektierte Photonen noch verwertbare Informationen liefern, was besonders für Anwendungen mit geringem Lichtangebot wichtig wäre, etwa bei schwach leuchtenden Proben oder astronomischen Objekten.

Ein photonischer Quantencomputer aus Deutschland demonstriert bereits, wie Lichtteilchen in optischen Schaltungen für Rechenoperationen genutzt werden können. Die hier beschriebene Arbeit verfolgt keine Quantenrechnung, sondern verarbeitet die räumlichen Kohärenzeigenschaften klassischer Lichtfelder. Gemeinsam ist beiden Entwicklungen der Einsatz integrierter optischer Komponenten, mit denen sich Licht auf engem Raum gezielt steuern lässt.

Vor einem praktischen Einsatz muss die Technik noch mehrere Hürden überwinden: Zu prüfen bleibt, wie viele Lichtmoden sich zuverlässig trennen lassen, wie schnell sich der Chip auf wechselnde Eingangssignale einstellt und wie viel Licht während der Verarbeitung verloren geht. Ebenso entscheidend ist die Einbindung der Ausgänge in ein vollständiges Messsystem, das die getrennten Signale mit ausreichender Empfindlichkeit registrieren kann.

Am ISTA soll die nächste Chipgeneration aufgebaut und betrieben werden; parallel planen die Wissenschaftler gemeinsam mit Biologen ein Mikroskop, das die optische Trennung an realen Proben nutzt. Erst diese Versuche werden zeigen, ob das fingernagelgroße Bauteil bislang verborgene Details in biologischen Präparaten oder schwachen Himmelsobjekten tatsächlich sichtbar machen kann.

Nature Photonics, Automatic on-chip separation of partially coherent light into its mutually incoherent components; doi:10.1038/s41566-026-02035-6

Institute of Science and Technology Austria (ISTA), Licht aufspalten – auf einem Chip

Stanford University, Fingernail-sized chip untangles mixed light

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