Herkömmliche Computer rechnen mit Transistoren aus Silizium, doch eine junge Technologie schlägt einen radikal anderen Weg ein. In sogenannten Biocomputern übernehmen lebende menschliche Nervenzellen die Informationsverarbeitung. Firmen wie Cortical Labs und FinalSpark bieten solche Systeme bereits kommerziell an, in denen hunderttausende Zellen auf Chips wachsen und sogar Videospiele lernen. Ihr größter Vorteil liegt im Energieverbrauch, der um ein Vielfaches unter dem klassischer Prozessoren liegt.
Ein Biocomputer verbindet lebende Biologie mit klassischer Hardware. Grundlage sind sogenannte Organoide, also winzige Kügelchen aus Nervengewebe, die im Labor aus Stammzellen herangezogen werden und nur etwa einen halben Millimeter messen. Diese Zellkügelchen werden auf ein Feld aus vielen winzigen Elektroden gesetzt, das in einer Hardwarehülle steckt. Über diese Elektroden lassen sich die Nervenzellen mit elektrischen Impulsen stimulieren, und zugleich messen sie deren Antworten. Entscheidend ist, dass sich die Reaktionen der Zellen mit der Zeit verändern, denn die Nervenzellen bilden neue Verbindungen und passen ihre Aktivität an. In diesem Sinn aktualisiert sich das Organoid selbst und lernt, ähnlich wie ein biologisches Gehirn. Der Reiz dieser Technik liegt im Energiebedarf, denn das menschliche Gehirn kommt mit etwa 20 Watt aus, während das Training großer Künstlicher Intelligenz auf herkömmlichen Rechnern gewaltige Strommengen verschlingt.
Die Idee, biologisches Gewebe rechnen zu lassen, hat in den vergangenen Jahren rasant Fahrt aufgenommen. Bekannt wurde das Feld, als Forscher eine Kultur aus Nervenzellen darauf trainierten, das einfache Videospiel Pong zu spielen, indem sie die Spielvariablen wie Ball- und Schlägerposition als elektrische Signalmuster kodierten. Inzwischen bringen die Zellverbände deutlich komplexere Leistungen. Anfang 2026 zeigte Cortical Labs rund 200.000 lebende menschliche Nervenzellen, die lernten, das anspruchsvollere Spiel Doom zu spielen, wenn auch noch auf dem Niveau eines völligen Anfängers. Diese Entwicklung steht in einer Reihe mit anderen Ansätzen, lebendes Gewebe mit Technik zu verbinden, etwa als in China bereits ein Roboter mit einem lebenden Gehirn aus einem Organoid gesteuert wurde.
Zwei Unternehmen prägen den noch jungen Markt, wie ein Fachbeitrag im Journal of Medical Internet Research darlegt. Das australische Unternehmen Cortical Labs verkauft seit 2025 den CL1, den es als weltweit ersten kommerziell erhältlichen biologischen Computer bewirbt. Das Gerät integriert hunderttausende im Labor gezüchtete menschliche Nervenzellen auf einem Siliziumchip, hält sie bis zu sechs Monate am Leben und benötigt keinen externen Rechner. Das Schweizer Unternehmen FinalSpark verfolgt einen anderen Zugang und bietet über seine Neuroplatform einen Fernzugriff auf Hirnorganoide an, sodass Forscher weltweit Experimente durchführen können, ohne ein eigenes Labor zu betreiben. Die Organoide werden dabei in Brutschränken bei Körpertemperatur gehalten, mit Nährstoffen versorgt und vor Verunreinigungen geschützt, während Elektroden die Zellen stimulieren und auslesen.
Der mögliche Nutzen der Technik reicht vom energiesparenden Rechnen bis zur Erprobung von Medikamenten direkt an lebendem Nervengewebe. Zugleich steht das Feld noch ganz am Anfang, denn die heutigen Systeme umfassen einige tausend bis wenige hunderttausend Zellen, während für bedeutsame Rechenleistungen Milliarden nötig wären, ein Sprung, für den es bislang keinen klaren Weg gibt. Besonders bedeutsam sind die ethischen Fragen, die mit lebenden menschlichen Nervenzellen einhergehen. Als eine US-Förderorganisation ein Programm für biologische Rechenverfahren startete, verlangte sie von jedem Antragsteller, einen Ethiker als gleichberechtigten Projektleiter zu benennen, und gewichtete ethische und wissenschaftliche Aspekte gleich stark. Die Debatte berührt letztlich die Frage, ab wann ein solcher Zellverband als empfindungsfähig gelten könnte. Trotz aller offenen Punkte markiert die kommerzielle Verfügbarkeit einen Wendepunkt, an dem Biocomputer vom Gedankenexperiment zum realen Produkt werden.
Journal of Medical Internet Research, Biocomputing: Beyond the Hype; doi:10.2196/100949