Sicherheit elektrischer Autos

Elektroauto warnt im Test neun Minuten früher vor Akkubrand

 Dennis Lenz

Elektroauto warnt im Test neun Minuten früher vor Akkubrand
(Symbolbild) Ein Akkubrand kann mit einer zunächst örtlich begrenzten Erwärmung beginnen. Ein neues Überwachungssystem erfasst die Temperatur deshalb an deutlich mehr Stellen im Fahrzeugakku. Versuche mit Batteriemodulen und Messungen im Fahrzeug zeigen einen möglichen Vorsprung gegenüber dem untersuchten Vergleichssystem. Wie groß dieser ausfällt, hängt vom jeweiligen Fehlerverlauf ab. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein Akkubrand soll sich mit einer neuen Temperaturüberwachung früher erkennen lassen. Im Fahrzeugtest warnte das System bis zu 554 Sekunden eher als die untersuchte herkömmliche Überwachung. Glasfasersensoren liefern dafür ein wesentlich dichteres Bild der Wärmeverteilung im Batteriepaket. Der Vorsprung ist ein Versuchsergebnis und keine garantierte Vorwarnzeit für jedes Elektroauto.

Unter dem Fahrzeugboden liegen viele Batteriezellen dicht nebeneinander, während die Temperatur normalerweise nur an ausgewählten Stellen gemessen wird. Genau an dieser räumlichen Lücke setzt eine am 9. Oktober 2026 veröffentlichte Entwicklung an. Für einen drohenden Akkubrand zählt nicht allein, wie warm der gesamte Speicher erscheint, sondern auch, ob sich ein kleiner Bereich ungewöhnlich verhält. Ein deutsch-chinesisches Team verbindet deshalb eine umfangreichere Temperaturmessung mit mehreren Auswerteverfahren. Die in Nature Communications veröffentlichte Untersuchung umfasst sowohl Batteriemodule im Labor als auch Messungen an instrumentierten Fahrzeugen. Im Fahrzeugvergleich erreichte die frühere Warnung maximal neun Minuten und 14 Sekunden Vorsprung. Diese Zahl bezeichnet den Unterschied zwischen zwei Erkennungszeitpunkten. Sie sagt nicht, dass nach jeder Warnung noch genau diese Zeit bis zu einem Brand verbleibt. Ebenso wenig belegt der Versuch, dass sämtliche gefährlichen Batteriefehler rechtzeitig entdeckt werden können.

Die Zahl der Temperaturmesspunkte stieg im untersuchten Aufbau von 32 auf 540. Möglich wird diese Verdichtung durch Glasfasersensoren, die zahlreiche Messstellen entlang dünner Lichtleiter bereitstellen. Nicht für jeden zusätzlichen Punkt muss eine eigene elektrische Leitung bis zum Auswertegerät geführt werden. An der Arbeit waren neben der Tongji-Universität auch Forscher aus dem Bereich Energiespeichersensorik des Fraunhofer HHI beteiligt. Der Ansatz ergänzt das Batteriemanagementsystem, statt die grundlegende Elektrochemie des Speichers zu verändern. Das ist eine wichtige Abgrenzung: Entwickelt wurde keine neue, grundsätzlich unbrennbare Batterie. Untersucht wurde, wie sich Zustandsänderungen in einer vorhandenen Batterie früher bemerken lassen. Eine verbesserte Beobachtung kann Sicherheitsfunktionen unterstützen, ersetzt aber weder eine robuste Zellkonstruktion noch geeignete elektrische Schutzmaßnahmen und ein abgestimmtes Wärmemanagement. Die Neuerung liegt vor allem darin, räumliche Informationen und ihre zeitliche Entwicklung gemeinsam auszuwerten.

Wie sich ein Akkubrand an einzelnen Messstellen ankündigen kann

Eine Batterie wird auch bei völlig normalem Betrieb warm. Laden, Beschleunigen und unterschiedliche Außentemperaturen verändern ihren thermischen Zustand, ohne dass bereits ein gefährlicher Fehler vorliegen muss. Deshalb wäre es wenig hilfreich, jede Temperaturänderung sofort als Alarm zu behandeln. Zugleich kann eine örtliche Störung zunächst in einem begrenzten Bereich auftreten und von weiter entfernten Sensoren erst später erfasst werden. Ein dichteres Netz verkürzt nicht automatisch jede Warnzeit, erhöht aber die räumliche Auflösung der Beobachtung. Der Unterschied lässt sich mit einer einfachen Überlegung erklären: Zwei Batteriepakete können dieselbe mittlere Temperatur haben, obwohl in einem Paket alle Bereiche ähnlich warm sind und im anderen ein kleiner Abschnitt deutlich heißer ist. Für die Sicherheitsbewertung sind diese Zustände nicht gleichwertig. Die neue Überwachung nutzt deshalb nicht nur einen einzelnen Temperaturwert. Sie betrachtet außerdem, wie sich die Messwerte verteilen und wie schnell sie sich verändern.

Warum dünne Glasfasern viele elektrische Leitungen ersetzen können

Die Messstellen beruhen auf sogenannten Faser-Bragg-Gittern. Das sind gezielt erzeugte Strukturen innerhalb einer Glasfaser, die bestimmte Anteile des eingestrahlten Lichts zurückwerfen. Ändern sich die Bedingungen am Sensor, verschiebt sich die charakteristische reflektierte Wellenlänge. Nach entsprechender Kalibrierung lässt sich daraus eine Temperatur bestimmen. Mehrere solcher Gitter können auf demselben Lichtleiter unterschiedliche Messstellen markieren. Die Elektronik muss dann das zurückkehrende Licht auswerten, anstatt an jedem Punkt einen separaten elektrischen Temperaturfühler auszulesen. Ein solcher Aufbau ist allerdings nicht ohne technische Anforderungen. Die Faser muss an den vorgesehenen Stellen zuverlässig mit dem Bauteil verbunden sein, ihre Verlegung muss zum Batteriepaket passen, und mechanische Einflüsse dürfen die Temperaturinterpretation nicht unkontrolliert verfälschen. Der Vorteil vieler Messpunkte entsteht somit nicht allein durch das Material Glas. Er ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Sensorstruktur, Befestigung, optischer Auslesung und einer für den konkreten Aufbau geeigneten Kalibrierung.

Die Software sucht nach auffälligen Mustern statt nur nach Hitze

Zur Auswertung verwendet das Team mehrere parallel arbeitende Kriterien. Neben der Temperatur selbst fließen ihre zeitliche Änderung und Größen ein, die aus der Verteilung der Messwerte berechnet werden. Eine davon ist die Shannon-Entropie, ein ursprünglich aus der Informationstheorie stammendes Maß. In dieser Anwendung hilft sie, Veränderungen des Temperaturmusters zu erfassen. Damit ist nicht die thermodynamische Entropie der gesamten Batterie gemeint. Entscheidend ist vielmehr, ob sich die statistische Struktur der Messdaten gegenüber dem normalen Betrieb verändert. Die Kriterien müssen nicht alle gleichzeitig anschlagen: Nach der beschriebenen Entscheidungslogik kann bereits ein einzelnes überschrittenes Warnkriterium einen Alarm auslösen. Das macht nachvollziehbar, weshalb die Methode auf unterschiedliche Fehlerverläufe reagieren kann. Eine langsam zunehmende örtliche Abweichung und ein rascher allgemeiner Temperaturanstieg sehen in den Daten verschieden aus. Eine einzige starre Grenztemperatur würde diese Unterschiede nur unvollständig abbilden und könnte bei manchen Verläufen später reagieren.

Ein empfindliches System ist jedoch nicht automatisch ein zuverlässiges System. Eine Frühwarnung wäre im Alltag wenig wert, wenn normale Ladevorgänge oder sommerliche Fahrten ständig einen falschen Alarm auslösen würden. Umgekehrt könnte ein sehr großzügig gesetzter Grenzwert kleine, aber wichtige Abweichungen übersehen. Die Forscher bestimmen deshalb anhand normaler Betriebsdaten geeignete Entscheidungsgrenzen für den jeweiligen Aufbau. In der beschriebenen Ausführung werden die dafür gewählten Parameter anschließend nicht fortlaufend für jede mögliche Alterungssituation neu angepasst. Daraus ergibt sich eine wesentliche Prüfaufgabe für spätere Anwendungen: Ein an einem bestimmten Batteriesystem gut funktionierendes Muster muss nicht unverändert zu einer anderen Zellchemie, einer anderen Kühlung oder einem gealterten Akku passen. Die Qualität eines Warnsystems lässt sich daher nicht allein an seinem frühesten erfolgreichen Alarm ablesen. Ebenso wichtig sind übersehene Fehler, Fehlalarme und das Verhalten unter Betriebsbedingungen, die bei der Entwicklung noch nicht ausreichend vertreten waren.

Was im Labor und in den Fahrzeugen tatsächlich geprüft wurde

Die Untersuchung blieb nicht bei einem theoretisch berechneten Temperaturfeld stehen. Das Team prüfte den Ansatz an Batteriemodulen und wertete Daten aus sieben mit entsprechender Messtechnik ausgestatteten Elektrofahrzeugen aus. Im Modulversuch lag der größte berichtete Vorsprung bei 706 Sekunden, im Fahrzeug bei 554 Sekunden. Beide Werte gehören zu unterschiedlichen Untersuchungen und dürfen nicht zu einer einzigen garantierten Leistungsangabe verschmolzen werden. Besonders aussagekräftig ist der Vergleich mit einer weniger dichten Messanordnung: Er macht sichtbar, welchen zusätzlichen Nutzen die räumliche Information liefern kann. Trotzdem bilden einige instrumentierte Fahrzeuge nicht die gesamte Vielfalt des Straßenverkehrs ab. Seltene Fehlerarten, unterschiedliche Produktionsstreuungen und viele Jahre Nutzung lassen sich damit nicht vollständig erfassen. Ein Nachweis im realen Fahrzeug ist deshalb stärker als eine reine Simulation, aber noch kein umfassender Sicherheitsnachweis für eine große Serienflotte. Aus der Zahl der überwachten Fahrzeuge folgt außerdem nicht, dass in jedem davon ein Brand ausgelöst wurde.

Mehr Messpunkte müssen auch im Fahrzeugbau funktionieren

Für einen späteren Einsatz zählt neben dem Warnverhalten, ob sich die zusätzliche Technik praktikabel integrieren lässt. Im dokumentierten Batteriepaket wurden die Messstellen über 18 Module verteilt. Die Platzierung ist damit Teil des Systems und nicht beliebig austauschbar. Ein Sensor an einer Gehäusewand kann einen anderen Temperaturverlauf sehen als ein Sensor nahe einem elektrischen Anschluss. Auch bei vielen Messpunkten bleibt folglich die Frage wichtig, welche Bereiche tatsächlich beobachtet werden. Hinzu kommen die optische Ausleseeinheit, geeignete Steckverbindungen sowie Montage und Prüfung im Herstellungsprozess. Die ergänzende Kostenrechnung der Forscher beruht auf angenommenen Stückzahlen und Lieferantenangaben. Sie ist keine verbindliche Preisangabe für ein fertig eingebautes Fahrzeugbauteil. Für die wirtschaftliche Bewertung wären darüber hinaus Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Qualitätssicherung zu berücksichtigen. Ein dünner Lichtleiter kann den Verkabelungsaufwand verringern, macht diese Aufgaben aber nicht überflüssig und muss über die vorgesehene Nutzungsdauer zuverlässig arbeiten.

Früher erkennen ist nicht dasselbe wie einen Brand verhindern

Ein thermisches Durchgehen bezeichnet eine sich selbst verstärkende Erwärmung, bei der die entstehende Wärme nicht mehr ausreichend abgeführt wird. Welche Gegenmaßnahmen zu welchem Zeitpunkt noch wirksam sind, hängt vom konkreten Fehler und vom Batteriesystem ab. Eine frühere Erkennung schafft zunächst zusätzliche Information. Erst in Verbindung mit geeigneten Reaktionen, etwa einer angepassten Betriebssteuerung oder dem sicheren Abschalten bestimmter Funktionen, kann daraus ein praktischer Sicherheitsgewinn entstehen. Die neue Studie untersuchte vor allem diesen ersten Schritt und belegt nicht, dass die Warnung jeden Brand verhindert. Ebenso wenig darf der gemessene Vorsprung als persönliche Zeitreserve verstanden werden. Der relevante Fortschritt ist präziser: Ein dichteres thermisches Bild kann eine problematische Entwicklung früher sichtbar machen als die im Versuch verwendete herkömmliche Überwachung. Ob sich dieser Vorteil über verschiedene Fahrzeugtypen, Fehlerarten und Alterungszustände hinweg zuverlässig halten lässt, muss die weitere Erprobung zeigen. Die Fahrzeugdaten liefern dafür einen konkreten Ansatzpunkt, aber noch keinen universellen Ersatz für bestehende Schutzkonzepte.

Nature Communications, Multi-model collaborative early warning for battery systems with integrated fiber optic sensors; doi:10.1038/s41467-026-78461-5

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