Muttergehirn

Zweite Schwangerschaft formt das Gehirn völlig anders als die erste

 Dennis Lenz

Zweite Schwangerschaft formt das Gehirn völlig anders als die erste
(Symbolbild). Eine zweite Schwangerschaft hinterlässt eine eigene Signatur im Muttergehirn und trifft dabei andere neuronale Netzwerke als die erste. Mit wiederholten Hirnscans an 110 Frauen zeichnete ein Team des Amsterdam UMC nach, wie sich Struktur und Funktion über Monate verschieben. Die Befunde rücken auch die Entstehung der Wochenbettdepression in ein neues Licht. (Foto: © Forschung und Wissen)

Dass eine erste Schwangerschaft das Gehirn umbaut, gilt seit einigen Jahren als gesichert. Nun zeigt eine neue Studie des Amsterdam UMC im Fachjournal Nature Communications, dass auch eine zweite Schwangerschaft eigene Spuren im Muttergehirn hinterlässt. Über wiederholte Magnetresonanztomografien verfolgte das Team die Veränderungen bei 110 Frauen. Dabei traten ausgerechnet in jenen Netzwerken die stärksten Verschiebungen auf, die bei der ersten Schwangerschaft kaum betroffen waren. Die Ergebnisse könnten helfen, seelische Belastungen rund um die Geburt früher zu erkennen.

Die Schwangerschaft zählt zu den einschneidendsten biologischen Umstellungen im Leben eines Menschen. Über Wochen und Monate steigen die Spiegel der Sexualhormone Östradiol und Progesteron auf ein Vielfaches der sonst üblichen Werte, überwinden die Blut-Hirn-Schranke und wirken direkt auf Nervenzellen und ihre Verschaltungen ein. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass dabei das Volumen der grauen Substanz in bestimmten Regionen messbar abnimmt, was Fachleute als gezielte Feinjustierung und nicht als Verlust deuten. Dieser Umbau des Muttergehirns wird mit der Fähigkeit in Verbindung gebracht, sich auf die Bedürfnisse eines Neugeborenen einzustellen, dessen Signale zu deuten und eine enge Bindung aufzubauen. Bislang stützten sich diese Erkenntnisse jedoch fast ausschließlich auf Frauen, die zum ersten Mal ein Kind erwarteten, während der überwiegende Teil aller Mütter mehr als eine Schwangerschaft durchläuft.

Genau diese Lücke schließt die aktuelle Arbeit. Sie untersucht erstmals systematisch, ob und wie sich das Gehirn bei einer zweiten Schwangerschaft erneut verändert und ob dieser Umbau dem Muster der ersten folgt oder davon abweicht. Die Frage ist keineswegs nebensächlich, denn sie berührt das grundlegende Verständnis der weiblichen Neuroplastizität über wiederholte Lebensereignisse hinweg. Für die Neurowissenschaft ist die Schwangerschaft ein seltenes natürliches Modell, um zu beobachten, wie sich ein erwachsenes Gehirn unter dem Einfluss extremer hormoneller Reize umstrukturiert. Die Ergebnisse liefern damit nicht nur Wissen über Mütter, sondern auch über die generelle Anpassungsfähigkeit des menschlichen Nervensystems an tiefgreifende körperliche Zäsuren.

Andere Netzwerke im Fokus als beim ersten Kind

Für die Studie begleitete die Arbeitsgruppe um Elseline Hoekzema, Leiterin des Pregnancy Brain Lab am Amsterdam UMC, drei Gruppen über längere Zeit. Ein Teil der Frauen erwartete das erste Kind, ein weiterer Teil das zweite, eine dritte Gruppe blieb kinderlos und diente als Vergleich. Durch wiederholte Hirnscans ließ sich nachzeichnen, wie sich Struktur und Aktivität im Verlauf verschoben. Bei der ersten Schwangerschaft zeigten sich die größten Veränderungen im sogenannten Default Mode Network, einem Ruhezustandsnetzwerk, das an Selbstreflexion, sozialem Denken und der Verarbeitung eigener innerer Zustände beteiligt ist. Bei der zweiten Schwangerschaft veränderte sich dieses Netzwerk ebenfalls, allerdings in geringerem Ausmaß. Stattdessen traten die deutlichsten Verschiebungen in Netzwerken auf, die Aufmerksamkeit steuern und auf Sinnesreize reagieren. Diese Prozesse könnten sich als vorteilhaft erweisen, wenn eine Mutter gleichzeitig für mehrere Kinder sorgen muss und ihre Aufmerksamkeit rasch zwischen unterschiedlichen Anforderungen verteilen muss.

Damit widerlegt die Untersuchung die naheliegende Annahme, jede Schwangerschaft würde denselben Umbau einfach wiederholen. Vielmehr hinterlässt jede Schwangerschaft eine eigene Signatur, die vom bisherigen Erfahrungsstand des Gehirns abhängt. Das erste Kind stellt offenbar vor allem die Grundlagen für Bindung und Perspektivübernahme neu ein, während das zweite Kind eher jene Systeme schärft, die das gleichzeitige Beobachten und Reagieren erleichtern. Diese Verlagerung passt zu der Alltagsbeobachtung, dass Eltern mit mehreren Kindern eine andere Form der geteilten Aufmerksamkeit entwickeln. Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist bemerkenswert, dass das Gehirn nicht nur einmalig auf die Elternschaft reagiert, sondern bei jeder weiteren Schwangerschaft flexibel dorthin umbaut, wo neue Anforderungen entstehen. Die beteiligte Forscherin Milou Straathof, die die Daten auswertete, betont die funktionale Logik hinter diesem Muster.

Neue Hinweise auf die Entstehung der Wochenbettdepression

Über die reine Grundlagenforschung hinaus verknüpft die Arbeit die strukturellen Hirnveränderungen erstmals mit dem Verlauf der peripartalen Depression, also depressiven Episoden während oder kurz nach der Schwangerschaft. Das Team fand Zusammenhänge zwischen Veränderungen in der Großhirnrinde und dem Auftreten depressiver Symptome, und zwar sowohl bei ersten als auch bei zweiten Schwangerschaften. Nach Angabe der Forschenden ist dies der erste Beleg dafür, dass Umbauprozesse in der Hirnrinde während der Schwangerschaft mit einer mütterlichen Depression in Verbindung stehen. Bemerkenswert ist der zeitliche Unterschied zwischen den Gruppen. Bei Erstgebärenden zeigten sich diese Zusammenhänge vor allem nach der Geburt, bei Frauen mit einer zweiten Schwangerschaft dagegen bereits während der Schwangerschaft selbst. Dieser Befund fügt sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die Bindung und psychische Gesundheit von Müttern gemeinsam betrachten.

Auch die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind ließ sich mit den Hirnveränderungen in Beziehung setzen, wobei dieser Zusammenhang nach der ersten Schwangerschaft stärker ausfiel als nach der zweiten. Wie belastbar diese Verknüpfungen im Detail sind, bleibt offen, da die Stichprobe mit 110 Teilnehmerinnen zwar für ein aufwendiges Bildgebungsdesign beachtlich, für weitreichende klinische Schlüsse aber begrenzt ist. Die Forschenden ordnen ihre Ergebnisse daher als wichtigen Ausgangspunkt ein, nicht als abgeschlossenes Bild. Für die Praxis eröffnet der Ansatz dennoch eine Perspektive, seelische Belastungen rund um die Geburt anhand messbarer Veränderungen im Gehirn künftig früher und gezielter zu erkennen. Vor allem für die Vorbeugung und Behandlung der Wochenbettdepression könnte ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden neuroplastischen Prozesse langfristig von Bedeutung sein.

Nature Communications, The effects of a second pregnancy on women's brain structure and function; doi:10.1038/s41467-026-69370-8

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