Cannabis gilt vielen als Droge, die eher beruhigt als aufputscht. Eine Metaanalyse des King's College London zeichnet für Cannabiskonsumenten jedoch ein anderes Bild, denn die Forscher werteten 63 Studien mit mehr als 265.000 Menschen aus. Der Befund betrifft nicht nur das Risiko, selbst gewalttätig zu werden, sondern auch die Gefahr, Opfer von Gewalt zu werden. Wie eng der Zusammenhang tatsächlich ist und was er nicht beweist, zeigt erst der genaue Blick in die Daten.
Cannabiskonsumenten bilden in Deutschland eine große Gruppe, die seit der Teillegalisierung im April 2024 auch deutlich sichtbarer geworden ist. Erwachsene dürfen seitdem in begrenzten Mengen Cannabis besitzen und privat anbauen, und die gesellschaftliche Debatte über Nutzen und Risiken der Droge hat sich entsprechend verschoben. Im Mittelpunkt standen dabei bislang vor allem die Folgen für die Konsumenten selbst, etwa für das Gedächtnis, die Konzentration oder das Risiko einer Psychose. Der wichtigste Wirkstoff, Tetrahydrocannabinol, kurz THC, greift in das körpereigene Endocannabinoid-System ein, das unter anderem Stimmung, Wahrnehmung und Impulskontrolle beeinflusst. Ob sich diese Wirkungen auch im Verhalten gegenüber anderen Menschen niederschlagen, ist seit Jahrzehnten umstritten. Einzelne Studien kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen, weil sie unterschiedliche Gruppen, Zeiträume und Definitionen von Gewalt verwendeten.
Genau an dieser Stelle setzt eine Metaanalyse an. Bei diesem Verfahren werden die Ergebnisse vieler Einzelstudien nach festen Regeln zusammengeführt und gemeinsam statistisch ausgewertet, sodass sich zufällige Ausreißer einzelner Untersuchungen ausgleichen. Forscher des Institute of Psychiatry, Psychology and Neuroscience am King's College London trugen dafür 63 Studien mit zusammen mehr als 265.000 Teilnehmern zusammen. Sie legten die breite Definition der Weltgesundheitsorganisation zugrunde, die körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gegen andere Menschen umfasst, und zwar innerhalb wie außerhalb von Partnerschaften. Die allgemeine Bevölkerung werteten sie getrennt von Menschen aus, die sich in psychiatrischer Behandlung befanden. Zudem unterschieden sie zwischen selbst berichteter Gewalt und Fällen, die zu einer strafrechtlichen Verurteilung führten. Erfasste eine Einzelstudie mehrere Formen von Gewalt, floss jeweils die schwerste Form in die Berechnung ein.
Das zentrale Ergebnis fällt deutlich aus. In der allgemeinen Bevölkerung hatten Menschen, die Cannabis konsumierten, etwa doppelt so häufig eine Gewalttat begangen wie Menschen ohne Konsum. Bei Patienten in psychiatrischer Behandlung war der Abstand noch größer, dort waren Konsumenten rund zweieinhalbmal so oft gewalttätig wie andere Patienten, die kein Cannabis nahmen. Am stärksten zeigte sich der Zusammenhang bei schwerer Gewalt, die vor Gericht endete, denn für Verurteilungen wegen Gewaltdelikten ergab sich ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko. Die Forscher veröffentlichten ihre Auswertung in der Fachzeitschrift Psychological Medicine als systematische Übersichtsarbeit, an der neben der Erstautorin Giulia Trotta auch der Psychiater Robin Murray beteiligt war, der seit Jahrzehnten zu den psychischen Folgen von Cannabis forscht.
Bemerkenswert ist, wie die verschiedenen Studientypen abschnitten. In Untersuchungen, die Menschen über viele Jahre begleiteten, blieb der Zusammenhang bestehen, er fiel aber schwächer aus als in Studien, die nur einen einzigen Zeitpunkt betrachteten. Für die Deutung ist dieser Unterschied wichtig. Langzeitstudien können besser erfassen, ob der Konsum einer Gewalttat zeitlich vorausgeht oder ob umgekehrt Menschen mit aggressivem Verhalten erst später zu Cannabis greifen. Dass der Effekt auch dort nachweisbar ist, spricht dafür, dass es sich nicht allein um ein statistisches Zufallsprodukt handelt. Zugleich deutet der kleinere Wert darauf hin, dass Momentaufnahmen den Zusammenhang eher überschätzen. Die Psychiaterin Marta Di Forti, Mitautorin der Studie, betont, dass erst eine Auswertung dieser Größe eine belastbare Aussage über die Risiken erlaube, ohne Konsumenten pauschal zu stigmatisieren.
Der zweite Befund der Metaanalyse fand in der öffentlichen Diskussion bislang kaum Beachtung. Cannabiskonsumenten wurden nicht nur häufiger selbst gewalttätig, sie wurden auch etwa anderthalbmal so oft Opfer von Gewalt wie Menschen ohne Konsum. Bei Frauen war dieser Zusammenhang stärker ausgeprägt als bei Männern. Damit verschiebt sich der Blick von der Frage, ob die Droge Menschen aggressiv macht, hin zu den Lebensumständen, in denen Konsum und Gewalt gemeinsam auftreten. Die Forscher nennen mehrere Faktoren, die beides zugleich begünstigen können, darunter Alkohol, den Konsum weiterer Drogen und schwierige soziale Verhältnisse. Wer in einem Umfeld lebt, in dem diese Faktoren zusammentreffen, begegnet Gewalt häufiger, als Täter ebenso wie als Betroffener.
Welche Mechanismen im Einzelnen hinter der erhöhten Gefährdung stehen, lässt die Studie offen. Sie beschreibt, dass der Zusammenhang existiert und wie stark er ausfällt, nicht aber, auf welchem Weg er entsteht. Robin Murray sieht darin dennoch einen klaren Auftrag für die Debatte. Je stärker Cannabis weltweit kommerzialisiert und legalisiert werde, desto wichtiger sei es, neben den Folgen für die Konsumenten auch die Gewalt einzubeziehen, die sie ausüben oder erleiden. Diese Perspektive ist auch für Deutschland von Bedeutung. Hier wurde die Teillegalisierung bislang vor allem unter den Gesichtspunkten Jugendschutz, Schwarzmarkt und Gesundheit diskutiert, während die Frage nach Gewalt im Umfeld des Konsums eine Nebenrolle spielte.
Die Forscher selbst verneinen das ausdrücklich. Die Metaanalyse belegt einen statistischen Zusammenhang, aber keinen ursächlichen. Ob Cannabis selbst Gewalt auslöst oder ob Menschen, die ohnehin häufiger in Gewalt verwickelt sind, auch häufiger konsumieren, lässt sich mit den vorhandenen Daten nicht abschließend klären. Hinzu kommen Störfaktoren, die in vielen Einzelstudien nur unvollständig erfasst wurden. Alkohol etwa wird häufig gemeinsam mit Cannabis konsumiert und steht seinerseits in engem Zusammenhang mit Gewalttaten. Auch andere Drogen und belastende soziale Umstände können sowohl den Konsum als auch die Gewalt erhöhen. Solche Einflüsse lassen sich in einer Metaanalyse nur so gut herausrechnen, wie sie in den zugrunde liegenden Studien gemessen wurden.
Die Autoren benennen weitere Einschränkungen. Nur wenige der ausgewerteten Studien erfassten, wie viel Cannabis die Teilnehmer konsumierten und wie oft. Eine Aussage darüber, ab welcher Menge sich das Risiko verändert, ist damit kaum möglich. Auch die Ergebnisse zu strafrechtlichen Verurteilungen stützen sich auf eine vergleichsweise kleine Zahl von Studien. Zudem stammt der Großteil der Forschung aus einer Zeit, bevor hochpotentes Cannabis mit stark erhöhtem THC-Gehalt verbreitet war. Die Forscher halten es deshalb für möglich, dass der tägliche Konsum heutiger Produkte mit stärkeren Effekten verbunden ist als in den Daten abgebildet. Belegt ist diese Vermutung bislang nicht, sie markiert vielmehr eine offene Frage für künftige Untersuchungen.
Aus ihren Ergebnissen leiten die Forscher konkrete Empfehlungen ab. Psychiatrische Dienste sollten bei der Einschätzung eines Gewaltrisikos routinemäßig nach Cannabiskonsum fragen, so wie dies beim Alkohol längst üblich ist. Zudem sollten Informationen zur öffentlichen Gesundheit den möglichen Zusammenhang mit Gewalt aufgreifen, statt sich allein auf Gedächtnis, Psyche und Abhängigkeit zu konzentrieren. Marta Di Forti beschreibt aus ihrer klinischen Arbeit, dass starker Konsum bei Gewalttaten von Patienten immer wieder eine Rolle spiele. Lange habe man sich jedoch zurückgehalten, diesen Zusammenhang offen zu benennen. Die Arbeitsgruppe am Institut für Psychiatrie, Psychologie und Neurowissenschaften des King's College London forscht seit vielen Jahren zu den psychischen Folgen von Cannabis, insbesondere zum Zusammenhang mit Psychosen.
Für die Einordnung im Alltag ist ein statistischer Punkt entscheidend. Ein verdoppeltes Risiko beschreibt das Verhältnis zwischen Konsumenten und Nichtkonsumenten, es bedeutet nicht, dass ein großer Teil der Konsumenten gewalttätig wird. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die Cannabis nehmen, begeht keine Gewalttaten. Gerade deshalb warnen die Autoren davor, die Ergebnisse zur Stigmatisierung einer ganzen Gruppe zu nutzen. Für die Prävention liefert die Studie dennoch wertvolle Hinweise, weil sie zeigt, wo sich Risiken bündeln: bei sehr starkem Konsum, bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen und dort, wo Cannabis gemeinsam mit Alkohol und weiteren Drogen konsumiert wird. Welche Rolle hochpotente Produkte spielen, dürfte eine der wichtigsten Fragen der kommenden Jahre werden.
Psychological Medicine, Cannabis use is associated with increased risk of violence: A systematic review and meta-analysis; doi:10.1017/S0033291726105856