Dennis L.
Im Familienalltag wirken kleine Unterschiede oft größer, als sie statistisch sind. Eine Meta-Analyse bündelt Daten aus 30 Studien mit 19 469 Personen und prüft, wann elterliche Bevorzugung messbar wird. Besonders spannend ist, dass Eltern und Kinder dieselben Situationen nicht gleich bewerten. Entscheidend ist, in welchem Bereich Erziehung gemessen wird und wie stabil Effekte über viele Familien hinweg auftreten.
Dass Geschwister unterschiedlich behandelt werden, ist für viele Familien ein heikles Thema. Im Alltag geht es selten um offene Bevorzugung, sondern um kleine Unterschiede: Wer bekommt mehr Geduld bei Fehlern, wessen Probleme werden schneller ernst genommen, wer darf früher allein unterwegs sein. In der Forschung wird dieses Muster als elterliche Bevorzugung oder, neutraler formuliert, als differenzielle Behandlung beschrieben. Entscheidend ist dabei, dass Kinder diese Unterschiede nicht nur beobachten, sondern sie auch deuten: als Zeichen von Wertschätzung, als gerechte Anpassung an Bedürfnisse oder als Kränkung. Das Thema Lieblingskind steht deshalb im Zentrum vieler Studien zu Entwicklung, familiärem Klima und langfristigen Lebensläufen, weil schon geringe Abweichungen sich über Jahre zu stabilen Rollen in einer Familie verdichten können. Gleichzeitig ist klar, dass nicht jede Ungleichheit unfair ist, denn Kinder unterscheiden sich in Alter, Temperament und Unterstützung, die sie gerade brauchen.
Wissenschaftlich ist die zentrale Frage weniger, ob Eltern gerecht sind, sondern wann Unterschiede messbar werden und welche Mechanismen dahinterstehen. Forscher unterscheiden dabei zwischen Verhalten der Eltern und Wahrnehmung der Kinder. Eltern können zum Beispiel mehr Zeit mit einem Kind verbringen, ohne es als Bevorzugung zu verstehen, während ein Geschwister es als klare Rangordnung erlebt. In Studien werden solche Effekte über standardisierte Skalen erfasst, häufig getrennt nach emotionaler Wärme, Regeln, Unterstützung oder Entscheidungsspielräumen. Wie stark eine Familie zusammenhält, wird zudem oft über Konzepte wie Bindungstheorie und Kommunikationsmuster diskutiert, weil Nähe, Verlässlichkeit und Konfliktlösung beeinflussen, wie Unterschiede interpretiert werden. Methodisch ist es besonders anspruchsvoll, echte Geschwister miteinander zu vergleichen, denn so lassen sich viele Faktoren konstant halten, die zwischen Familien stark variieren, etwa Einkommen, Wohnumfeld oder Erziehungsstil. Genau hier setzen moderne Meta-Analysen an: Sie bündeln viele Datensätze, schätzen mittlere Effektstärken und prüfen, ob Ergebnisse von Messmethode, Zeitraum oder kulturellem Kontext abhängen.
Elterliche Bevorzugung wird in der Forschung nicht als moralisches Urteil verstanden, sondern als statistisch erfassbare Differenz zwischen Geschwistern. Die Herausforderung beginnt bereits bei der Definition: Ein Kind kann mehr Zuwendung erhalten, weil es jünger ist, krank war oder mehr Hilfe beim Lernen braucht. Solche Anpassungen können gerecht sein und dennoch bei Geschwistern das Gefühl erzeugen, weniger wichtig zu sein. Deshalb erfassen Studien nicht nur absolute Mengen an Zeit oder Unterstützung, sondern auch relative Unterschiede innerhalb derselben Familie. Hinzu kommt, dass Bevorzugung je nach Lebensbereich unterschiedlich aussehen kann. Ein Elternteil kann einem Kind emotional näher sein, einem anderen aber mehr Freiraum geben oder strengere Regeln setzen. Erst wenn diese Dimensionen sauber getrennt werden, lassen sich Muster über viele Familien hinweg vergleichen, ohne einzelne Situationen zu überinterpretieren.
Ein weiterer Knackpunkt ist die Perspektive der Berichtenden. Eltern berichten oft über Absichten und Gründe, Kinder über erlebte Folgen. Meta-Analysen behandeln diese Quellen getrennt, weil sie systematisch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Auch die Messinstrumente variieren: Manche Skalen fragen nach konkreten Handlungen, andere nach globalen Einschätzungen wie Nähe oder Fairness. In Fragebögen werden Familienrollen zudem häufig mit einfachen Kategorien codiert, etwa Sohn, Tocher oder Geschwisterkind, um Vergleiche über Datensätze hinweg zu ermöglichen. Besonders sensitiv ist der Bereich Autonomie und Kontrolle, weil Freiheiten und Regeln stark altersabhängig sind und leicht mit Bevorzugung verwechselt werden. Viele Arbeiten nutzen deshalb Designs, in denen dieselben Eltern beide Kinder bewerten, oder sie kombinieren Elternurteile mit Kinderurteilen, um Wahrnehmungsunterschiede sichtbar zu machen. So entsteht ein Bild, das weniger von Einzelfällen lebt, sondern von konsistenten, wiederkehrenden Effekten.
Eine umfangreiche Meta-Analyse hat diese verstreute Literatur zuletzt zusammengeführt und dabei sowohl klassische Studien als auch zusätzliche Datensätze ausgewertet. Insgesamt flossen Daten aus 30 Untersuchungen in die Berechnungen ein, ergänzt durch weitere Erhebungen, sodass sich eine Gesamtstichprobe von 19 469 Personen ergab. Viele Teilstudien stammen aus Nordamerika und Westeuropa, was Vergleiche über ähnliche Bildungssysteme und Familienmodelle erleichtert, die Übertragbarkeit aber auch begrenzt. Wichtig ist der Fokus auf echte Geschwisterpaare, weil dadurch zahlreiche familiäre Rahmenbedingungen konstant bleiben und sich Unterschiede eher auf Merkmale der Kinder beziehen lassen. Statistisch werden solche Ergebnisse meist mit Random-Effects-Modellen zusammengefasst, die Streuung zwischen Studien ausdrücklich berücksichtigen. Bibliografische Angaben, Stichprobendetails und die Einordnung als Meta-Analyse lassen sich über PubMed prüfen, bevor man aus den Mittelwerten allzu direkte Schlüsse für einzelne Familien ableitet.
Neben dem mittleren Effekt ist in Meta-Analysen entscheidend, welche Moderatoren geprüft werden. Dazu gehören Alter der Kinder, Geschlecht, Geburtsreihenfolge, Erziehungsbereich und die Frage, ob Eltern oder Kinder berichten. Weil die untersuchten Unterschiede meist klein sind, können methodische Details den Ausschlag geben, ob ein Muster sichtbar wird oder im Rauschen verschwindet. Ein Beispiel ist die zeitliche Einordnung: Studien aus unterschiedlichen Jahrzehnten erfassen Familien in verschiedenen gesellschaftlichen Normen, was sich in Erziehungszielen und Erwartungen niederschlägt. Auch die Zusammensetzung der Stichproben spielt eine Rolle, etwa ob vor allem Jugendliche oder Erwachsene rückblickend über ihre Kindheit berichten. Die Meta-Analyse testet deshalb, ob Ergebnisse stabil bleiben, wenn man nur neuere Arbeiten betrachtet oder einzelne Messbereiche getrennt auswertet. So wird aus der Frage nach dem Lieblingskind eine überprüfbare Hypothese darüber, welche Konstellationen in vielen Familien wiederkehren und welche eher Einzelfälle bleiben.
In der zusammengefassten Auswertung zeigt sich ein klares, wenn auch nur schwach ausgeprägtes Muster: Eltern berichten im Mittel häufiger von einer stärkeren Zuneigung und günstigeren Behandlung gegenüber Mädchen als gegenüber Jungen. Interessant ist, dass dieses Signal nicht nur in Berichten von Müttern auftaucht, sondern auch in Berichten von Vätern, was gegen eine reine Rollenähnlichkeit als Erklärung spricht. Gleichzeitig fällt auf, dass Kinder und spätere Erwachsene, die über ihre Kindheit berichten, deutlich seltener Unterschiede zwischen sich und ihren Geschwistern angeben. Das legt nahe, dass Bevorzugung häufig subtil ist oder in Situationen stattfindet, die von Kindern als normaler Altersunterschied interpretiert werden. Die Meta-Analyse quantifiziert diese Effekte als klein, aber statistisch stabil über viele Datensätze hinweg, sodass es sich nicht um ein Einzelphänomen weniger Familien handelt.
Ein Bereich ragt in den Detailanalysen besonders heraus: Autonomie und Kontrolle. In Arbeiten, die seit 1990 veröffentlicht wurden, berichten Eltern häufiger, dass sie die Selbstständigkeit von Mädchen stärker unterstützen als die von Jungen, während andere Erziehungsdimensionen weniger eindeutig nach Geschlecht differenzieren. Die Kurzformel Töchter bevorzugt beschreibt damit nicht nur emotionale Nähe, sondern kann auch über Freiräume, Verantwortung und zugestandene Entscheidungen im Alltag laufen. Eine zusammenfassende Einordnung liefert American Psychological Association 2025 und betont dabei, dass die beobachteten Unterschiede klein sind und keine starre Regel für jede Familie darstellen. Genau diese Kleinheit ist jedoch für die Interpretation wichtig, weil schon geringe, wiederholte Abweichungen über viele Jahre als kumulative Erfahrung wirken können, besonders wenn Geschwister sie miteinander vergleichen.
Neben dem Geschlecht spielen Merkmale des Kindes eine messbare Rolle. In mehreren Datensätzen werden Kinder, die als zuverlässig, organisiert und konfliktarm beschrieben werden, im Mittel günstiger behandelt als Geschwister mit impulsiverem oder oppositionellem Verhalten. Ein zentraler Faktor ist dabei Gewissenhaftigkeit, weil sie im Alltag mit weniger Regelverstößen, planbarerem Verhalten und geringerer Eskalationswahrscheinlichkeit verbunden ist. Eltern erleben solche Kinder häufiger als kooperativ, was die Interaktion erleichtert und positive Rückkopplungen begünstigt, ohne dass dies bewusst als Bevorzugung intendiert sein muss. Wie stark stabile Persönlichkeitsunterschiede Verhalten und Stress im Alltag prägen können, zeigt auch die Forschung zu Gewissenhaftigkeit und verwandten Dimensionen, die in vielen psychologischen Modellen als relativ langlebig gelten. In der Meta-Analyse fällt zudem auf, dass umgängliche Kinder seltener Anlass für strenge Interventionen geben, was Bevorzugung über Jahre verstärken kann.
Für die Geschwisterforschung ist damit weniger die Idee eines festen Rankings wichtig, sondern die Dynamik, die aus vielen kleinen Entscheidungen entsteht. Wenn ein Kind öfter als unkompliziert erlebt wird, bekommt es möglicherweise mehr Vertrauen und Freiheiten, während ein anderes Kind häufiger Regeln und Korrekturen erfährt. Beides kann im Ergebnis wie elterliche Bevorzugung aussehen, obwohl es aus situativen Anpassungen startet. Für die langfristigen Folgen ist entscheidend, wie konsistent dieses Muster ist und ob Geschwister die Unterschiede als legitim oder als Abwertung interpretieren. Die Daten deuten darauf hin, dass Wahrnehmung und Kommunikation eine zentrale Rolle spielen, weil Kinder nicht nur Handlungen registrieren, sondern auch Gründe zuschreiben. Gerade weil die gemessenen Effekte klein sind, lässt sich daraus keine Schablone für einzelne Familien ableiten, wohl aber ein Hinweis darauf, welche Alltagssituationen besonders anfällig für Missverständnisse sind.
Psychological Bulletin, Parents favor daughters: A meta-analysis of gender and other predictors of parental differential treatment; doi:10.1037/bul0000458