Facebook, Twitter und Co.

So radikalisieren sich Verschwörungsgläubige in sozialen Netzwerken

Robert Klatt

Die Flacherde - Eine in sozialen Netzwerken beliebte Verschwörungstheorie )kcotS ebodAnidA(Foto: © 

Verschwörungstheorien verbreiten sich vor allem in sozialen Netzwerken. Die Radikalisierung verläuft dabei in vier Stufen.

Lille (Frankreich). In den letzten Jahren haben unterschiedlichen Studien sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt und etwa entdeckt, dass diese auch Menschen beeinflussen, die nicht an sie glauben und dass Verschwörungsgläubige häufig eine auffällige Kombination aus Charaktereigenschaften und einer persönlichen Motivation besitzen.

Forscher um die Informationswissenschaftlerin Christine Abdalla Mikhaeil von der IESEG School of Management haben nun analysiert, wie sich Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verbreiten und wie der Prozess der Radikalisierung abläuft. Laut ihrer Publikation im Information Systems Journal konnten sie dabei vier Stufen identifizieren.

Die Vier Stufen der Radikalisierung in sozialen Netzwerken

  • Stufe 1 (Bestätigung) – Menschen recherchieren zuerst in sozialen Medien, Foren und verschiedenen Presseorganen, um Inhalte zu finden, die die eigene Meinung oder Ansicht untermauern.
  • Stufe 2 (Affirmation) – Im nächsten Schritt werden spezifische Informationen herausgefiltert, während andere ignoriert werden, die dazu dienen, die eigene Ansicht oder Meinung zu bestärken und zu unterstreichen.
  • Stufe 3 (Informationsumgebung steuern) – Um die so geformte Identität und Überzeugung zu bewahren, beschränken Verschwörungsgläubige ihre Informationsquellen. Dies kann beinhalten, dass man Gegenargumenten wenig Beachtung schenkt, Kritiker infrage stellt oder bestimmte Personen und ihre Meinungen bewusst ignoriert oder marginalisiert.
  • Stufe 4 (Inszenierung) – Letztlich erfolgt ein Identitätsausdruck, bei dem die im Laufe des Prozesses entwickelte Identität inszeniert und hervorgehoben wird. Dies umfasst nicht nur die Präsentation dieser Identität gegenüber der Außenwelt, sondern auch den Versuch, Gleichgesinnte zu gewinnen und eine Gemeinschaft von Anhängern aufzubauen.

„Diese Phasen bilden eine spiralförmige Schleife, die eine gemeinsame konspirative soziale Identität stärkt und eine potenzielle Eskalation bis hin zur Radikalisierung ermöglicht.“

Verschwörungstheorien sind komplex

Laut Mikhaeil sind Verschwörungstheorien und soziale Netzwerke komplexe Phantome, die nicht einfach in Schwarz und Weiß eingeteilt werden können. Extreme Beispiele zeigen tief verwurzelte gesellschaftliche Herausforderungen, wie etwa Ausgrenzung, die durch soziale Medien potenziell noch verschärft werden können.

„Wir haben erschreckende Beispiele wie Pizzagate oder den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar, aber wir haben auch großartige Beispiele für Solidarität und Emanzipation im Netz.“

Mikhaeil ist überzeugt, dass soziale Netzwerke in ihrer aktuellen Form nicht generell problematisch sind. Sie erinnerte daran, dass das Internet in den frühen 2010er-Jahren Schauplatz von herausragenden Momenten der Ermächtigung, Solidarität und Befreiung war. Sie verweist dabei auf die Online-Aktionen nach den Flutkatastrophen in Thailand 2011 und den Anschlägen in Mumbai 2008.

„Soziale Medien sind das, was wir aus ihnen machen.“

Information Systems Journal, doi: 10.1111/isj.12427

Spannend & Interessant
VGWortpixel