Manche Menschen führen im Kopf einen ununterbrochenen Dialog, andere denken vollkommen wortlos. Die Forschung nennt das Fehlen der inneren Stimme seit Kurzem Anendophasie und liefert erstmals belastbare Belege dafür, dass dieser Unterschied das Denken beeinflusst. In vier Experimenten schnitten Personen mit schwach ausgeprägtem innerem Monolog bei bestimmten Sprachaufgaben messbar schlechter ab. Wie weit diese Unterschiede reichen und was sie über das Verhältnis von Sprache und Denken verraten, ordnet eine aktuelle Untersuchung ein.
Über Jahrzehnte galt in Psychologie und Alltagsverständnis als ausgemacht, dass Denken in Sprache stattfindet. Ratgeber fordern dazu auf, mit sich selbst zu sprechen, Lehrkräfte bitten Kinder, beim Lesen ihre innere Stimme zu nutzen, und in der Therapie ist vom inneren Kritiker die Rede. Diese Bilder setzen voraus, dass jeder Mensch einen inneren Monolog kennt. Neuere Selbstberichte haben diese Annahme zunehmend erschüttert, denn die Erfahrung reicht von nahezu pausenlosem inneren Reden bis zu dessen vollständigem Fehlen. Was lange fehlte, war eine sorgfältige Verhaltensstudie, die prüft, ob dieser Unterschied für das, was der Verstand leisten kann, überhaupt eine Rolle spielt. Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit von Forschern der Universität Kopenhagen und der University of Wisconsin-Madison an.
Der Begriff inneres Sprechen bezeichnet das Erleben von Gedanken in Form einer natürlichen Sprache, also gewissermaßen das lautlose Sprechen im Kopf. Aphantasie steht bereits für das Fehlen bildlicher Vorstellung, und in Anlehnung daran führten die Forscher den Begriff Anendophasie für das Fehlen des inneren Sprechens ein. Wichtig ist die Abgrenzung zu klinischen Störungen, denn es geht um eine normale Variation innerhalb der Bevölkerung, nicht um ein Defizit im medizinischen Sinne. Die Teilnehmer stammten daher aus der allgemeinen Bevölkerung und nicht aus klinischen Stichproben. Untersucht wurde, ob Menschen mit sehr unterschiedlich stark erlebter innerer Stimme bei genau jenen Aufgaben abweichen, die frühere Arbeiten mit sprachlicher Selbststeuerung in Verbindung gebracht hatten, etwa dem Behalten von Wörtern oder dem Erkennen von Reimen.
Für die Untersuchung verglichen die Forscher zwei Gruppen, die sich in ihrem selbstberichteten inneren Sprechen deutlich unterschieden. Auf der einen Seite standen 46 Erwachsene, die angaben, kaum oder gar keine innere Stimme zu erleben, auf der anderen Seite 47 Erwachsene mit stark ausgeprägtem innerem Monolog. Beide Gruppen durchliefen vier Experimente, die jeweils eine andere kognitive Leistung ins Visier nahmen, darunter das verbale Arbeitsgedächtnis und das Fällen von Reimurteilen. Beim verbalen Arbeitsgedächtnis geht es darum, mehrere sprachliche Einheiten kurzfristig präsent zu halten, etwa eine Folge ähnlich klingender Wörter. Beim Reimurteil muss beurteilt werden, ob zwei Begriffe klanglich zusammenpassen, was das innere Nachsprechen begünstigt. Die Ergebnisse zeigten in beiden Aufgaben einen klaren Unterschied zugunsten der Gruppe mit ausgeprägter innerer Stimme.
Personen mit niedrigem inneren Sprechen erzielten im verbalen Arbeitsgedächtnis eine geringere Leistung und taten sich mit Reimurteilen schwerer, sie reagierten langsamer und weniger genau. Nicht alle Aufgaben trennten die Gruppen jedoch. Das Wechseln zwischen Aufgaben, das zuvor mit sprachlicher Selbstinstruktion verknüpft worden war, sowie kategoriale Effekte bei Wahrnehmungsurteilen zeigten keine Abhängigkeit vom Ausmaß des inneren Sprechens. Dieses Muster ist aufschlussreich, weil es nahelegt, dass die innere Stimme nicht das Denken als Ganzes trägt, sondern gezielt dort hilft, wo Sprache unmittelbar im Spiel ist. Für alltägliche Aufgaben ohne starken sprachlichen Anteil scheinen Menschen mit und ohne inneren Monolog gleich gut zurechtzukommen, was die Alltagsrelevanz des Unterschieds relativiert und zugleich präziser macht.
So originell die Ergebnisse sind, so umstritten ist die weitreichende Deutung. Kritiker halten den Forschern vor, aus den Daten den Schluss zu ziehen, manche Menschen besäßen überhaupt kein inneres Sprechen. Ein veröffentlichter Kommentar argumentiert, die Studie liefere keinen zwingenden Beweis für ein völliges Fehlen, sondern belege zunächst nur graduelle Unterschiede zwischen Personen mit viel und wenig innerem Reden. Der Streit berührt eine grundsätzliche Frage der Psychologie, nämlich wie verlässlich sich innere Erfahrung überhaupt messen lässt. Selbstberichte gelten als schwierige Datenquelle, weil niemand von außen prüfen kann, was ein anderer Mensch im Kopf erlebt. Die Debatte zeigt, dass die Erforschung der inneren Stimme methodisch anspruchsvoll bleibt und dass ein griffiger Fachbegriff wie Anendophasie eine offene empirische Frage nicht automatisch beantwortet.
Unabhängig vom Ausgang dieser Kontroverse rückt die Arbeit eine lange übersehene Vielfalt menschlichen Denkens ins Licht. Dass ein Teil der Bevölkerung ohne wahrnehmbare innere Stimme durchs Leben geht, war vielen Betroffenen selbst nicht bewusst, weil sie annahmen, alle anderen dächten wie sie. Für die weitere Forschung eröffnen sich mehrere Wege, etwa die Verknüpfung mit bildgebenden Verfahren oder mit Fragen des Spracherwerbs und des Lesens. Praktisch könnte die Erkenntnis erklären helfen, warum manche Lerntechniken bei bestimmten Menschen besser greifen als bei anderen. Klar ist bereits, dass die verbreitete Gleichsetzung von Denken und lautlosem Sprechen zu kurz greift und dass die innere Stimme eher ein Werkzeug unter mehreren ist als die alleinige Bühne des Denkens.
Psychological Science, Not Everybody Has an Inner Voice: Behavioral Consequences of Anendophasia; doi:10.1177/09567976241243004