Status unter Jugendlichen

Narzisstische Teenager gewinnen Ansehen statt Zuneigung

 Dennis Lenz

Narzisstische Teenager gewinnen Ansehen statt Zuneigung
(Symbolbild) Jugendliche mit ausgeprägtem Narzissmus werden von Gleichaltrigen zunächst als beliebt wahrgenommen, gemocht werden sie deshalb aber nicht. Das zeigt eine Studie mit 252 Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 Jahren in einem Internatsprogramm. Der anfängliche Statusvorteil war nach einigen Monaten verschwunden. Ein bestimmtes Verhalten führte sogar dazu, dass die Beliebtheit mit der Zeit deutlich sank. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Wer als Jugendlicher selbstbewusst und dominant auftritt, steigt in der Gruppe oft schnell auf. Eine Studie mit 252 Jugendlichen zeigt jedoch, dass Narzissmus zwar anfangs Ansehen verschafft, aber keine Zuneigung. Der Statusvorteil narzisstischer Teenager verschwand innerhalb weniger Monate, gemocht wurden sie zu keinem Zeitpunkt mehr als andere. Ein bestimmtes Verhalten kostete sie am Ende sogar ihr Ansehen.

Die Jugend ist eine Zeit, in der sich soziale Hierarchien ständig neu ordnen und Gleichaltrige eine immer größere Rolle spielen. In dieser Phase treten Züge wie Ichbezogenheit und Narzissmus besonders häufig auf, während Jugendliche ihre Identität formen und sich von den Eltern lösen. Weil diese Züge in der Jugend verbreitet sind, vermuten manche Forscher, dass sie auch Vorteile bringen könnten, etwa das Selbstbewusstsein, das für die Loslösung nötig ist. Die Psychologie unterscheidet zwei Formen des Narzissmus. Der grandiose Narzissmus zeigt sich in übersteigertem Selbstwert, Anspruchsdenken und dem Streben nach Bewunderung durch Durchsetzungskraft oder Aggression. Der verletzliche Narzissmus beruht dagegen auf einem zerbrechlichen Selbstwert, der stark von der Rückmeldung anderer abhängt und oft mit Überempfindlichkeit und Abwehr einhergeht. Beide Formen verfolgen im Umgang mit anderen unterschiedliche Strategien. Der grandiose Typ sucht offen nach Status und setzt auf Charme und Geselligkeit, der verletzliche Typ bemüht sich eher verdeckt um Zugehörigkeit.

Unter Jugendlichen gibt es zudem eine wichtige Unterscheidung, die Erwachsene leicht übersehen. Beliebt im Sinne von populär und beliebt im Sinne von gemocht sind zwei verschiedene Dinge. Ein Teenager kann in der Klasse als besonders populär gelten, weil er sichtbar ist und dominiert, obwohl ihn die meisten Mitschüler persönlich nicht mögen. Umgekehrt gibt es Jugendliche, die viele Freunde haben, ohne im Mittelpunkt zu stehen. Der Psychologe Christopher Barry von der Washington State University wollte mit seinem Team herausfinden, wie grandioser und verletzlicher Narzissmus mit diesen beiden Formen von sozialem Status zusammenhängen. Die zentrale Frage lautete, ob sich Narzissmus unter Jugendlichen auszahlt oder ob der schnelle Aufstieg nur ein kurzes Strohfeuer ist. Um das zu beantworten, brauchte das Team eine Gruppe, in der sich Hierarchien von Grund auf neu bilden und über Monate verfolgen lassen.

Wie die Studie den Narzissmus unter Jugendlichen maß

Das Team rekrutierte 252 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren, die an einem 22-wöchigen Internatsprogramm für gefährdete Jugendliche teilnahmen. Die Teilnehmer lebten zusammen, besuchten gemeinsam den Unterricht und folgten einem streng geregelten Tagesablauf mit Uniformen und festen Verhaltensregeln. Da alle zur gleichen Zeit ankamen und sich zuvor nicht kannten, ließ sich beobachten, wie sich Hierarchien bildeten und veränderten. Die Forscher befragten die Jugendlichen zweimal, etwa sieben Wochen nach Beginn und 15 Wochen später gegen Ende des Programms. Die Teilnehmer schätzten ihren eigenen grandiosen und verletzlichen Narzissmus ein und benannten bis zu drei Mitbewohner ihrer Gruppe, die besonders populär, gemocht, unbeliebt, selbstbewusst, angeberisch oder dominant waren. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Studie zu Narzissmus, Popularität und Beliebtheit unter Jugendlichen im Journal of Social and Personal Relationships.

Ansehen am Anfang, keine Zuneigung am Ende

Das Ergebnis zeichnet ein klares Muster. Jugendliche mit hohem grandiosem Narzissmus wurden bei der ersten Befragung von Gleichaltrigen häufiger als populär genannt. Wer sich selbst für besonders wichtig hielt, genoss anfangs also tatsächlich hohes Ansehen in der Gruppe. Bei der zweiten Befragung gegen Ende des Programms war dieser Zusammenhang jedoch verschwunden. Noch deutlicher fällt der zweite Befund aus: Grandioser Narzissmus hing zu keinem Zeitpunkt damit zusammen, von anderen gemocht zu werden. Der Statusvorteil brachte narzisstischen Jugendlichen also keine Freunde. Der verletzliche Narzissmus zeigte nahezu keinen Zusammenhang mit sozialem Status, abgesehen von einer schwachen Verbindung zu Ablehnung in den ersten Wochen. Die Studie bestätigt damit eine alte Beobachtung aus dem Schulalltag mit Daten: Wer lautstark im Mittelpunkt steht, wird zwar wahrgenommen, aber nicht automatisch gemocht. Und selbst die Aufmerksamkeit hält offenbar nicht lange an.

Warum Angeberei die Beliebtheit kostet

Aufschlussreich wird die Studie, wenn man einzelne Verhaltensweisen betrachtet. Jugendliche, die von anderen als selbstbewusst oder dominant eingeschätzt wurden, galten sowohl zu Beginn als auch am Ende des Programms als populär. Dominanz ging zum Teil sogar mit Sympathie einher, was darauf hindeutet, dass die Gruppennormen in diesem Umfeld durchsetzungsstarkes Verhalten belohnten. Ganz anders verlief die Entwicklung bei der Angeberei. Wer zu Beginn als angeberisch galt, wurde anfangs ebenfalls oft als populär wahrgenommen. Eine weitere Analyse zeigte jedoch, dass frühes Prahlen einen deutlichen Rückgang der Popularität bis zum Ende des Programms vorhersagte. Selbstbewusstsein und Angeberei wirken demnach auf den ersten Blick ähnlich, haben aber sehr unterschiedliche Folgen. Während selbstbewusstes Auftreten dauerhaft respektiert wird, verbraucht sich das ständige Hervorheben der eigenen Großartigkeit mit der Zeit. Die Mitschüler durchschauen es offenbar, sobald sie sich besser kennen.

Was die Befunde für Eltern und Lehrer bedeuten

Für Eltern und Lehrer liefert die Studie einen wichtigen Hinweis. Die Autoren sehen in ihren Ergebnissen einen Ansatzpunkt, um Jugendlichen zu helfen, selbstbewusst aufzutreten, ohne andere zu verprellen. Selbstbewusstsein an sich ist nach den Daten kein Problem, sondern eher ein Vorteil in der Gruppe. Problematisch wird es dort, wo Jugendliche ihren Status durch Prahlen absichern wollen. Kurzfristig mag das funktionieren, auf längere Sicht verlieren sie genau das Ansehen, das sie damit gewinnen wollten. Die Befunde passen zu einer verbreiteten Sorge in der Debatte über soziale Medien, in denen Selbstdarstellung und das Sammeln von Aufmerksamkeit eine große Rolle spielen. Ob sich die Ergebnisse auf Online-Umgebungen übertragen lassen, hat die Studie allerdings nicht untersucht. Sie zeigt aber, dass Anerkennung unter Gleichaltrigen auf Dauer eher durch souveränes Auftreten entsteht als durch lautes Herausstellen der eigenen Vorzüge.

Wo die Grenzen der Studie liegen

Die Autoren nennen selbst mehrere Einschränkungen. Die Studie fand in einem quasi-militärischen Internatsprogramm für gefährdete Jugendliche statt, mit strengen Routinen und besonderen Verhaltenserwartungen. In einem solchen Umfeld können Dominanz und Selbstbewusstsein anders belohnt werden als an einer gewöhnlichen Schule. Die sozialen Dynamiken lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Jugendlichen übertragen. Zudem durften die Teilnehmer nur bis zu drei Mitbewohner je Eigenschaft benennen, statt alle Gruppenmitglieder zu bewerten, was die Genauigkeit der Messung begrenzt. Künftige Studien sollen weitere narzisstische Verhaltensweisen wie Manipulation oder das gezielte Suchen nach Aufmerksamkeit einbeziehen und prüfen, wie sie sich auf langfristige Freundschaften auswirken. Trotz dieser Grenzen liefert die Untersuchung einen seltenen Blick darauf, wie sich soziale Hierarchien unter Jugendlichen von Grund auf bilden, und darauf, dass sich Narzissmus in der Gruppe nur kurz auszahlt.

Journal of Social and Personal Relationships, How Does Narcissism Relate to Popularity and Likeability in an Adolescent Residential Setting?; doi:10.1177/02654075261444785

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