Hemisphärenasymmetrie

Linkshänder unterscheiden sich in drei Persönlichkeitsmerkmalen

 Dennis Lenz

Linkshänder unterscheiden sich in drei Persönlichkeitsmerkmalen
(Symbolbild) Etwa jeder zehnte Mensch bevorzugt die linke Hand, und diese Vorliebe gilt als sichtbarer Hinweis auf die Arbeitsteilung zwischen den beiden Gehirnhälften. Eine Erhebung der Universität Wien an 198 Studierenden verbindet Seitigkeit, Geschlecht, Persönlichkeitsprofil und depressive Symptome in einer gemeinsamen Auswertung. Dabei zeigt sich, dass Linkshänder in drei der fünf großen Persönlichkeitsdimensionen abweichen. Ein zweites Muster wird erst sichtbar, wenn Händigkeit und Geschlecht nicht getrennt, sondern zusammen betrachtet werden. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die Händigkeit gilt als sichtbares Zeichen dafür, wie Aufgaben zwischen den Gehirnhälften verteilt sind. Eine Erhebung an der Universität Wien hat nun geprüft, ob sich Linkshänder auch in ihrer Persönlichkeit und in depressiven Symptomen von Rechtshändern unterscheiden. 198 Studierende durchliefen dafür standardisierte Verfahren zu den Big Five, zur Stimmungslage und zur Handpräferenz. Die Auswertung findet bei drei der fünf Persönlichkeitsdimensionen systematische Abweichungen und zusätzlich ein Muster, das erst im Zusammenspiel mit dem Geschlecht sichtbar wird.

Die Händigkeit ist das am leichtesten erkennbare Merkmal einer tiefer liegenden Eigenschaft des menschlichen Gehirns. Fachleute sprechen von Lateralisierung, wenn bestimmte Funktionen stärker in einer der beiden Hälften verankert sind. Die Sprachverarbeitung ist bei den meisten Menschen überwiegend links organisiert, während räumliche Aufmerksamkeit, Gesichtsverarbeitung und Teile der emotionalen Verarbeitung häufiger rechts dominieren. Etwa jeder zehnte Mensch schreibt und greift bevorzugt mit links, und Linkshänder zeigen im Mittel eine schwächer ausgeprägte Seitigkeit, also einen geringeren funktionalen Unterschied zwischen den Hemisphären. Mehrere Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei ihnen mehr Information zwischen den Hälften ausgetauscht wird. Ob sich diese Besonderheit auch im Erleben und Verhalten niederschlägt, wird seit Jahrzehnten diskutiert, bislang meist anhand kleiner Stichproben und mit widersprüchlichen Ergebnissen. Genau an dieser Stelle setzt die neue Auswertung aus Österreich an.

Persönlichkeit wird in der Wissenschaft meist über das Fünf-Faktoren-Modell beschrieben, international als Big Five bekannt. Es umfasst Extraversion als Maß für Geselligkeit und Aktivität, Verträglichkeit für Kooperationsbereitschaft, Gewissenhaftigkeit für Organisation und Zuverlässigkeit, Offenheit für Neugier sowie Neurotizismus als Ausmaß emotionaler Labilität. Diese Dimensionen gelten als vergleichsweise stabil und lassen sich mit standardisierten Fragebögen erfassen, was sie für Gruppenvergleiche brauchbar macht. In der Forschung zur Persönlichkeit gilt Neurotizismus zugleich als Bindeglied zu depressiven Symptomen, weil hohe Werte mit stärkerer Stressreaktivität und häufigerem Grübeln einhergehen. Wenn die Händigkeit tatsächlich etwas über die Verarbeitung von Emotionen verrät, müssten sich Spuren davon in genau diesen Kennwerten zeigen. Bislang fehlte jedoch eine Untersuchung, die Richtung und Konsistenz der Handpräferenz gemeinsam mit Geschlecht und Stimmungslage betrachtet.

Wie die Wiener Untersuchung die Händigkeit erfasst hat

An der Universität Wien nahmen 198 Studierende teil, darunter 105 Frauen und 93 Männer, das Durchschnittsalter lag bei 24 Jahren. Nahezu alle Teilnehmer besaßen die österreichische oder die deutsche Staatsbürgerschaft. Erhoben wurden drei Bereiche: die Persönlichkeit über das NEO-Fünf-Faktoren-Inventar, depressive Symptome über das Beck-Depressions-Inventar in seiner zweiten Fassung und die Handpräferenz über das Edinburgh Handedness Inventory. Dieses Verfahren erfasst nicht nur, ob jemand rechts oder links bevorzugt, sondern auch, wie konsequent er das über verschiedene Alltagstätigkeiten hinweg tut. Die Unterscheidung ist wichtig, weil ein erheblicher Teil der Bevölkerung je nach Aufgabe die Hand wechselt und damit weder eindeutig konsistent noch klar seitenfest ist. Die im Fachjournal Brain and Cognition veröffentlichte Analyse prüfte anschließend, welche Kombination aus Richtung, Konsistenz und Geschlecht mit welchen Kennwerten zusammenhängt.

Wo sich Linkshänder von Rechtshändern unterscheiden

Die Auswertung ergab, dass Rechtshänder im Mittel höhere Werte für Gewissenhaftigkeit und Extraversion erreichten, während Linkshänder höher auf der Skala für Neurotizismus lagen. Für Offenheit und Verträglichkeit fanden sich dagegen keine bedeutsamen Unterschiede nach Händigkeit. Ebenso wenig ließen sich Persönlichkeitsunterschiede zwischen konsistenten und inkonsistenten Händern nachweisen, was gegen die Annahme spricht, allein der Grad der Seitigkeit sei ausschlaggebend. Zwischen den Geschlechtern zeigte sich das aus der Literatur bekannte Bild: Frauen erreichten höhere Werte für Neurotizismus und Verträglichkeit als Männer. Die Effekte bewegen sich in einer Größenordnung, die statistisch belegbar ist, aber keine Aussage über einzelne Personen erlaubt. Wie stark solche Merkmale überhaupt festliegen, zeigt die Forschung dazu, wie sich die Persönlichkeit über das gesamte Leben verändert, und relativiert einfache Zuschreibungen zusätzlich.

Warum Geschlecht und Händigkeit zusammen betrachtet werden

Bei den depressiven Symptomen erreichten Frauen insgesamt höhere Werte als Männer, was epidemiologischen Befunden entspricht. Interessanter ist das Muster, das erst bei gemeinsamer Betrachtung von Seitigkeit und Geschlecht auftauchte. Die höchsten Werte im Beck-Inventar zeigten konsistent linkshändige Männer sowie konsistent rechtshändige Frauen. Die niedrigsten Werte fanden sich bei inkonsistent rechtshändigen Frauen und konsistent rechtshändigen Männern. Händigkeit und Geschlecht wirken den Autoren zufolge also nicht nur unabhängig voneinander, sondern auch in Wechselwirkung auf Persönlichkeitsprofil und Stimmungslage, was auf geschlechtsspezifische neurobiologische Mechanismen in der affektiven Verarbeitung hindeutet. Dass Persönlichkeitsmerkmale selten auf eine einzige Ursache zurückgehen, zeigt auch die Forschung zum Einfluss der Geschwisterrolle auf die Persönlichkeit, die ganz andere Ansatzpunkte in den Blick nimmt.

Was die Zahlen nicht hergeben

Die Stichprobe besteht aus 198 Studierenden eines einzigen Standorts, ist überwiegend deutschsprachig und deckt eine schmale Altersspanne ab. Ergebnisse in anderen Alters-, Bildungs- und Kulturgruppen können deutlich abweichen. Alle Angaben beruhen zudem auf Selbstauskunft, sowohl bei der Persönlichkeit als auch bei den depressiven Symptomen und bei der Handpräferenz. Das Beck-Inventar erfasst Symptomstärke, es stellt keine Diagnose, weshalb aus höheren Werten kein Rückschluss auf eine Depression im klinischen Sinn folgt. Da die Daten zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben wurden, lässt sich außerdem keine Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten. Die Befunde beschreiben statistische Zusammenhänge auf Gruppenebene und sagen nichts darüber aus, wie ein einzelner Linkshänder gestimmt, organisiert oder gesellig ist. Aussagekräftig sind sie vor allem als Hinweis darauf, dass Lateralisierung und Geschlecht in künftigen Studien gemeinsam modelliert werden sollten.

Brain and Cognition, Sex and handedness differences in Big Five personality traits and depression: Investigating the role of cerebral lateralization; doi:10.1016/j.bandc.2026.106405

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