Robert Klatt
Jugendliche und junge erwachsene Transpersonen leiden deutlich öfter unter schweren physischen Krankheiten als ihre Altersgenossen. Diese nehmen nach medizinischen Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung nicht ab, sondern noch mehr zu.
Tampere (Finnland). Menschen mit einer transphoben Ansicht vertreten oft die Meinung, dass die Transidentität bei den meisten jungen Menschen nur eine Phase ist und die Personen deshalb später geschlechtsanpassende Maßnahmen bereuen werden. Laut einer Studie der Princeton University bereuen Transpersonen ihre Transition aber nur sehr selten. Transphobe Menschen behaupten zudem oft, dass die Transidentität eine psychische Krankheit sei oder Transpersonen öfter unter psychischen Problemen leiden.
Forscher der Tampere University (TAU) haben nun eine Studie publiziert, die untersucht hat, ob Transpersonen tatsächlich öfter unter psychischen Problemen leiden und wie medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung diese beeinflussen. Sie haben dazu Daten von allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die zwischen 1996 und 2019 aufgrund von Geschlechtsdysphorie, also des Leidens, das aus dem Unterschied zwischen der empfundenen Geschlechtsidentität und dem biologischen Geschlecht entsteht, im Helsinki University Hospital und im Tampere University Hospital behandelt wurden, analysiert.
Wie die Forscher erklären, haben sie die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen ab dem Zeitraum vor der ersten Untersuchung zur Geschlechtsidentität bis hinein in die Nachbeobachtungszeit dokumentiert und mit einer gleichaltrigen Kontrollgruppe verglichen. Die Beobachtungsphase begann mindestens zwei Jahre nach dem ersten Behandlungstermin in einer der beiden Kliniken und dauerte mindestens ein Jahr nach dem möglichen Beginn medizinischer Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung. Im Mittel wurden die Probanden rund fünf Jahre begleitet.
Die Daten zeigen deutlich, dass Jugendliche und junge Erwachsene, die eine Abklärung ihrer Geschlechtsidentität durchlaufen haben, um eine medizinische Geschlechtsanpassung einleiten zu können, rund dreimal so oft wegen schwerer psychischer Erkrankungen behandelt werden müssen, wie die Kontrollgruppe. Die psychischen Krankheiten treten am häufigsten bei Transpersonen auf, die tatsächlich medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung erhalten haben. Zwei Jahre nach der ersten Untersuchung zur Geschlechtsidentität traten diese Krankheiten in der Gruppe viermal so oft auf wie in der Kontrollgruppe. Die Geschlechtsanpassung hat also nicht dazu geführt, dass die physischen Krankheiten in der Gruppe zurückgegangen sind.
„Hohe Erwartungen wurden an medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung gestellt, insbesondere wenn sie bereits im Jugendalter beginnen, da angenommen wird, dass sie sich positiv auf die psychische Gesundheit und die allgemeine Lebensfähigkeit auswirken. Diese außergewöhnlich umfassende und national repräsentative Registerstudie konnte diese Vorteile jedoch nicht nachweisen. Im Gegenteil deuten die Ergebnisse auf eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit bei Personen hin, die medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung erhalten.“
Die Wissenschaftler haben zudem untersucht, ob sich die psychischen Krankheiten im Zeitverlauf geändert haben. Dazu haben sie die Stichprobe in einen Zeitraum vor 2010 und nach 2010 untersucht, weil die Untersuchung der Geschlechtsidentität in westlichen Ländern ab 2010 stark zugenommen hat. Die Daten zeigen, dass Transpersonen, deren Erstbehandlung 2010 oder später erfolgt ist, deutlich öfter unter psychischen Krankheiten leiden als Transpersonen, die davor behandelt wurden. In der Kontrollgruppe wurde hingegen kein Anstieg der physischen Krankheiten entdeckt.
In Anbetracht der Ergebnisse erklären die Autoren, dass bei einem Teil der jungen Transpersonen die Geschlechtsdysphorie nicht allein für ihre physischen Probleme verantwortlich ist, sondern dass ein Zusammenhang mit anderen psychischen Krankheiten wahrscheinlich ist. Es kann deshalb passieren, dass medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung negative Folgen haben.
Quellen:
Pressemitteilung der Tampere University (TAU)
Studie im Fachmagazin Acta Paediatrica, doi: 10.1111/apa.70533