Kürzere Zündschnur

Jeder zweite Autofahrer räumt Aggression im Straßenverkehr ein

 Dennis Lenz

Jeder zweite Autofahrer räumt Aggression im Straßenverkehr ein
(Symbolbild) Die Aggression im Straßenverkehr hat in Deutschland ein neues Ausmaß erreicht. Fast alle 23 Messwerte für aggressives Verhalten haben sich laut einer Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer seit 2023 weiter verschlechtert. 47 Prozent der Autofahrer geben inzwischen zu, mitunter zu drängeln, wenn ihnen der Vordermann zu langsam fährt. Als zentrale Ursachen gelten Hektik, Zeitdruck und die permanente Erreichbarkeit im Alltag. (Foto: © Forschung und Wissen)

Auf deutschen Straßen wird der Ton spürbar rauer. Eine neue Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer zeigt, dass die Aggression im Straßenverkehr seit rund zehn Jahren kontinuierlich zunimmt und sich fast alle 23 gemessenen Verhaltenswerte seit 2023 nochmals verschlechtert haben. Inzwischen räumt fast jeder zweite Autofahrer eigenes Drängeln ein, während zugleich die Smartphonenutzung am Steuer deutlich steigt. Besonders auffällig ist die wachsende Kluft zwischen Selbstbild und Fremdbild der Verkehrsteilnehmer. Die Befragung von über 2.000 Personen offenbart zudem, welche Maßnahmen eine überraschend breite Mehrheit inzwischen unterstützt.

Das Verkehrsklima beschreibt, wie Verkehrsteilnehmer miteinander umgehen, wie sicher sie sich fühlen und wie häufig sie regelwidriges oder rücksichtsloses Verhalten zeigen oder erleben. Die Aggression im Straßenverkehr gilt dabei als zentraler Indikator, weil sie unmittelbar mit dem Unfallrisiko zusammenhängt. Wer drängelt, zu dicht einschert oder sich nach einem Ärgernis sofort abreagieren muss, verkürzt Sicherheitsabstände, erhöht Geschwindigkeitsdifferenzen und verringert die Zeit, die für Reaktionen auf unerwartete Situationen bleibt. Verkehrspsychologen unterscheiden dabei zwischen instrumenteller Aggression, die dem eigenen Vorankommen dient, und affektiver Aggression, die aus Ärger und Frust entsteht. Beide Formen nehmen nach den vorliegenden Daten zu, und beide betreffen längst nicht mehr nur Autofahrer, sondern auch Radfahrer und andere Verkehrsteilnehmer im zunehmend dichten Verkehr.

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft untersucht das Verkehrsklima in Deutschland seit Jahren in regelmäßigen Abständen mit derselben Methodik, wodurch sich Entwicklungen über lange Zeiträume präzise nachzeichnen lassen. Für die aktuelle Erhebung wurden zwischen März und April 2026 insgesamt 2.004 Personen ab 18 Jahren online befragt. Die Daten wurden unter anderem nach Alter, Geschlecht, Bildung, regionaler Verteilung, Führerscheinbesitz sowie der Nutzung von Auto, Fahrrad und öffentlichem Nahverkehr gewichtet, um ein repräsentatives Bild der Bevölkerung zu erhalten. Erfasst wurden 23 Einzelwerte zu aggressivem Verhalten, ergänzt um Fragen zur Ablenkung am Steuer, zum Sicherheitsempfinden und zur Akzeptanz gesetzlicher Maßnahmen. Die Ergebnisse wurden am 17. August 2026 in Berlin vorgestellt.

Wie stark die Aggression im Straßenverkehr zugenommen hat

Das zentrale Ergebnis fällt eindeutig aus. Nahezu alle 23 ermittelten Werte für aggressives Verhalten haben sich laut der Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer seit der letzten Erhebung 2023 weiter verschlechtert, einige davon deutlich. So geben inzwischen 55 Prozent der Autofahrer an, sich sofort abreagieren zu müssen, wenn sie sich über andere ärgern. 2023 lag dieser Anteil bei 50 Prozent, 2016 erst bei 29 Prozent. Der Wert hat sich innerhalb eines Jahrzehnts also fast verdoppelt. Beim Drängeln zeigt sich ein ähnliches Muster: 47 Prozent räumen ein, mitunter dicht aufzufahren, wenn der Vorausfahrende vermeintlich bummelt, nach 39 Prozent im Jahr 2023 und 29 Prozent im Jahr 2016. Fast ein Drittel schert nach dem Überholen so knapp ein, dass der andere bremsen muss.

Bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. 92 Prozent der Befragten geben an, Radfahrer besonders vorsichtig zu überholen, während zugleich 86 Prozent berichten, bei anderen Fahrern zu enge Überholmanöver zu beobachten. Beide Aussagen können rechnerisch kaum gleichzeitig zutreffen, was zeigt, wie stark viele Verkehrsteilnehmer eigenes Fehlverhalten ausblenden und die Schuld bei anderen suchen. Der Trend selbst ist nicht neu, denn bereits die vorherige Erhebung dokumentierte wachsende Aggressionen im Straßenverkehr mit zunehmend rücksichtslosem Verhalten. Neu ist jedoch das Tempo der Verschlechterung, das sich zwischen 2023 und 2026 in mehreren Kernwerten nochmals beschleunigt hat und die Forscher alarmiert.

Smartphone am Steuer wird zum wachsenden Risiko

Neben der Aggression dokumentiert die Studie eine deutliche Zunahme der Ablenkung durch das Smartphone am Steuer. Fast jeder vierte Autofahrer versendet demnach zumindest gelegentlich während der Fahrt Textnachrichten, ebenso viele surfen unterwegs im Internet. Mehr als jeder fünfte Befragte nutzt am Steuer soziale Medien, vor drei Jahren war es erst gut jeder zehnte. Damit hat sich dieser Anteil innerhalb kurzer Zeit nahezu verdoppelt. Junge Fahrer greifen deutlich häufiger zum Gerät als ältere Jahrgänge. Aus Sicht der Unfallforschung ist diese Entwicklung besonders gefährlich, weil ein Blick auf das Display bei 100 Kilometern pro Stunde einem Blindflug über mehrere Dutzend Meter entspricht und Ablenkung in Kombination mit knappen Abständen die Reaktionsreserven zusätzlich aufzehrt.

Beunruhigend ist dabei nicht nur das Verhalten selbst, sondern auch die nachlassende Risikowahrnehmung. Nur noch 74 Prozent der Befragten stufen das Schreiben von Textnachrichten während der Fahrt als sehr risikoreich ein, drei Jahre zuvor waren es noch 84 Prozent. Das Bewusstsein für die Gefahr schwindet also genau in dem Moment, in dem die Nutzung zunimmt. UDV-Leiterin Kirstin Zeidler brachte die Entwicklung bei der Vorstellung der Ergebnisse auf die Formel, der Zeitgeist laufe der Sicherheit entgegen. Als Ursachen für die kürzere Zündschnur der Verkehrsteilnehmer nennt die Studie einen hektischeren Alltag, wachsenden Zeitdruck, dichteren Verkehr und die permanente Erreichbarkeit, die viele Menschen auch hinter dem Steuer nicht mehr loslässt und den Stresspegel dauerhaft erhöht.

Auch Radfahrer verhalten sich aggressiver

Die Verrohung des Verkehrsklimas beschränkt sich nicht auf Autofahrer. Auch bei den Radfahrern verzeichnet die Erhebung eine deutliche Zunahme aggressiver Verhaltensweisen. 43 Prozent von ihnen geben an, hin und wieder die Vorfahrt zu erzwingen, nach 28 Prozent bei der Befragung im Jahr 2023. Das entspricht einem Anstieg um 15 Prozentpunkte innerhalb von nur drei Jahren. Fast jeder zweite Radfahrer überholt Autos zudem auch verkehrswidrig oder schlängelt sich durch den stehenden Verkehr. Die Unfallforscher werten dies als Beleg dafür, dass die zunehmende Gereiztheit alle Gruppen von Verkehrsteilnehmern erfasst hat und nicht einer einzelnen Gruppe zugeschrieben werden kann. Gerade im dichter werdenden Stadtverkehr, in dem sich Autos, Fahrräder und E-Scooter denselben knappen Raum teilen, steigt damit das Konfliktpotenzial an nahezu jeder Kreuzung.

Mehr Kontrollen und breite Zustimmung zum Tempolimit

Als Reaktion auf die Ergebnisse spricht sich die UDV für schärfere Kontrollen und Sanktionen aus. Rund 60 Prozent der Befragten gaben an, noch nie von der Polizei kontrolliert worden zu sein oder dass die letzte Kontrolle Jahre zurückliege. Auch das Strafmaß wird von vielen als mild empfunden, wodurch Regelverstöße kaum spürbare Konsequenzen haben. Zeidler fordert deshalb unter anderem den häufigeren Einsatz sogenannter Handyblitzer, die Verstöße gegen das Handyverbot automatisiert erfassen. Die Position knüpft an frühere Empfehlungen an, in denen die Unfallforscherin bereits härtere Strafen im deutschen Straßenverkehr und mehr Punkte statt reiner Bußgelder ins Gespräch gebracht hatte. Zusätzlich seien Verkehrsplaner und Verkehrspsychologen gefordert, Konzepte gegen aggressives Verhalten im immer dichteren Verkehr zu entwickeln, etwa durch konfliktärmere Verkehrswege.

Überraschend deutlich fällt die Zustimmung zu gesetzlichen Maßnahmen aus. 74 Prozent der Befragten befürworten eine Null-Promille-Grenze für Autofahrer, 72 Prozent unterstützen eine Grenze von 1,1 Promille für Radfahrer. Ein generelles Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen findet mit 60 Prozent ebenfalls eine klare Mehrheit, 53 Prozent sprechen sich für Tempo 80 auf Landstraßen aus und 43 Prozent für Tempo 30 innerorts. Die Bevölkerung zeigt sich damit strengeren Regeln gegenüber deutlich aufgeschlossener, als die politische Debatte oft vermuten lässt. Ob und wann der Gesetzgeber diese Stimmungslage aufgreift, bleibt offen. Die nächste Erhebung der Langzeitreihe wird zeigen, ob sich der seit einem Jahrzehnt anhaltende Negativtrend beim Verkehrsklima noch stoppen lässt oder sich die Spirale aus Stress, Ablenkung und Aggression weiterdreht.

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