Robert Klatt
Menschen können parallele Aufgaben durch regelmäßiges Training schnell und fehlerfrei lösen. Selbst kleine Änderungen führen aber dazu, dass der Trainingseffekt abnimmt und die Fehlerquote steigt, weil das Gehirn nicht wirklich parallel arbeiten kann.
Halle (Saale). Menschen erledigen in ihrem Alltag oft mehrere Aufgaben parallel, weil sie denken, dass das Multitasking sie besonders effizient macht, obwohl inzwischen mehrere Studien das Gegenteil belegt haben. Demnach kann das Gehirn des Menschen nur einer Aufgabe seine volle Konzentration zuteilen und mehrere parallele Aufgaben führen dazu, dass die Leistung abnimmt.
In den Studien wurden aber auch Hinweise darauf entdeckt, dass Menschen ihr Gehirn gezielt für das Multitasking trainieren können. Forscher der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) haben nun eine Studie publiziert, die untersucht hat, ob man durch spezielles Training tatsächlich die Doppelbelastung des Gehirns beseitigen kann.
„Dieses als Virtually Perfect Time Sharing bekannte Phänomen galt lange als Hinweis auf echte Parallelverarbeitung im Gehirn und als Nachweis dafür, dass unser Gehirn grenzenlos multitaskingfähig ist.“
In dem Experiment zum Multitasking haben die Probanden zwei Aufgaben, die unterschiedliche Sinne ansprechen, gleichzeitig bearbeitet. Ihnen wurde ein Ton vorgespielt und sie sollten beurteilen, ob dieser hoch, mittel oder tief ist und parallel dazu mit einer Hand die Größe eines eingeblendeten Kreises zeigen. Die Teilnehmer hatten zwei Wochen Zeit, die Aufgaben zu üben. Am Anfang des Experiments und nach dem Trainingszeitraum haben die Forscher die Fehlerquote gemessen, um zu ermitteln, wie das Training diese beeinflusst.
Das Experiment zeigt, dass Training tatsächlich das Multitasking verbessern kann und dazu führt, dass die Probanden beide Aufgaben parallel ohne Fehler lösen können. Wenn eine der Aufgaben geändert wurde, auch wenn es nur eine minimale Anpassung, etwa beim zeitlichen Ablauf, war, kam es jedoch wieder zu deutlich mehr Fehlern und einer längeren Bearbeitungszeit.
Analysen zeigen, dass dies daran liegt, dass das Gehirn kein echtes Multitasking beherrscht. Das gezielte Training führt lediglich dazu, dass es die immer gleichen Aufgaben sehr schnell nacheinander bearbeiten kann und dabei kaum denken muss. Diese Routine wird aber durch kleine Änderungen gestört und die Trainingseffekte verschwinden.
„Unser Gehirn ist sehr geschickt darin, Prozesse so hintereinander zu reihen, sodass sie sich nicht mehr stören.“
Laut der Studie führt das vermeintliche Multitasking zudem dazu, dass das Gehirn schneller ermüdet und bei längeren Aufgaben zu mehr Fehlern neigt.
„Unsere Studie rückt die Grenzen menschlicher Informationsverarbeitung in ein neues Licht. Das Verständnis solcher kognitiven Engpässe ist entscheidend, um Arbeitsprozesse, Lernumgebungen und auch Sicherheitsmaßnahmen im Alltag besser gestalten zu können.“
Die Wissenschaftler erklären, dass ihre Studie vor allem zeigt, dass Multitasking in manchen Bereichen gefährlich sein kann und deshalb in risikoreichen Situationen vermieden werden sollte.
„Unsere Ergebnisse zeigen, warum Multitasking im Alltag trotz Routine oft riskant sein kann, zum Beispiel beim Autofahren und gleichzeitigem Telefonieren. Das ist auch für Berufe mit komplexen Tätigkeiten relevant, bei denen mehrere Aufgaben parallel erledigt werden müssen, zum Beispiel Fluglotsen oder Simultanübersetzer.“
Quellen:
Pressemitteilung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU)
Studie im Fachmagazin Quarterly Journal of Experimental Psychology, doi: 10.1177/17470218251396870