Häufige Kurzurlaube gehen mit mehr Glück, einer höheren psychischen Widerstandskraft und einer besseren Lebensqualität einher. Das zeigen drei Befragungen mit mehr als 1.200 Urlaubern aus Australien. Überraschend ist, wer am meisten davon hat: nicht die entspannten und ausgeglichenen Reisenden, sondern Menschen, die sich verletzlich fühlen und schlecht mit Stress zurechtkommen. Die Forscher sehen darin einen Kreislauf, der weit über die Rückkehr nach Hause hinaus wirkt.
Der klassische Jahresurlaub mit zwei oder drei Wochen am Stück verliert für viele Menschen an Bedeutung. Stattdessen verteilen sie ihre freien Tage auf mehrere kurze Reisen, auf ein verlängertes Wochenende an der Küste, zwei Nächte in den Bergen oder einen Städtetrip mit dem Zug. Mit dem Oktober rückt für viele Familien zudem die Zeit der Herbstferien näher, in der solche Kurzurlaube besonders gefragt sind. Ob diese kleinen Auszeiten der Psyche tatsächlich etwas bringen oder nur eine angenehme Unterbrechung des Alltags sind, war bislang wenig untersucht. Die Forschung hat sich zwar mit Urlaub und Lebenszufriedenheit, mit Glücksgefühlen auf Reisen und mit psychischer Widerstandskraft beschäftigt, diese Bereiche aber meist getrennt betrachtet. Offen blieb vor allem, über welche Zwischenschritte häufiges Reisen auf die Lebensqualität wirken könnte und ob alle Menschen gleichermaßen profitieren. Genau hier setzt die neue Arbeit an, die Reisehäufigkeit, Gefühle, Resilienz und Lebensqualität erstmals in einem gemeinsamen Modell verknüpft.
Hinter der Untersuchung steht ein Team um den Marketingforscher Rory Mulcahy von der University of the Sunshine Coast in Queensland, gemeinsam mit seinem Kollegen Shahab Pourfakhimi und dem Tourismusforscher Girish Prayag von der University of Canterbury in Neuseeland. Die Forscher stützen sich auf die Broaden-and-Build-Theorie aus der Positiven Psychologie. Sie besagt, dass positive Gefühle wie Freude, Neugier und Zufriedenheit den Blick erweitern: Wer sich wohlfühlt, denkt offener, probiert Neues aus und knüpft Kontakte. Aus diesen Erfahrungen entstehen nach und nach dauerhafte innere Ressourcen, etwa die Fähigkeit, Rückschläge zu verkraften, die Psychologen als Resilienz bezeichnen. Reisen bietet nach dieser Logik ein ideales Umfeld für solche Gefühle, weil es neue Orte, fremde Kulturen und ungewohnte Erlebnisse in kurzer Zeit bündelt. Ob sich diese Wirkung messen lässt und für wen sie am größten ist, prüfte das Team in drei aufeinander aufbauenden Befragungen.
Zwischen 2020 und 2023 füllten mehr als 1.200 australische Reisende in drei getrennten Studien ausführliche Fragebögen aus. Sie gaben an, wie oft sie in ihrer Freizeit verreisten, wie zufrieden sie mit ihrem Leben insgesamt waren und wie gut sie nach eigener Einschätzung mit Belastungen umgehen konnten. Außerdem erfassten die Forscher, wie verletzlich sich die Teilnehmer fühlten, also wie stark sie Krisen und Unsicherheiten als Bedrohung wahrnahmen. In der dritten Studie ging das Team noch genauer auf die Gefühle ein: Die Befragten schätzten auf einer Skala von eins bis neun ein, wie häufig sie im zurückliegenden Jahr von März 2022 bis März 2023 Glück und Heiterkeit erlebt hatten, aber auch Liebe und Ärger. So wollten die Forscher sicherstellen, dass tatsächlich das Glücksgefühl und nicht irgendeine andere Emotion den Zusammenhang erklärt. Die Auswertung erfolgte mit statistischen Modellen, die mehrere Zwischenschritte und ihre Abhängigkeit von persönlichen Eigenschaften gleichzeitig prüfen, wie die im Journal of Travel Research veröffentlichte Studie im Detail beschreibt.
Das Ergebnis zeichnet eine klare Kette: Wer häufiger verreist, berichtet von mehr Glücksgefühlen; wer mehr Glück erlebt, verfügt über eine höhere Resilienz; und wer widerstandsfähiger ist, bewertet seine Lebensqualität besser. Die Reisehäufigkeit wirkt nach diesem Modell also nicht direkt auf die Zufriedenheit, sondern über zwei Zwischenstufen, die sich gegenseitig verstärken. Mulcahy beschreibt Urlaub deshalb nicht bloß als Pause vom Alltag, sondern als Anstoß für einen positiven Kreislauf, der nach der Rückkehr weiterläuft. Neue Ziele, fremde Kulturen und Aktivitäten, die Freude bereiten, erzeugen positive Gefühle, die wiederum helfen, eine innere Stärke aufzubauen, von der man auch in stressigen Wochen zehren kann. Entscheidend ist dabei offenbar die Häufigkeit der Reisen und nicht ihre Länge oder Entfernung. Für die Forscher spricht das für viele kurze Auszeiten in der Nähe statt einer einzigen großen Reise im Jahr, weil jede davon den Kreislauf aus Glück und Widerstandskraft erneut anstoßen kann.
Der überraschendste Befund betrifft die Frage, wer am meisten gewinnt. Der Zusammenhang zwischen Reisehäufigkeit und Lebensqualität war bei Menschen am stärksten, die sich verletzlich fühlten oder nach eigener Aussage schlecht mit Stress umgehen konnten. Ihnen gelang es offenbar besonders gut, die positiven Gefühle einer Reise in innere Stärke umzumünzen und an den Erfahrungen zu wachsen. Bei Teilnehmern, die bereits über mittlere oder gute Bewältigungsstrategien verfügten oder sich kaum verletzlich fühlten, fiel der Nutzen häufiger Reisen deutlich schwächer aus. Das klingt zunächst paradox, lässt sich aber mit der zugrunde liegenden Theorie erklären: Wer ohnehin gut gewappnet ist, hat weniger Spielraum nach oben, während Menschen mit wenig Rückhalt von jedem zusätzlichen Baustein spürbar profitieren. Die Forscher leiten daraus ab, dass Reiseveranstalter gezielt Angebote für gestresste und verletzliche Menschen entwickeln könnten und dass Therapeuten den psychischen Wert regelmäßiger Auszeiten in Beratungsgesprächen stärker berücksichtigen sollten.
Die neue Arbeit baut auf Beobachtungen auf, die das Team bereits während der Pandemie gemacht hatte. Als Fernreisen 2020 kaum möglich waren und viele Menschen innerhalb ihres Bundesstaats Urlaub machten, befragten die Forscher Reisende und Daheimgebliebene. Wer verreist war, fühlte sich nach eigenen Angaben glücklicher, zufriedener und widerstandsfähiger als Menschen ohne Reise, berichtete über bessere Bewältigungsstrategien und blickte optimistischer in die Zukunft, wie die University of the Sunshine Coast damals mitteilte. Neun von zehn Reisenden hatten mindestens zwei Nächte an einem anderen Ort verbracht, und wer bereits verreist war, plante häufiger die nächste Reise unter ähnlichen Bedingungen. Diese frühe Momentaufnahme lieferte den Anstoß, genauer zu untersuchen, über welche psychischen Mechanismen der Zusammenhang läuft. Die aktuelle Studie beantwortet diese Frage nun mit einem deutlich umfangreicheren Datensatz aus drei Erhebungen und einem theoretisch begründeten Modell.
So eingängig die Ergebnisse sind, sie beruhen ausschließlich auf Selbstauskünften in Fragebögen. Die Studie misst Zusammenhänge, sie beweist keine Ursache. Denkbar ist auch der umgekehrte Weg: Menschen, die ohnehin glücklicher und belastbarer sind, verreisen womöglich häufiger, weil sie mehr Energie, Zeit oder Geld dafür haben. Die Forscher haben zwar mehrere Einflussgrößen statistisch berücksichtigt, ein kontrolliertes Experiment, in dem der Zufall über die Zahl der Reisen entscheidet, ersetzt das aber nicht. Hinzu kommt, dass alle Teilnehmer aus Australien stammten und ein Teil der Daten in die Pandemiejahre fällt, in denen Reisen eine besondere Bedeutung hatte. Ob die Befunde für Urlauber in Deutschland oder anderen Ländern gelten, müssen weitere Studien klären, ebenso die Frage, wie Dauer, Ziel und Zweck einer Reise die Wirkung beeinflussen. Für die Herbstferien liefert die Arbeit dennoch einen Denkanstoß: Wer sich ausgelaugt fühlt, könnte von zwei kurzen Auszeiten mehr haben als von einer einzigen langen Reise im nächsten Sommer.
Journal of Travel Research, Enhancing Quality of Life through Travel, Happiness, and Psychological Resilience: The Influences of Coping and Vulnerability; doi:10.1177/00472875241288481