Einsamkeit wird meist mit dem hohen Alter verbunden, mit verwitweten Menschen und leeren Wohnungen. Eine der bislang umfassendsten Auswertungen zur Einsamkeit über die gesamte Lebensspanne stellt dieses Bild infrage. Analysiert wurden Daten von 128.118 Menschen zwischen 13 und 103 Jahren aus über 20 Ländern. Das Ergebnis ist eine U-förmige Kurve, denn die Einsamkeit ist im jungen Erwachsenenalter hoch, sinkt zur Lebensmitte und steigt im Alter wieder an. Ausgerechnet die Zwanziger gehören damit zu den einsamsten Jahren.
Einsamkeit beschreibt in der Psychologie das unangenehme Gefühl, das entsteht, wenn die gewünschten sozialen Beziehungen nicht mit den tatsächlich erlebten übereinstimmen. Sie ist nicht dasselbe wie objektives Alleinsein, denn ein Mensch kann sich inmitten vieler Kontakte einsam fühlen oder allein leben, ohne einsam zu sein. Die Forschung misst Einsamkeit deshalb über das subjektive Erleben, meist mit standardisierten Fragebögen. Ihre Bedeutung reicht weit über das momentane Unwohlsein hinaus, denn chronische Einsamkeit gilt als ernstes Gesundheitsrisiko und wird in ihren gesundheitlichen Folgen mit dem Rauchen verglichen. Sie steht mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und einer verkürzten Lebenserwartung in Zusammenhang. Lange herrschte jedoch Uneinigkeit darüber, wie sich Einsamkeit über das Leben hinweg verändert, weil einzelne Studien zu widersprüchlichen Ergebnissen kamen und mal einen linearen Anstieg, mal ein Absinken, mal gar keinen Zusammenhang mit dem Alter fanden.
Um diese Widersprüche aufzulösen, wählte ein Team um die Psychologin Eileen Graham von der Northwestern University einen besonderen Ansatz. Statt eine einzelne Stichprobe zu untersuchen, führten die Forscher eine koordinierte Datenanalyse von neun großen Langzeitstudien durch, die Menschen über viele Jahre begleitet hatten. Durch die Vereinheitlichung der Variablen und Modelle über alle Studien hinweg konnten sie eine außergewöhnlich belastbare Aussage über den Verlauf der Einsamkeit treffen. Insgesamt flossen die Angaben von mehr als 128.000 Menschen aus über 20 Ländern ein, was die Untersuchung zu einer der aussagekräftigsten ihrer Art macht. Die Forscher untersuchten dabei nicht nur den generellen Verlauf, sondern auch, welche Faktoren mit stärkerer oder anhaltender Einsamkeit zusammenhängen.
Das zentrale Ergebnis der im Fachjournal Psychological Science veröffentlichten Analyse ist eine klare U-förmige Kurve. Die Einsamkeit ist im jungen Erwachsenenalter am höchsten, nimmt über das mittlere Erwachsenenalter hinweg ab und steigt im höheren Alter wieder an. Dieses Muster zeigte sich bemerkenswert konsistent über die verschiedenen Studien und Länder hinweg. Eine Erklärung für den Verlauf liegt in den Lebensumständen, denn im Übergang vom jungen Erwachsenenalter zur Lebensmitte schlagen viele Menschen Wurzeln, festigen Freundeskreise, gründen Familien und finden Lebenspartner. In der Lebensmitte sind diese sozialen Netze am dichtesten, weshalb die Einsamkeit dort ihren Tiefpunkt erreicht. Im Alter dagegen brechen Beziehungen durch Ruhestand, Verlust des Partners und nachlassende Gesundheit wieder weg.
Neben dem Altersverlauf identifizierte die Studie mehrere Faktoren, die mit anhaltend hoher Einsamkeit zusammenhängen. Betroffen waren überdurchschnittlich häufig Frauen, sozial isolierte Menschen, Personen mit geringerer Bildung und niedrigerem Einkommen sowie Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder schlechterer Gesundheit. Auffällig war zudem, wie beständig der Anstieg der Einsamkeit im höheren Alter über alle Datensätze hinweg verlief. Für junge Erwachsene bedeutet der Befund, dass ihre oft unterschätzte Einsamkeit ernst genommen werden sollte, denn sie fällt in eine Lebensphase großer Umbrüche zwischen Ausbildung, ersten festen Beziehungen und beruflichem Start. Einordnend gilt, dass die neun Studien vor der Corona-Pandemie durchgeführt wurden, während der sich die Einsamkeit vielerorts noch verstärkte. Die Erkenntnis, dass gezielte soziale Kontakte das Risiko senken können, ist dabei ein Ansatzpunkt, denn ähnliche Zusammenhänge zeigen sich auch dort, wo unerfüllte soziale Bedürfnisse in andere Verhaltensmuster münden.