Charakter und Gene

Der Wohnort im mittleren Alter steckt teilweise im Erbgut

 Dennis Lenz

Der Wohnort im mittleren Alter steckt teilweise im Erbgut
(Symbolbild) Die Persönlichkeitsforschung beschreibt den Charakter seit Jahrzehnten mit fünf Dimensionen: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Erfahrungen. Ein internationales Konsortium hat dafür die Erbgutdaten von bis zu 1,14 Millionen Menschen aus 46 Studien in 13 Ländern ausgewertet. Dabei fanden sich 1.260 genetische Varianten, die mit mindestens einem dieser Merkmale zusammenhängen. Die Varianten stehen zugleich mit Lebensumständen in Verbindung, unter anderem damit, ob Menschen in der Lebensmitte eher in der Stadt oder am Stadtrand wohnen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ob jemand gesellig ist oder zurückhaltend, ordentlich oder chaotisch, gilt als Ergebnis von Anlage und Umwelt. Wie groß der Anteil der Anlage tatsächlich ist, hat nun die bislang größte Untersuchung ihrer Art bestimmt. Mehr als eine Million Menschen lieferten Erbgut und Persönlichkeitsfragebogen, und die gefundenen Genvarianten hängen mit Lebensumständen zusammen, an die niemand zuerst denken würde.

Die Psychologie beschreibt Persönlichkeit seit Jahrzehnten mit fünf weitgehend unabhängigen Dimensionen, den sogenannten Big Five. Dazu zählen Extraversion, also Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit und Energie, außerdem Verträglichkeit mit Mitgefühl und Kooperationsbereitschaft, Gewissenhaftigkeit mit Ordnung und Verlässlichkeit, Neurotizismus als Neigung zu Angst und negativen Gefühlen sowie Offenheit für Erfahrungen mit Neugier und Fantasie. Zwillings- und Familienstudien schätzen den erblichen Anteil dieser Merkmale seit Langem auf 40 bis 60 Prozent. Welche konkreten Stellen im Erbgut dahinterstecken, blieb allerdings weitgehend unklar, weil große Genom-Datenbanken meist keine verlässlichen Persönlichkeitsmessungen enthalten und Persönlichkeitsstudien selten Erbgutdaten.

Genau diese Lücke schloss das Konsortium ReGPC unter Leitung von Ted Schwaba von der Michigan State University, Michel Nivard von der Universität Bristol und Elliot Tucker-Drob von der University of Texas at Austin. Es führte 46 Einzelstudien aus 13 Ländern zusammen, sodass je nach Merkmal zwischen 611.000 und 1,14 Millionen Teilnehmer in die Auswertung eingingen, die sowohl ihr Erbgut als auch ausgefüllte Persönlichkeitsfragebögen beisteuerten. Durchsucht wurden rund zehn Millionen Stellen im Genom. Zusätzlich prüfte das Team eine Teilstichprobe von gut 50.000 Personen aus denselben Familien, um auszuschließen, dass gemeinsames Aufwachsen die Ergebnisse verfälscht.

1.260 Fundstellen und ein ernüchternder Anteil

Das Team identifizierte 1.260 genetische Varianten, die mit mindestens einem der fünf Merkmale zusammenhängen, davon rund 824 zuvor unbekannt. Der Zuwachs ist enorm: Bei Gewissenhaftigkeit stieg die Zahl bekannter Fundstellen von 3 auf 131, bei Offenheit von 8 auf 126, bei Extraversion von 14 auf 258 und bei Neurotizismus von 224 auf 703, wie die Fachzeitschrift Nature berichtet. Erklären lässt sich damit trotzdem nur ein kleiner Teil der Unterschiede zwischen Menschen, nämlich rund fünf bis neun Prozent, nach Korrektur der Messungenauigkeit etwa 13 Prozent. Der Abstand zu den 40 bis 60 Prozent aus Zwillingsstudien erklärt sich vor allem daraus, dass seltene Genvarianten mit diesem Verfahren kaum erfasst werden.

Warum offene Menschen häufiger in der Stadt leben

Der eigentlich verblüffende Teil steckt in den Zusammenhängen mit dem Leben der Menschen. Die gefundenen Varianten hängen mit einer langen Liste von Lebensumständen zusammen, darunter psychische Gesundheit, Krankenhausaufenthalte, Bewegung, Einkommen, Berufswechsel und auch der Wohnort. Personen mit höheren Werten bei Offenheit für Erfahrungen lebten in der Lebensmitte häufiger in Städten, Menschen mit höheren Neurotizismus-Werten häufiger in Vororten. Weitere Beispiele reichen vom Rauchen, das mit Gewissenhaftigkeit zusammenhängt, bis zur Wahrscheinlichkeit einer Corona-Infektion, die mit Extraversion in Verbindung steht, und sogar zur Bereitschaft, überhaupt an Studien teilzunehmen, die mit Verträglichkeit zusammenhängt.

Erstaunlich stabil über Länder und Altersgruppen

Bemerkenswert ist die Robustheit der Ergebnisse. Die genetischen Muster erwiesen sich als weitgehend gleich, unabhängig davon, in welchem Land die Teilnehmer lebten, wie alt sie waren, mit welchem Fragebogen ihre Persönlichkeit erfasst wurde und ob sie sich selbst einschätzten oder von einer nahestehenden Person beurteilt wurden, wie die Universität Bristol als Mitkoordinatorin betont. Zudem sind die gefundenen Zusammenhänge weniger anfällig für Störfaktoren wie den familiären Hintergrund als vergleichbare Analysen zu Bildungsabschluss oder Einkommen. Damit gilt die Persönlichkeit als eines der am saubersten messbaren Verhaltensmerkmale in der Genetik.

Was daraus nicht folgt

Die Autoren treten Fehldeutungen entschieden entgegen. Eine einzelne Variante verändert die Persönlichkeit nur minimal; die durchschnittliche mit Extraversion verknüpfte Variante erklärt einen kaum wahrnehmbaren Unterschied zwischen zwei Menschen. Aus dem Erbgut einer Person lässt sich ihr Charakter also nicht ablesen, und Persönlichkeit wird auch nicht einfach vererbt: Extravertierte Eltern haben keineswegs zwangsläufig extravertierte Kinder. Ebenso wenig ist die Verbindung zum Wohnort ein Schicksal, denn wo jemand lebt, hängt von Beruf, Miete, Familie und Zufall ab. Die Daten beschreiben statistische Muster über Hunderttausende Menschen hinweg, keine individuellen Vorhersagen.

Wozu diese Karte dienen soll

Der praktische Wert liegt für die Forschung anderswo. Persönlichkeitsmerkmale hängen mit Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensverläufen zusammen, doch bislang war unklar, ob diese Zusammenhänge kausal sind oder ob dahinter gemeinsame Ursachen stecken. Mit genetischen Daten lassen sich solche Fragen deutlich präziser prüfen, etwa ob Gewissenhaftigkeit tatsächlich vor bestimmten Erkrankungen schützt oder ob beides denselben Wurzeln entspringt. Als nächsten Schritt planen die Beteiligten feinere Analysen innerhalb der fünf Dimensionen, um beispielsweise Geselligkeit von Durchsetzungsfähigkeit zu trennen, und die Einbeziehung von deutlich mehr Teilnehmern aus nichteuropäischen Bevölkerungen, denn bislang stammen die Daten überwiegend aus westlichen Ländern.

Nature, Robust inference and correlates from genetic associations with personality; doi:10.1038/s41586-026-10992-9

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