Dennis L.
Dankbarkeit lässt sich im Gehirn messen und verändert dort vor allem Netzwerke, die Bewertung, Belohnung und soziales Verhalten steuern. Hirnscans zeigen Aktivität im medialen präfrontalen Cortex und im anterioren cingulären Cortex, wenn Menschen empfangene Hilfe als bedeutsam bewerten. In einer weiteren fMRT-Studie reichten drei Wochen Dankbarkeitstraining aus, um neuronale Reaktionen auf Vorteile für andere Menschen messbar zu verändern. Die Befunde machen ein alltägliches Gefühl zu einem präzisen Forschungsgegenstand der Psychologie.
Dankbarkeit wird im Alltag oft als höfliche Reaktion verstanden, etwa nach einer Hilfeleistung, einem Geschenk oder einer unerwarteten Unterstützung. In der Psychologie beschreibt der Begriff aber ein komplexes soziales Gefühl, das eine Bewertung enthält: Jemand erkennt, dass ein anderer Mensch Kosten, Mühe oder Aufmerksamkeit aufgewendet hat und dass daraus ein persönlicher Nutzen entstanden ist. Diese Bewertung verbindet Erinnerung, Perspektivwechsel, soziale Normen und emotionale Bedeutung. Genau deshalb interessiert sich die Neurowissenschaft zunehmend für die Frage, welche Gehirnaktivität entsteht, wenn Menschen nicht nur Freude empfinden, sondern die Quelle dieser Freude einer anderen Person zuschreiben. Das unterscheidet Dankbarkeit von allgemeiner positiver Stimmung und macht sie messbar anspruchsvoll, weil Forscher subjektive Berichte, fMRT-Signale und experimentelle Aufgaben zusammenführen müssen.
Die funktionelle Magnetresonanztomografie erfasst keine Gedanken direkt, sondern misst Veränderungen des sauerstoffabhängigen Blutflusses im Gehirn. Dadurch können Forscher abschätzen, welche Regionen während bestimmter Bewertungen stärker beteiligt sind. Bei Dankbarkeit stehen besonders Areale im Mittelpunkt, die Wert, Selbstbezug und soziale Bedeutung integrieren. Dazu gehören der mediale präfrontale Cortex, der an der Bewertung eigener und fremder Handlungen beteiligt ist, sowie der anteriore cinguläre Cortex, der Konflikte, Motivation und emotionale Relevanz verarbeitet. Damit rückt Herz und Gehirn nicht als einfache Gefühlskette in den Fokus, sondern als dynamisches System, in dem Körperzustände, Aufmerksamkeit und soziale Bewertung zusammenwirken.
Eine wichtige Grundlage liefert eine fMRT-Studie der University of Southern California. Die Forscher ließen Probanden Szenarien betrachten, in denen Menschen in existenziellen Notsituationen Hilfe erhielten. Anschließend bewerteten die Teilnehmer, wie dankbar sie sich in die jeweilige Situation hineinversetzt fühlten. In der Studie Neural correlates of gratitude korrelierten höhere Dankbarkeitsbewertungen mit Aktivität im anterioren cingulären Cortex und im medialen präfrontalen Cortex. Entscheidend ist dabei nicht nur, dass positive Gefühle auftreten. Die Gehirnaktivität passt zu einem Zustand, in dem Menschen den Wert einer erhaltenen Hilfe sozial einordnen und die Handlung eines anderen Menschen in die eigene Bewertung integrieren.
Diese Befunde erklären, warum Dankbarkeit nicht bloß als angenehme Stimmung beschrieben werden kann. Ein allgemeines Wohlgefühl ließe sich auch durch Musik, Essen oder körperliche Entspannung auslösen. Dankbarkeit enthält dagegen eine relationale Komponente: Der Nutzen wird mit einer Quelle verbunden, und diese Quelle ist häufig eine andere Person. Genau diese Verbindung macht das Gefühl für soziale Entscheidungen relevant. Wer Dankbarkeit empfindet, bewertet nicht nur den eigenen Vorteil, sondern auch die Handlung des Gebers. Dadurch entsteht ein psychologischer Zustand, der Kooperation, Vertrauen und Gegenseitigkeit unterstützen kann. In der Gehirnaktivität zeigt sich dieser Unterschied vor allem dort, wo Wertinformationen und soziale Bedeutung zusammengeführt werden.
Noch stärker wird der Befund durch eine spätere Studie der University of Oregon und der Harvard University. Die Forscher teilten junge erwachsene Frauen zufällig in zwei Gruppen ein. Eine Gruppe führte über drei Wochen ein Dankbarkeitstagebuch, die andere schrieb neutrale Tagebucheinträge. Vor und nach dieser Phase wurden die Teilnehmerinnen im fMRT untersucht, während finanzielle Transfers an sie selbst oder an wohltätige Zwecke sichtbar wurden. Die Studie The Cultivation of Pure Altruism via Gratitude zeigte, dass das Dankbarkeitstraining die neuronale Reaktion im ventromedialer präfrontaler Cortex gegenüber der Kontrollgruppe veränderte. Besonders relevant war die stärkere Verarbeitung von Vorteilen für andere im Vergleich zu Vorteilen für die eigene Person.
Der ventromediale präfrontale Cortex gilt als Region, die Werte flexibel in Abhängigkeit vom Kontext verarbeitet. Genau deshalb ist der Befund für die Psychologie so interessant. Er deutet darauf hin, dass Dankbarkeitstraining nicht nur dazu führt, dass Menschen sich subjektiv besser fühlen, sondern dass das Belohnungssystem soziale Gewinne anders gewichten kann. Die Forscher beschrieben dies nicht als einfachen Beweis für eine dauerhafte Persönlichkeitsveränderung, sondern als Hinweis auf Neuroplastizität in einem sehr spezifischen Netzwerk. Das Gehirn scheint nach wiederholter Dankbarkeitsübung stärker auf Situationen eingestellt zu sein, in denen andere Menschen profitieren. Damit wird ein alltägliches Tagebuchverfahren zu einem experimentellen Fenster auf soziale Motivation.
Die Studien zeigen zugleich die Grenzen der aktuellen Forschung. Die Probandenzahlen waren überschaubar, die Aufgaben stark kontrolliert und die fMRT-Messung bildet nur indirekte Aktivitätsmuster ab. Aus den Daten folgt deshalb nicht, dass Dankbarkeit automatisch das Gehirn dauerhaft umbaut oder psychische Erkrankungen ersetzt behandeln kann. Belastbar ist aber, dass Dankbarkeit in mehreren neurobiologischen Untersuchungen mit Regionen verknüpft ist, die Wert, Selbstbezug, Motivation und soziale Entscheidungen verarbeiten. Ergänzend untersuchte eine Arbeit in Scientific Reports auch funktionelle Netzwerke und Gehirn-Herz-Kopplung während Dankbarkeitsmeditation. Dadurch wird deutlich, dass es nicht um einen isolierten Schalter im Gehirn geht, sondern um koordinierte Aktivitätsmuster.
Für die Forschung ist gerade diese Differenzierung entscheidend. Dankbarkeit wirkt nicht als magischer Gegenpol zu Stress, Angst oder Depression, sondern als sozial-kognitiver Zustand mit messbaren neuronalen Korrelaten. Das passt zu anderen Befunden, nach denen Hirnscans bei Depressionen unterschiedliche Aktivitätsmuster sichtbar machen können. Bei Dankbarkeit geht es jedoch nicht primär um Diagnose, sondern um die Frage, wie Erfahrungen wiederholte Bewertungsprozesse verschieben. Wenn Menschen regelmäßig auf erhaltene Hilfe, gelungene Beziehungen oder positive soziale Handlungen achten, trainieren sie möglicherweise genau jene Bewertungswege, die Vorteile anderer Menschen stärker in das eigene Belohnungssystem einbeziehen.
Frontiers in Psychology, Neural correlates of gratitude; doi:10.3389/fpsyg.2015.01491
Frontiers in Human Neuroscience, The Cultivation of Pure Altruism via Gratitude; doi:10.3389/fnhum.2017.00599
Scientific Reports, Effects of gratitude meditation on neural network functional connectivity and brain-heart coupling; doi:10.1038/s41598-017-05520-9