Ersatzpartner

Bestimmter Bindungstyp bindet sich sogar ans Smartphone

 Dennis Lenz

Bestimmter Bindungstyp bindet sich sogar ans Smartphone
(Symbolbild) Warum manche Menschen kaum vom Smartphone lassen können, hängt offenbar mit ihrem Beziehungsverhalten zusammen. Eine Studie verknüpft den persönlichen Bindungsstil mit der Art der Handynutzung. Bei einem bestimmten Typ wird das Gerät zu einer Art emotionalem Ersatzpartner. (Foto: © Forschung und Wissen)

Das Smartphone ist für viele Menschen weit mehr als ein Werkzeug, es ist ständiger Begleiter, Trostspender und Fluchtpunkt. Eine Studie zeigt nun, dass die Intensität dieser Bindung mit dem persönlichen Beziehungsverhalten zusammenhängt. Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil entwickeln demnach eine stärkere emotionale Bindung an ihr Smartphone und nutzen es gehäuft, um Gefühle wie Einsamkeit und Unsicherheit zu regulieren. Das Gerät übernimmt dabei die Funktion einer Art Ersatzpartner, an den man sich in schwierigen Momenten klammert.

Der Bindungsstil ist ein zentrales Konzept der Psychologie und beschreibt, wie Menschen enge Beziehungen erleben und gestalten. Er entsteht früh im Leben aus den Erfahrungen mit den ersten Bezugspersonen und prägt später das Verhalten in Partnerschaften und Freundschaften. Grob unterscheidet die Forschung einen sicheren Bindungsstil von unsicheren Formen, zu denen vor allem der ängstliche und der vermeidende Stil zählen. Menschen mit ängstlicher Bindung sehnen sich stark nach Nähe, fürchten aber zugleich Zurückweisung und Verlust, weshalb sie besonders empfindlich auf Signale in Beziehungen reagieren und viel Bestätigung suchen. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass sich dieses Grundbedürfnis nach Anbindung nicht nur auf Menschen richtet, sondern auch auf Objekte übertragen kann. Das Smartphone eignet sich dafür in besonderem Maße, weil es jederzeit verfügbar ist und über soziale Netzwerke unmittelbaren Kontakt zu anderen verspricht.

Genau diesen Zusammenhang untersuchte ein Forschungsteam in einer im Fachjournal BMC Psychology veröffentlichten Studie. Die Grundannahme lautete, dass sich der erwachsene Bindungsstil und typische zwischenmenschliche Muster auf die emotionale Beziehung zum Mobilgerät übertragen und so das Nutzungsverhalten mitbestimmen. Die Wissenschaftler befragten hunderte erwachsene Teilnehmer mit standardisierten Fragebögen zu ihrem Bindungsstil, ihrem Selbstwertgefühl und ihren zwischenmenschlichen Abhängigkeiten und setzten diese Angaben in Beziehung zur Intensität und Art ihrer Smartphone- und Social-Media-Nutzung. Dabei ging es ausdrücklich nicht nur um die reine Nutzungsdauer, sondern um die emotionale Qualität der Bindung an das Gerät, also darum, ob das Smartphone gezielt zur Bewältigung unangenehmer Gefühle eingesetzt wird.

Warum der Bindungstyp die Handynutzung prägt

Die Ergebnisse der im Fachjournal BMC Psychology erschienenen Untersuchung stützen die Annahme deutlich. Besonders der ängstliche Bindungsstil hing mit einer intensiveren und teils problematischen Nutzung von Smartphone und sozialen Netzwerken zusammen. Menschen mit diesem Muster griffen vermehrt zum Gerät, um Gefühle von Einsamkeit, Langeweile und Unsicherheit zu dämpfen und sich der Verfügbarkeit anderer zu versichern. Interessant ist, dass dieser Zusammenhang bei sozialen Netzwerken sowohl bei Singles als auch bei Menschen in einer Beziehung auftrat, was darauf hindeutet, dass die Plattformen weniger die tatsächliche Verfügbarkeit eines Partners ersetzen als vielmehr das Gefühl von Sicherheit und Anbindung liefern sollen. Das Smartphone wird so zum psychologischen Werkzeug der Gefühlsregulation. Ähnliche Mechanismen zeigen sich auch dort, wo bestimmte Reize besonders leicht zu suchtartigem Verhalten führen.

Was der Zusammenhang für den Alltag bedeutet

Die praktische Bedeutung liegt vor allem im Bereich von Prävention und Therapie. Wenn problematische Handynutzung mit dem Bindungsstil zusammenhängt, greift es zu kurz, allein die Bildschirmzeit zu begrenzen, denn dahinter steht oft ein tieferliegendes emotionales Bedürfnis. Die Autoren regen an, in der klinischen Einschätzung stärker auf Anzeichen ängstlicher Bindung zu achten, wenn Menschen unter ihrer Geräteabhängigkeit leiden. Einordnend gilt, dass die Studie auf Selbstauskünften beruht und Zusammenhänge aufzeigt, aber keine einfache Ursache-Wirkungs-Kette beweist. Nicht jeder ängstlich gebundene Mensch nutzt sein Smartphone problematisch, und nicht jede intensive Nutzung ist Ausdruck einer Bindungsproblematik. Dennoch verschiebt der Befund den Blick von der bloßen Technik hin zu den psychologischen Bedürfnissen dahinter. Wie eng Beziehungsverhalten und Persönlichkeit generell mit dem Alltag verwoben sind, zeigt auch die Forschung dazu, wie sich tief verankerte Persönlichkeitsmuster im Verhalten äußern.

Spannend & Interessant
VGWortpixel