Australien hat als erstes Land der Welt Social Media für Minderjährige unter 16 Jahren gesperrt, verbindlich gilt die Regel seit dem 10. Dezember 2025. Die zuständige Aufsichtsbehörde eSafety hat nun die erste wissenschaftliche Zwischenbilanz vorgelegt, erhoben drei Monate nach Inkrafttreten. Die Zahl der Konten ging dabei deutlich zurück, die tatsächliche Nutzung dagegen kaum. Die Behörde benennt einen konkreten Grund für diese Differenz, und er liegt nicht bei den Kindern.
Das australische Gesetz trägt den Namen Social Media Minimum Age und verpflichtet Plattformen dazu, angemessene Schritte zu unternehmen, damit Menschen unter 16 Jahren dort kein Konto anlegen oder behalten. Adressat der Regel sind ausdrücklich die Unternehmen, nicht Eltern und nicht die Jugendliche selbst, die keinerlei Sanktionen zu befürchten haben. Nach Einschätzung von eSafety fallen unter anderem Facebook, Instagram, Threads, Snapchat, TikTok, Twitch, X, YouTube, Kick und Reddit unter die Vorgaben. Bei schweren oder wiederholten Verstößen drohen zivilrechtliche Strafen von bis zu 49,5 Millionen australischen Dollar. Zur Umsetzung sollen die Anbieter Verfahren zur Altersverifikation einsetzen, etwa Gesichtsalterschätzung, Ausweisprüfung oder Verhaltensanalyse. Bereits im ersten Monat deaktivierten die Anbieter nach Behördenangaben mehrere Millionen australische Konten, bis März 2026 waren es rund fünf Millionen.
Die jetzt veröffentlichte Auswertung stammt aus einer auf zwei Jahre angelegten Längsschnittstudie, die mehr als 4.000 Kinder und Familien begleitet. Verantwortlich ist eSafety gemeinsam mit dem Social Media Lab der Stanford University als leitendem akademischen Partner sowie einer unabhängigen wissenschaftlichen Beratungsgruppe. Das Studienprotokoll wurde vorab im Open Science Framework registriert, ein eigener Methodenbericht erschien zeitgleich mit den ersten Ergebnissen. Erhoben wurden die Daten im März 2026, also genau drei Monate nach Inkrafttreten, und mit einer Ausgangsmessung aus der Zeit davor verglichen. Damit liegt erstmals eine registrierte Vorher-Nachher-Messung zu einer gesetzlichen Altersgrenze vor, über die weltweit diskutiert wird. Wie hoch das Ausgangsniveau ist, macht die Debatte um die Bildschirmzeit von Jugendlichen deutlich, die zuletzt neue Höchstwerte erreichte.
Der Anteil der unter 16-Jährige, die ein Konto auf einer altersbeschränkten Plattform besaßen, sank von 52,4 auf 42,1 Prozent. Diesen Rückgang stuft die Behörde als moderat, aber statistisch signifikant ein. Deutlich kleiner fällt die Veränderung dort aus, wo es um den tatsächlichen Gebrauch geht: Der Anteil der Kinder, die nach eigenen Angaben eine Plattform nutzten, mit oder ohne eigenes Konto, ging von 85,9 auf 81,5 Prozent zurück. Auf zehn Kinder gerechnet bedeutet das, dass weiterhin etwa acht von ihnen erreicht werden, wie der Bericht des eSafety Commissioner zur Drei-Monats-Erhebung dokumentiert. Zwischen der Zahl gelöschter Konten und dem realen Kontakt zu den Inhalten klafft damit eine erhebliche Lücke.
Die Erklärung dafür liefert die Behörde selbst. Der größte Teil der unter 16-Jährige, die vor Inkrafttreten ein Konto hatten, konnte es nach drei Monaten entweder behalten oder sich ein neues anlegen. Als Hauptgrund nennt eSafety, dass die Plattformen keine wirksame Altersverifikation umgesetzt hätten. In der Praxis genügte teilweise eine Gesichtsalterschätzung, um trotz eines angegebenen Alters von 14 Jahren als über 16 eingestuft zu werden. Gegen fünf große Anbieter laufen deshalb weiterhin förmliche Ermittlungen. Ob daraus Strafen werden, hängt an einem juristisch anspruchsvollen Nachweis: Vor Gericht muss belegt werden, welche Maßnahmen einem Anbieter technisch und wirtschaftlich zumutbar gewesen wären und welche er tatsächlich ergriffen hat, wie die Darstellung der Behörde zu den Altersbeschränkungen erläutert. Ein zweiter Compliance-Bericht ist angekündigt.
Jenseits der Nutzungsdaten fanden die Forscher messbare Verschiebungen in der Wahrnehmung. Der Anteil der Kinder, die das Gefühl hatten, ohne Social Media etwas zu verpassen, sank von 43,3 auf 36,3 Prozent. Eltern berichteten von weniger Druck und hielten die Nutzung im Freundeskreis ihrer Kinder seltener für selbstverständlich. Gleichzeitig zeigte sich ein Effekt, der so nicht beabsichtigt war: In einzelnen Gruppen, besonders bei Mädchen und bei Kindern zwischen 10 und 12 Jahren, wussten Eltern schlechter darüber Bescheid, was ihre Kinder online tatsächlich taten. Die Erfahrungen fielen insgesamt gemischt aus, von Klagen über erschwerte Kommunikation bis zu berichteten Verbesserungen in Beziehungen und einem stärkeren Sicherheitsgefühl. Dass die zugrunde liegenden Nutzungsmuster tief reichen, zeigen Befunde, wonach exzessive Smartphonenutzung suchtähnliche Spuren im Gehirn hinterlässt.
Die Autoren betonen ausdrücklich die Grenzen der Momentaufnahme. Drei Monate sind ein sehr kurzer Zeitraum, um Wirkungen auf Wohlbefinden, Schlaf oder soziale Kontakte zu beurteilen, und der Bericht ist ausdrücklich keine rechtliche Bewertung, ob einzelne Plattformen ihre Pflichten erfüllt haben. Aussagekräftig ist er vor allem als Ausgangspunkt, weil er dokumentiert, an welcher Stelle der Mechanismus bislang greift und an welcher nicht. Weitere Auswertungen sollen über die Jahre 2026, 2027 und 2028 schrittweise erscheinen, teils als öffentliche Berichte, teils in begutachteten Fachzeitschriften. Für Europa ist das relevant, weil mehrere Staaten vergleichbare Altersgrenzen prüfen, Dänemark etwa hat eine Regelung für unter 15-Jährige angekündigt. Die australischen Zahlen deuten darauf hin, dass die technische Altersprüfung über den Erfolg solcher Gesetze entscheidet.