Kinder gelten als die kreativeren Menschen, doch ein direkter Vergleich an der Universität Graz zeichnet ein anderes Bild. 92 Kindergartenkinder und 70 Erwachsene sollten Ideen für eine Blechdose sammeln, frei zeichnen und ein Fantasietier erfinden. Unabhängige Gutachter, die nicht wussten, von wem die Arbeiten stammten, bewerteten die Ergebnisse der Erwachsenen insgesamt als origineller, brauchbarer und kreativer. Die Kinder hatten dafür mehr Freude, mehr Selbstvertrauen und weniger Angst vor dem Scheitern. Die Kreativität kleiner Kinder zeigt sich demnach vor allem in ihrer Haltung, nicht in der Qualität ihrer Ideen.
Die Vorstellung, dass Kinder vor Einfällen nur so sprudeln und Erwachsene diese Kreativität mit den Jahren verlieren, ist weit verbreitet. In internationalen Umfragen stimmen 68 bis 77 Prozent der Befragten der Aussage zu, Kinder seien kreativer als Erwachsene. Unter Lehrern in den USA und in Japan sind es 63 bis 68 Prozent. Verbreitet wurde diese Sicht unter anderem durch das Buch „Breakpoint and Beyond“ von George Ainsworth-Land und Beth Jarman aus dem Jahr 1992 sowie durch vielgesehene TED-Vorträge, die der Schule vorwerfen, die Kreativität von Kindern zu ersticken. Direkte Vergleiche zwischen kleinen Kindern und Erwachsenen mit denselben Aufgaben gab es bislang allerdings kaum.
Diese Lücke hat ein Team um Janika Saretzki und Mathias Benedek vom Creative Cognition Lab der Universität Graz geschlossen, gemeinsam mit Ines Fratzl aus Graz und dem Entwicklungspsychologen Baptiste Barbot, der in Louvain und an der Yale University forscht. Saretzki forscht zudem an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Forscher haben ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht. Ihr Fazit fällt deutlich aus: Die verbreitete Annahme, Kinder seien generell kreativer als Erwachsene, sei zu simpel. Erwachsene hätten originellere und wirksamere Ideen entwickelt, Vorschulkinder seien dagegen selbstbewusster und motivierter gewesen und hätten die Aufgaben mehr genossen.
Am Anfang stand eine kleine Vorstudie. Zehn Erwachsene ohne psychologischen Hintergrund, im Mittel knapp 30 Jahre alt, beschrieben in ausführlichen Interviews, was sie unter der Kreativität von Kindern und Erwachsenen verstehen. Kindern schrieben sie vor allem Offenheit, Spontaneität, Spielfreude und wenige Zwänge zu, Erwachsenen eher Zielstrebigkeit, Wissen und Erfahrung in bestimmten Fachgebieten. Acht von zehn Befragten hielten Kinder für kreativer, und den Höhepunkt der Kreativität verorteten die meisten kurz vor dem Schuleintritt. Genau diese Altersgruppe wählte das Team deshalb für die Hauptstudie aus. Sie umfasste 92 Kinder aus neun Kindergärten in ihrem letzten Jahr vor der Schule, im Mittel 5,7 Jahre alt, sowie 70 Erwachsene im Alter von 20 bis 52 Jahren. 85 Prozent der Erwachsenen waren zwischen 20 und 30 Jahre alt.
Alle Teilnehmer wurden zwischen August 2021 und April 2022 einzeln getestet, eine Sitzung dauerte etwa 30 Minuten. Zuerst sollten sie in drei Minuten möglichst viele kreative Verwendungen für eine Blechdose nennen. Damit auch die Kinder wussten, worum es geht, lag eine echte Dose auf dem Tisch, die alle in die Hand nehmen durften. Die Antworten wurden mündlich gegeben. Diese Aufgabe zu alternativen Verwendungen ist einer der bekanntesten Tests für divergentes Denken, also die Fähigkeit, zu einer offenen Frage viele unterschiedliche Lösungen zu finden. Mit ähnlichen Aufgaben haben Forscher etwa gezeigt, dass Menschen mit ADHS messbar mehr neuartige Ideen entwickeln.
Danach folgten zwei Zeichenaufgaben mit Papier im Format A4 und farbigen Stiften. Beim freien Zeichnen durfte jeder malen, was er wollte. Die Aufgabe wurde bewusst nicht als Test angekündigt, sondern als Gelegenheit, das Material kennenzulernen, und hatte keine genannte Zeitgrenze, nach etwa acht Minuten wurde nur um einen Abschluss gebeten. Bei der zweiten Aufgabe sollten alle ein Fantasietier zeichnen, das es nicht gibt, diesmal mit einer angekündigten Höchstzeit von acht Minuten. So konnte das Team eine spielerische und eine testähnliche Situation vergleichen. Kinderzeichnungen sind in der Entwicklungspsychologie ein bewährtes Forschungsmaterial, eine Langzeitstudie mit Zwillingen fand etwa einen Zusammenhang zwischen Zeichnungen von Vierjährigen und späteren Intelligenztests. Nach den drei Aufgaben gaben die Teilnehmer auf einer fünfstufigen Skala mit Gesichtssymbolen an, wie viel Spaß sie hatten, wie motiviert und wie zuversichtlich sie waren und wie viel Sorge sie hatten, schlecht abzuschneiden.
Insgesamt kamen 670 Ideen für die Blechdose und 324 Zeichnungen zusammen. Fünf erfahrene Gutachter bewerteten sie, ohne zu wissen, ob ein Kind oder ein Erwachsener sie geschaffen hatte und aus welcher Aufgabe eine Zeichnung stammte. Bewertet wurden jeweils die Neuheit, die Brauchbarkeit und die Kreativität insgesamt. Damit nicht einfach die Menge zählte, ging bei der Dose für jeden Teilnehmer nur der Durchschnitt seiner drei am besten bewerteten Ideen in die Auswertung ein. Die Urteile der Gutachter stimmten gut bis sehr gut überein.
Bei der Blechdose und beim Fantasietier schnitten die Erwachsenen in allen drei Kriterien besser ab als die Kinder. Ihre Ideen und Zeichnungen wurden als neuartiger, passender und kreativer bewertet. Beim freien Zeichnen waren die Bilder der Erwachsenen ebenfalls brauchbarer und kreativer, in der Neuheit unterschieden sich beide Gruppen dort aber nicht, weil auch viele Erwachsene recht gewöhnliche Motive wählten. Wichtig ist auch, was die Forscher damit ausschließen konnten: Kinder liefern nicht etwa ungewöhnlichere, nur weniger praktische Ideen. Auch in der Originalität lagen die Erwachsenen vorn, wenn eine Aufgabe Kreativität verlangte.
Auffällig war die Zeit, die beide Gruppen investierten. Für die Dose nutzten die Kinder im Mittel knapp zwei der drei Minuten, die Erwachsenen fast die volle Zeit. Am Fantasietier saßen die Kinder rund 2,7 Minuten, die Erwachsenen dagegen 6,6 Minuten. Beim freien Zeichnen ohne Zeitvorgabe arbeiteten beide Gruppen etwa gleich lange, im Mittel vier bis fünf Minuten. Rechnete das Team die aufgewendete Zeit statistisch heraus, änderte sich das Gesamtbild nicht. Der Vorsprung der Erwachsenen lässt sich also nicht allein damit erklären, dass sie länger an ihren Ideen gearbeitet haben.
Ganz anders sah es beim Erleben aus. Die Kinder waren bei der Dosenaufgabe und beim freien Zeichnen motivierter als die Erwachsenen, bei beiden Zeichenaufgaben zuversichtlicher und bewerteten ihr eigenes Ergebnis bei allen drei Aufgaben besser. Bei der Dose hatten sie weniger Angst, schlecht abzuschneiden, und mehr Spaß, beim freien Zeichnen genossen sie die Aufgabe ebenfalls stärker. Nur beim Fantasietier mit klarer Vorgabe und Zeitgrenze war die Freude in beiden Gruppen gleich groß. Die Erwachsenen fühlten sich gerade bei dieser zielgerichteten Aufgabe am wohlsten, die Kinder dagegen beim freien Malen. Je mehr Struktur eine Aufgabe hatte, desto größer war der Leistungsvorsprung der Erwachsenen, je offener sie war, desto größer war der Unterschied im Erleben.
Auch im Alltag unterscheiden sich die Gruppen deutlich. Nach Angaben ihrer Eltern sind die Kindergartenkinder meist fast täglich kreativ tätig, die Erwachsenen am häufigsten etwa einmal pro Woche. Auf die Frage, wie kreativ sie sich selbst einschätzen, vergaben die Kinder auf einer Skala von eins bis fünf im Mittel 4,5 Punkte, die Erwachsenen 3,5. Und als alle gefragt wurden, wer kreativer sei, Kinder oder Erwachsene, entschieden sich 78,6 Prozent der Erwachsenen für die Kinder. Nur 12,9 Prozent nannten Erwachsene. Die Kinder selbst waren gespalten: 46,7 Prozent hielten Kinder für kreativer, 43,5 Prozent Erwachsene.
Die Forscher erklären den Widerspruch damit, dass Menschen Kreativität im Alltag an sichtbaren Signalen festmachen: an Begeisterung, Selbstvertrauen und daran, wie oft jemand etwas Kreatives tut. Sie vergleichen das mit dem Sport. Als sportlich gilt meist, wer sich regelmäßig bewegt, nicht unbedingt, wer Wettkämpfe gewinnt. Kinder, die ständig malen, bauen und erfinden, wirken deshalb kreativer, auch wenn ihre Ergebnisse von außen betrachtet weniger originell sind. Nach einem Modell aus der Kreativitätsforschung hängt kreatives Verhalten nicht nur von der Fähigkeit ab, sondern auch vom Vertrauen in die eigenen Ideen. In diesem Sinne zeigen Kinder eine höhere kreative Tatkraft, obwohl ihr kreatives Denkvermögen geringer ist.
Die größere Ängstlichkeit der Erwachsenen deutet das Team als Folge von Bewertungsdruck. Erwachsene wissen besser, wo ihre Stärken und Schwächen liegen, und achten stärker darauf, wie andere ihre Ideen beurteilen könnten. Das hilft beim zielgerichteten Arbeiten, kann aber auch hemmen. Das hohe Selbstvertrauen der Kinder könnte umgekehrt teilweise daher rühren, dass sie ihre eigene Leistung noch nicht realistisch einschätzen können, und durch überschwängliches Lob verstärkt werden. Passend dazu zeigen altersnormierte Kreativitätstests seit Jahrzehnten, dass das divergente Denken von der frühen Kindheit bis ins Jugendalter zunimmt und im Erwachsenenalter weitgehend stabil bleibt. Frühere Auswertungen sprechen zudem dagegen, dass die Schule die Kreativität zerstört, sie scheint sie eher zu fördern. Solche Tests dienen inzwischen sogar als Maßstab im Kreativitätsvergleich zwischen Menschen und Sprachmodellen.
Die Autoren benennen selbst mehrere Grenzen. Es handelt sich um einen Vergleich zweier Altersgruppen zu einem Zeitpunkt, nicht um eine Langzeitbeobachtung derselben Menschen. Ob die Kreativität mit dem Alter wächst oder ob Generationsunterschiede eine Rolle spielen, lässt sich damit nicht sicher trennen, ebenso wenig wie Ursachen. Kinder neigen bei Fragebögen zudem zu extremen Antworten und verstehen abstrakte Begriffe wie Kreativität noch anders, deshalb sind besonders die Angaben zum Erleben vorsichtig zu deuten. Die Aufgaben liefen immer in derselben Reihenfolge, die Gutachter waren ausschließlich Erwachsene, und manche Zeichnungen dürften trotz verdeckter Herkunft ihr kindliches Alter verraten haben. Alle Teilnehmer stammen außerdem aus einem bestimmten kulturellen Umfeld. Die Studie wurde ohne externe Förderung durchgeführt, Daten und Auswertungsskripte sind öffentlich zugänglich.
Als Botschaft bleibt keine Abwertung der Kinder, sondern ein genauerer Blick auf einen verbreiteten Mythos. Kreative Leistung und kreative Haltung sind zwei verschiedene Dinge, und Vorschulkinder sind vor allem bei der Haltung stark: Sie probieren aus, ohne sich um das Urteil anderer zu sorgen. Ihr kreatives Potenzial entfaltet sich laut den Forschern besonders dort, wo sie frei und ohne Bewertungsdruck arbeiten können. Für Erwachsene stellt sich die umgekehrte Frage. Das Grazer Team will als Nächstes klären, ob die geringere Selbsteinschätzung der Erwachsenen einen echten Verlust widerspiegelt oder einfach ein realistischeres Bild der eigenen Fähigkeiten.
PLOS One, Are children really more creative than adults? A mixed-methods examination of creative performance and experience; doi:10.1371/journal.pone.0346553
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