Präzise Zeitmessung

Neue Atomuhr in Wien hält ihren Takt erstmals selbst stabil

 Dennis Lenz

Neue Atomuhr in Wien hält ihren Takt erstmals selbst stabil
(Symbolbild) Eine Kernuhr in Wien erreicht einen wichtigen Schritt vom untersuchten Übergang zum geregelten Messsystem. Der Prototyp wurde gemeinsam mit deutscher Beteiligung entwickelt. Sein stabiler Betrieb über mehr als einen Tag eröffnet neue Möglichkeiten für die weitere Prüfung. Die besten bisherigen optischen Atomuhren bleiben vorerst der anspruchsvollere Präzisionsmaßstab. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine neue Kernuhr in Wien hält ihren Takt über mehr als 24 Stunden ohne Eingriff stabil. Ihr Zeitmaß entsteht nicht durch denselben atomaren Übergang wie bei gewöhnlichen Atomuhren. Der Prototyp verbindet einen besonderen Kristall mit einer automatischen Regelung. Damit erreicht eine lange verfolgte Idee der Präzisionsmessung einen wichtigen praktischen Entwicklungsschritt.

Eine Kernuhr besitzt weder ein besonderes Pendel noch einen Zeiger, der sich sichtbar anders bewegt. Ihr entscheidender Vorgang spielt sich in einem Kristall ab, der mit Laserlicht bestrahlt wird. Die Schwingung dieses Lichts kann als Grundlage einer sehr präzisen Zeitmessung dienen. Ein Laser bleibt allerdings nicht allein deshalb dauerhaft exakt auf derselben Frequenz, weil er sorgfältig aufgebaut wurde. Kleine Veränderungen seiner Umgebung und seiner Bauteile können seinen Takt verschieben. Deshalb benötigen hochpräzise Uhren einen Bezug, an dem sie ihre Schwingung fortlaufend ausrichten. Bei mechanischen Uhren übernimmt ein schwingendes Bauteil eine entsprechende Rolle; bei Atomuhren wird ein genau bestimmter Übergang im Atom genutzt. Der Wiener Aufbau verlagert diesen Bezug in den Atomkern. Die technische Herausforderung besteht dabei nicht nur darin, dessen Reaktion einmal nachzuweisen. Sie muss so gemessen und verarbeitet werden, dass sich die Uhr während des Betriebs selbst daran orientieren kann.

Die Frequenz gibt an, wie viele Schwingungen in einer bestimmten Zeit stattfinden. Für eine präzise Uhr ist deshalb nicht allein eine möglichst hohe Zahl solcher Schwingungen wichtig, sondern vor allem ihre Beständigkeit und die Kenntnis möglicher systematischer Verschiebungen. Ein Taktgeber kann kurzfristig sehr gleichmäßig laufen und dennoch dauerhaft etwas vom gewünschten Bezug abweichen. Umgekehrt kann eine im Mittel passende Frequenz stark schwanken und dadurch für kurze Messungen ungünstig sein. Genauigkeit und Stabilität sind daher verwandte, aber unterschiedliche Eigenschaften. Eine neue Zeitmesstechnik muss sich auf beiden Ebenen bewähren. Hinzu kommt die praktische Frage, wie lange sie ohne Unterbrechung arbeitet. Ein einmalig sichtbares Resonanzsignal ist noch keine über längere Zeit betriebene Uhr. Diese Unterscheidung erklärt, weshalb der jetzt gezeigte selbststabilisierte Betrieb einen eigenen Fortschritt darstellt. Er verbindet einen bereits untersuchten physikalischen Übergang mit einer funktionierenden Regelung, die während der Messung fortlaufend auf Veränderungen reagieren kann.

Wie die Kernuhr ihren Takt selbst korrigiert

Die am 7. Oktober 2026 veröffentlichte Arbeit in Nature zur optischen Thorium-229-Uhr mit Rückkopplung beschreibt einen geschlossenen Regelkreis. Der Laser regt einen Übergang im Atomkern an. Die gemessene Reaktion dient anschließend dazu, die Laserfrequenz zu korrigieren. Rückkopplung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Ausgabe des Systems wieder zur Steuerung seines Eingangs verwendet wird. Entfernt sich der Laser von der passenden Resonanz, ändert sich das Messsignal. Die Regelung kann daraus eine Korrektur ableiten und die Frequenz nachführen. Ein solches Prinzip ist für sich genommen nicht neu; entscheidend ist seine Umsetzung mit diesem besonderen Kernübergang. Die Kernuhr benötigt damit keine fortlaufende manuelle Nachstellung, um ihren Takt am Thorium auszurichten. Eine externe Referenz kann weiterhin zur Prüfung und Bewertung eingesetzt werden. Sie erfüllt dann eine andere Aufgabe als die interne Regelung, die den laufenden Betrieb stabilisiert und dessen unmittelbare Frequenzkorrektur übernimmt.

Warum gerade Thorium-229 als Taktgeber geeignet ist

Atomkerne besitzen unterschiedliche Energiezustände. Ihre Abstände sind gewöhnlich so groß, dass die für diesen Ansatz verwendeten Laser sie nicht passend anregen können. Thorium-229 besitzt dagegen einen außergewöhnlich niedrig liegenden angeregten Kernzustand. Dadurch wird ein optischer Zugang möglich, der die Entwicklung einer Kernuhr überhaupt erst eröffnet. Die TU Wien beschreibt den thoriumhaltigen Kristall als Herzstück des Aufbaus, an dem die Forscherguppe gemeinsam mit der PTB in Braunschweig arbeitet. Das Thorium ist dabei nicht einfach ein Energielieferant nach dem Prinzip einer Batterie. Genutzt wird die präzise Beziehung zwischen zwei Energiezuständen und der dazu passenden Lichtfrequenz. Ebenso wenig funktioniert die Uhr wie ein kleiner Kernreaktor. Ihr Zweck ist die kontrollierte Anregung und Messung eines Übergangs. Gerade diese Funktion muss von allgemeineren Vorstellungen über Radioaktivität oder Kernenergie getrennt werden, die den tatsächlichen Messvorgang nicht beschreiben.

Was sich gegenüber früheren Versuchen verändert hat

Bereits 2024 gelang es den beteiligten Gruppen, den betreffenden Kernübergang direkt mit Laserlicht anzuregen. Weitere Experimente verbanden ihn anschließend mit hochpräziser optischer Zeitmessung. Diese Schritte schufen wichtige Voraussetzungen, beantworteten aber noch nicht dieselbe Frage wie ein dauerhaft geschlossener Regelkreis. Ein Resonanzsignal zu finden bedeutet zunächst, dass die passende Wechselwirkung beobachtet werden kann. Eine Uhr muss dieses Signal anschließend wiederholt und zuverlässig als Frequenzbezug nutzen. Der aktuelle Aufbau führt beide Richtungen zusammen: Licht verändert den Kernzustand, und die gemessene Kernreaktion beeinflusst danach wieder das Licht. Damit wird die Verbindung zwischen Taktgeber und Kontrolle praktisch geschlossen. Der Fortschritt liegt also nicht darin, dass Thorium plötzlich eine völlig neue Eigenschaft erhalten hätte. Neu ist der erreichte Betriebszustand des technischen Systems. Diese Unterscheidung macht verständlich, weshalb mehrere Veröffentlichungen zum gleichen Kernübergang jeweils unterschiedliche Meilensteine darstellen können, ohne bloß dieselbe Entdeckung mit anderen Worten zu wiederholen.

Was mehr als ein Tag stabiler Betrieb aussagt

Die Demonstration über mehr als 24 Stunden zeigt, dass der Regelkreis nicht nur für einen kurzen Ausschnitt funktioniert. Die Kernuhr kann über eine längere Messphase an ihrem vorgesehenen Frequenzbezug bleiben, ohne dass ständig ein Mensch eingreifen muss. Daraus folgt jedoch keine unbegrenzte Betriebsdauer. Ein Tag überprüft andere Anforderungen als Wochen oder Monate, in denen zusätzliche technische Ausfälle und langsamere Veränderungen auftreten können. Auch bedeutet Selbststabilisierung nicht, dass der Aufbau ohne elektrische Energie, geeignete Umgebungsbedingungen oder sorgfältige Vorbereitung auskommt. Automatisch ist die Nachführung innerhalb des vorgesehenen Betriebs, nicht die gesamte Existenz der Versuchsanordnung. Für die Weiterentwicklung wäre deshalb interessant, wie robust die Regelung gegenüber unterschiedlichen Störungen bleibt und wie zuverlässig sie nach einer Unterbrechung wieder arbeitet. Der gezeigte Dauerlauf ist ein substanzieller praktischer Test. Er ersetzt aber nicht alle weiteren Untersuchungen, die für eine dauerhaft verfügbare Referenz oder eine außerhalb des spezialisierten Labors nutzbare Technik notwendig wären.

Warum die besten Atomuhren vorerst noch präziser sind

Der neue Aufbau erreicht nach Angaben des Teams noch nicht das Niveau der besten bisherigen optischen Atomuhren. Das ist für die Bewertung wichtiger als eine isolierte Zukunftsprognose. Eine optische Atomuhr mit extrem geringer rechnerischer Abweichung steht für eine bereits weit entwickelte Vergleichstechnologie. Solche Angaben werden oft auf sehr lange Zeiträume umgerechnet, um die Größenordnung anschaulich zu machen. Sie bedeuten nicht, dass das Gerät tatsächlich über diesen Zeitraum betrieben wurde. Dasselbe gilt für entsprechende Vergleiche bei Kernuhren. Entscheidend bleiben die experimentell bestimmten Eigenschaften und die berücksichtigten Fehlerquellen. Ein möglicher Vorteil von Kernübergängen gegenüber äußeren Störungen ist deshalb noch kein automatisch erreichter Gesamtvorteil jedes Prototyps. Auch Laser, Kristall, Auslesung und Regelung tragen zur Leistung bei. Die neue Technik muss ihre theoretischen Möglichkeiten erst in einem vollständigen und sorgfältig charakterisierten Messsystem praktisch ausschöpfen.

Welche nächsten Schritte die neue Uhr ermöglichen soll

Für weitere Verbesserungen nennt das Team stärkere Laser und bessere Thoriumkristalle. Dahinter stehen unterschiedliche technische Fragen: Ein besser nutzbares Signal kann die Auswertung erleichtern, während Materialeigenschaften die Gleichmäßigkeit und mögliche Verschiebungen des Übergangs beeinflussen. Mehr Leistung allein löst daher nicht jede Begrenzung. Fortschritte müssen an der gesamten Messkette überprüft werden. Dass zeitgleich eine weitere Forschungsgruppe eine Kernuhr in derselben Fachzeitschrift vorstellt, zeigt zudem, dass die Entwicklung nicht auf einen einzigen Aufbau beschränkt bleibt. Verschiedene Realisierungen können helfen, Stärken und Schwächen der Verfahren zu erkennen. Die Wiener Kernuhr liefert dafür einen konkreten neuen Ausgangspunkt: einen selbststabilisierten Betrieb über mehr als einen Tag. Die Bedeutung liegt nicht darin, dass gewöhnliche Atomuhren ab sofort überholt wären. Vielmehr steht nun eine weitere Art von Taktgeber als praktisch geregeltes System zur Verfügung. Ob sie ihre erwarteten Vorteile erreicht, wird sich durch die kommenden Präzisionsvergleiche und die weitere Verbesserung des Aufbaus entscheiden.

Nature, A thorium-229 optical nuclear clock with feedback loop; doi:10.1038/s41586-026-11084-4

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