Rund 20 Milliarden Euro kostet es jedes Jahr, Münzen und Banknoten in Deutschland im Umlauf zu halten, weshalb Kritiker das Bargeld gern als teures Relikt bezeichnen. Welchen Wert das physische Geld einer Volkswirtschaft tatsächlich stiftet, hat dagegen bislang niemand systematisch gemessen. Ein interdisziplinäres Forscherteam aus dem deutschsprachigen Raum hat diese Lücke nun geschlossen und den Nutzen von Bargeld erstmals beziffert. Das Ergebnis stellt die gängige Kostenkritik in ein völlig neues Licht.
Bargeld ist die physische Form von Geld und umfasst Münzen sowie Banknoten, die als gesetzliches Zahlungsmittel im Euroraum gelten. Damit Scheine gedruckt, geprüft, transportiert, gezählt und wieder eingezahlt werden können, existiert ein aufwendiger Bargeldkreislauf, an dem Zentralbanken, Geschäftsbanken, Wertdienstleister und der Handel beteiligt sind. Dieser Apparat verursacht erhebliche Ausgaben: Schätzungen beziffern die jährlichen Kosten in Deutschland auf rund 0,45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was etwa 20 Milliarden Euro entspricht. In der öffentlichen Debatte über Geld dienen diese Zahlen häufig als Argument, den Anteil des Baren im Zahlungsverkehr weiter zurückzudrängen. Auffällig ist jedoch, dass fast immer nur die Kostenseite betrachtet wird, während die Frage nach dem konkreten Gegenwert von Münzen und Scheinen für Gesellschaft und Wirtschaft bislang weitgehend unbeantwortet blieb, obwohl sie für politische Entscheidungen zentral wäre.
Der Anteil der Barzahlungen sinkt seit Jahren, weil kontaktlose Karten und Smartphone-Zahlungen den Alltag zunehmend prägen. Eine aktuelle Erhebung der Deutschen Bundesbank ergab, dass die Verbraucher in Deutschland im Jahr 2025 erstmals mehrheitlich ohne Bargeld bezahlt haben, wobei Münzen und Scheine mit rund 45 Prozent der Transaktionen weiterhin eine große Rolle spielen. Parallel dazu bereitet die Europäische Zentralbank die Einführung von digitalem Zentralbankgeld vor, das den Zahlungsverkehr grundlegend verändern könnte. In dieser Gemengelage gewinnt die Frage an Gewicht, was verloren ginge, wenn physisches Geld weiter an Boden verliert. Ökonomische Größen wie Versorgungssicherheit, Privatsphäre, wirtschaftliche Teilhabe und Krisenfestigkeit tauchen in klassischen Kostenrechnungen nicht auf, obwohl sie für Haushalte und Unternehmen einen realen Wert besitzen. Genau an diesem blinden Fleck setzt die neue Untersuchung an.
Hinter der Untersuchung steht ein Forscherteam um die Wirtschaftspsychologin Julia Pitters von der IU Internationalen Hochschule und den Geldökonomen Franz Seitz von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden. Die Wissenschaftler entwickelten ihren Ansatz in Zusammenarbeit mit der International Cash Association, die die Ergebnisse beim Global Cash Forum 2026 im türkischen Antalya gemeinsam mit Vertretern der Deutschen Bundesbank und der südafrikanischen Zentralbank vorstellte. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass zum Wert des Bargelds kaum belastbare Forschung existiert, während die Kostenseite seit Jahren detailliert vermessen wird. Um die Lücke zu schließen, entwarf das Team eine Formel, die den Nutzen physischer Zahlungsmittel über mehrere Dimensionen hinweg erfasst und in eine einzige volkswirtschaftliche Kennzahl übersetzt. Damit liegt erstmals ein Rechenrahmen vor, der beide Seiten der Bilanz sichtbar macht.
Methodisch stützt sich die Analyse auf einen Befragungsansatz, der die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für einzelne Bargeldfunktionen ermittelt. Die Teilnehmer gaben unter anderem an, welchen Betrag ihnen die Möglichkeit wert ist, sich mit Scheinen und Münzen gegen Stromausfälle oder Störungen digitaler Bezahlsysteme abzusichern. Neben dieser Versicherungsfunktion flossen weitere Aspekte in die Bewertung ein, darunter der Schutz der Privatsphäre und die Datensouveränität beim Bezahlen, die wirtschaftliche Teilhabe von Menschen ohne Bankkonto, die bessere Ausgabenkontrolle durch physisches Geld sowie die Unterstützung lokaler Wirtschaftskreisläufe, etwa auf Wochenmärkten. Aus den Antworten leiteten die Forscher monetäre Werte ab, aggregierten sie über die Bevölkerung und setzten die Summe ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. So entstand eine Kennzahl, die den gesellschaftlichen Nutzen des Baren direkt mit den bekannten Kosten vergleichbar macht.
Das Ergebnis fällt deutlich aus: Der Wert, den Bargeld in Deutschland stiftet, liegt der Berechnung zufolge bei 1,28 Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. In absoluten Zahlen ist das ein volkswirtschaftlicher Nutzen von rund 52 Milliarden Euro pro Jahr und damit etwa das Dreifache der Summe, die der gesamte Bargeldkreislauf jährlich kostet. Besonders stark schlagen die Versicherungsfunktion in Krisenszenarien und die Wertschöpfung lokaler Märkte zu Buche, die ohne Barzahlungen erheblich schrumpfen könnte. Die Autoren betonen, dass bisherige Debatten nur eine Seite der Bilanz betrachtet haben, weil die Kosten präzise dokumentiert sind, der Gegenwert aber nie systematisch erhoben wurde. Erste Signale aus einer parallel laufenden Untersuchung in Südafrika deuten in dieselbe Richtung, wobei dort die finanzielle Teilhabe und die informelle Wirtschaft noch stärker ins Gewicht fallen dürften.
Brisanz erhält die Untersuchung durch die geldpolitische Großwetterlage, denn in der Eurozone soll in absehbarer Zeit ein digitaler Euro als elektronisches Zentralbankgeld erprobt werden. Die Studienautoren sehen darin keinen zwingenden Gegensatz, verweisen aber auf das Spannungsverhältnis zwischen digitalem Zentralbankgeld und physischen Scheinen, deren Krisenfestigkeit in Notlagen als schwer ersetzbar gilt. Zugleich mahnt die Arbeit zu methodischer Vorsicht: Zahlungsbereitschaften aus Befragungen bilden subjektive Einschätzungen ab und hängen davon ab, wie Risiken wie Stromausfälle wahrgenommen werden. Auch die Nähe der beteiligten Bargeldorganisationen zum Untersuchungsgegenstand gehört zur Einordnung dazu, weshalb unabhängige Replikationen wünschenswert wären. Dass eine Zentralbank wie die Bundesbank die Vorstellung der Ergebnisse begleitete, verleiht dem Ansatz gleichwohl institutionelles Gewicht. Für die Geldpolitik liefert die Kennzahl zudem einen neuen Referenzpunkt, an dem sich künftige Entscheidungen über die Bargeldinfrastruktur messen lassen müssen.
Wie sich das Bezahlen langfristig entwickelt, bleibt offen, denn Szenarioanalysen zur Zukunft des Bargelds in Deutschland reichen von einer Renaissance des Baren bis zu einer weitgehend digitalen Bezahlwelt. Die neue Kennzahl verschiebt jedoch die Grundlage dieser Debatte, weil politische Entscheidungen über Geldautomatennetze, Annahmepflichten im Handel oder Bargeldobergrenzen nun gegen einen bezifferten Nutzen abgewogen werden können. Sollte der Anteil der Barzahlungen weiter sinken, ginge nach der Logik der Studie auch ein Teil der 52 Milliarden Euro verloren, sofern digitale Systeme die Versicherungs- und Teilhabefunktionen nicht gleichwertig übernehmen. Die Forscher wollen ihren Rechenrahmen deshalb auf weitere Länder übertragen, um zu prüfen, ob sich das Verhältnis von Kosten und Nutzen international bestätigt. Für Deutschland steht die zentrale Botschaft bereits fest: Münzen und Scheine sind erheblich mehr wert, als sie kosten.