Experiment

Viertagewoche in Island steigert die Produktivität

Dennis L.

Ist es möglich, weniger zu arbeiten und dabei gleich viel Geld zu verdienen? Und, was noch wichtiger ist, würden wir dadurch effizienter und wirtschaftlicher werden? Genau das sollte mit einem Experiment in Island herausgefunden werden und tatsächlich deutet vieles darauf hin, dass es funktionieren könnte.

Reykjavik (Island). Island ist das Land, das in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erhobenen Arbeitszeitstatistiken regelmäßig an der Spitze erscheint. Die Wochenarbeitszeit in Island gehört zu den höchsten der Welt und die durchschnittliche Lebensarbeitszeit der Bürger liegt bei 47 Jahren, was zu den längsten in Europa gehört. Umfragen zeigen, dass viele Bürger dadurch zu wenig Zeit für ihre Familien haben und die Zahl der Burn-out-Behandlungen extrem hoch sei.

In Island wurden in den letzten Jahren zwei Experimente zur Untersuchung der Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen durchgeführt. Die eine, die von 2015 bis 2017 lief, umfasste bis zu 2.500 Teilnehmer, die zu verschiedenen Zeitpunkten während des 16-monatigen Versuchszeitraums eintraten. Die andere Studie, die von 2016 bis 2018 durchgeführt wurde, umfasste in der Spitze mehr als 400 Teilnehmer. Was nach einer geringen Teilnehmerzahl klingt, ist in Wirklichkeit ein recht hoher Anteil für ein solches Experiment. In Island gibt es rund 200.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Erste Auswirkungen mit überraschendem Ergebnis

Die ersten Ergebnisse der Experimente liegen nun vor. Laut Auswertungen haben die meisten Teilnehmer ihre Wochenarbeitszeit von 40 auf 36 oder 35 Stunden reduziert, während sie das gleiche Gehalt erhielten. Überraschend ist, dass die erbrachte Leistung nicht nur auf dem selben Produktivitätsniveau wie zuvor ist, sondern in vielen Fällen sogar höher war.

Um einen Produktivitätsrückgang zu verhindern, wurde die Reduzierung der Arbeitszeit von einer Überarbeitung der Arbeitsabläufe begleitet. Meetings wurden in kürzerer Zeit abgehalten oder komplett durch E-Mails ersetzt und es wurde gezielt nach Aufgaben gesucht, die ersatzlos gestrichen werden konnten.

Deutliche Verbesserung der Work-Life-Balance

Laut den Forschern berichteten die Teilnehmer, dass sie weniger gestresst waren. Ihre Work-Life-Balance hatte sich deutlich verbessert. Die Studie zeigt, dass die Verkürzung der Arbeitswoche „ein überwältigender Erfolg“ war, so der Leiter der Forschungsabteilung des Thinktanks Autonomy Will Stronge. Die Organisation führte die Experimente zusammen mit der Nichtregierungsorganisation Alda (Association for Sustainable Democracy) und isländischen Gewerkschaften durch.

Die Übertragbarkeit ist jedoch fraglich

Es ist unklar, wie robust die Ergebnisse aus Island sind. So war zum Beispiel kein Wirtschaftswissenschaftler unter den Autoren der Studie. Es ist auch fraglich, ob die Ergebnisse auf andere Länder mit einer komplexeren Wirtschaftsstruktur als Island übertragbar sind.

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