Einkaufswagen mit einem Bildschirm am Griff versprechen Orientierung zwischen den Regalen und Hilfe bei der Produktsuche. In einer deutschen Untersuchung lagen die Ausgaben bei aktiver Displaynutzung im Durchschnitt um 32 Prozent höher. Die Kunden entschieden selbst, ob sie die Technik verwendeten, weshalb daraus keine feste Wirkung auf jeden Einkauf folgt. Ein zusätzlicher Werbeversuch zeigt, an welcher überraschenden Stelle weitere Waren in den Korb gelangen.
Bei 12.418 erfassten Einkäufen in einem deutschen Supermarkt gaben aktive Bildschirmnutzer durchschnittlich 30,18 statt 22,89 Euro aus. Marketingwissenschaftlerin Sabrina Gottschalk von der Bayes Business School und ihr Team werteten dafür Wagenprotokolle aus dem März 2025 aus. Sämtliche Einkaufswagen im untersuchten Geschäft verfügten über dieselbe digitale Ausstattung, deren Funktionen jeder Kunde freiwillig nutzen oder ignorieren konnte. Erfasst wurden einzelne Einkaufsbesuche, sodass dieselbe Person bei mehreren Besuchen auch mehrfach in den Daten vorkommen kann.
Für die Aussagekraft ist diese freie Entscheidung wesentlich, denn schon die geplante Größe eines Einkaufs könnte die Nutzung beeinflussen. Ein Kunde mit einer langen Einkaufsliste hat möglicherweise mehr Anlass, eine Suchhilfe auszuprobieren, als jemand auf dem Weg zu einem bekannten Regal. Solche Unterschiede lassen sich aus den beobachteten Ausgaben allein nicht herausrechnen; der Befund beschreibt zunächst einen Zusammenhang zwischen Verhalten und Warenkorb. An der Arbeit beteiligten sich mit Annika Lorenz-Kornfeld und Nils Eisler auch Mitarbeiter von REWE Digital.
Welche Aufgaben ein solches Gerät übernimmt, veranschaulicht ein gesondert dokumentierter REWE-Pilotversuch in Köln-Bickendorf, der 2024 mit der Plattform Catch startete. Eine Kamera auf der Rückseite des Tablets erfasst Barcodes und mitgebrachte Einkaufslisten, darunter auch von Hand beschriebene Zettel. Anschließend führt die Software zu den Standorten der gesuchten Produkte und schlägt unterwegs passende Angebote in der Nähe vor. Kaufmann Boris Dugandzic beschrieb das Projekt als zusätzliche Hilfe auf der Verkaufsfläche, auf der seine Mitarbeiter weiterhin ansprechbar blieben.
Ursprünglich war dieser Test auf vier Monate angelegt, und ungefähr die Hälfte der dort vorhandenen 220 Wagen erhielt ein Tablet. Für einen Händler verbindet diese Anordnung zwei Aufgaben unmittelbar miteinander: Sie erleichtert die Suche und schafft eine bewegliche Werbefläche am Einkaufsgriff. Wer den Standort einer Ware abfragt, begegnet damit unter Umständen zugleich einem Angebot, das vor dem Ladenbesuch noch gar nicht eingeplant war. Wie viel von einem späteren Kauf auf Orientierung, Preisnachlass oder Werbung entfällt, muss ein Versuch deshalb getrennt untersuchen.
Besonders häufige Berührungen des Displays erwiesen sich in der deutschen Beobachtungsstudie als eigenes Muster, das Händler bei ihrer Planung berücksichtigen müssen. Die als Superuser bezeichneten Kunden kauften mehr Artikel und blieben länger im Geschäft, ohne beim ausgegebenen Betrag entsprechend zuzulegen. Dagegen waren hochgeladene Einkaufslisten mit wertvolleren, aber kleineren Warenkörben und kürzeren Besuchen verbunden, wie Mitautor Yusuf Oc in seiner Erläuterung der Auswertung berichtet. Ein Bildschirm kann also sehr unterschiedliche Einkaufsabsichten begleiten, vom zielgerichteten Abarbeiten einer Liste bis zum längeren Erkunden des Angebots.
Auch Tageszeit und Wochentag veränderten das Bild: Größere Ausgabenunterschiede zeigten sich besonders nachmittags sowie am Wochenende, während abendliche Besuche länger dauerten. Für den Vergleich ordnete das Team Nutzer und Nichtnutzer zusätzlich denselben Zeitfenstern zu, damit verschiedene Einkaufsgelegenheiten die Ergebnisse weniger verzerren. Das Verhalten am Gerät lässt sich für Händler damit als Hinweis auf die jeweilige Einkaufssituation auswerten. Ob jemand gezielt Vorräte besorgt oder Angebote durchsieht, wird für die Gestaltung einer digitalen Empfehlung wirtschaftlich interessant.
Gezielt auf den Werbeanteil konzentrierten sich Mathias Streicher, Oliver Büttner und Zachary Estes in einem getrennten Feldversuch im Journal of Retailing. In einem mittelgroßen europäischen Supermarkt verglichen sie Wagen ohne Bildschirm mit Varianten, deren Displays rabattierte Produkte beim Erreichen bestimmter Ladenabschnitte einblendeten. Bluetooth-Sender lösten die Anzeigen passend zum Standort aus, sodass etwa ein Angebot für Erdbeeren in der zugehörigen Warenzone erschien. Die Teilnehmer kauften mit ihrem eigenen Geld ein und wurden während des Einkaufs nicht über die Untersuchung informiert.
Über acht Untersuchungstage sammelten Forschungsassistenten zusätzlich gedruckte Kassenbons ein, nachdem die Kunden den Kassenbereich verlassen hatten und der Einkauf abgeschlossen war. Kleine rote und blaue Klebestreifen kennzeichneten für das Team die Bildschirmvarianten, ohne im Blickfeld des schiebenden Kunden zu liegen. Bei einer Variante erschien die Werbung in der Mitte, bei der anderen seitlich und mit einem Richtungspfeil zum beworbenen Produkt. Nach den kurzen Einblendungen blieb der Bildschirm bis zum nächsten Bereich leer, sodass der Werbekontakt abschnittsweise und ohne aktive Bedienung stattfand.
Im Durchschnitt zahlten Kunden mit Displaywerbung 52,95 Euro, während die Vergleichsgruppe ohne Bildschirm auf 46,15 Euro kam, ein Unterschied von rund 14,7 Prozent. Die seitliche Anordnung der Anzeigen brachte gegenüber der mittigen Darstellung keinen statistisch verlässlich nachweisbaren zusätzlichen Vorteil bei den untersuchten Kaufmaßen. Beim Vergleich berücksichtigten die Autoren außerdem Wochentag und Tageszeit; der Zusammenhang mit höheren Ausgaben blieb in dieser Berechnung erhalten. Schon ältere Versuche zu anders angeordneten Einkaufswagengriffen hatten untersucht, wie die Gestaltung dieses alltäglichen Gegenstands das Kaufverhalten beeinflusst.
Die Quote umfasst sowohl die Displaygruppen als auch die Kontrollgruppe ohne Bildschirm und bezieht sich auf die gesamte Versuchsstichprobe. Der zusätzliche Umsatz entstand zum größeren Teil bei Waren, die auf den Displays selbst gar nicht als Angebot erschienen waren. Für diese Produkte stiegen die durchschnittlichen Ausgaben von 45,24 auf 51,01 Euro, wobei sich der Zuwachs auf die beworbenen Warenkategorien konzentrierte. Werbung für einen einzelnen Obstartikel ging beispielsweise mit zusätzlichen Käufen anderer Obstprodukte einher, nicht mit einem gleichmäßigen Anstieg quer durch das Sortiment. Damit profitierten von einer Anzeige auch Produkte, deren Hersteller den konkreten Bildschirmplatz überhaupt nicht belegte.
Als Erklärung diskutieren die Autoren, dass eine Anzeige den Blick auf benachbarte Waren lenkt oder verwandte Produkte ins Gedächtnis ruft. Welche dieser Möglichkeiten den Ausschlag gab, wurde im Versuch nicht direkt gemessen; dafür wären etwa Aufzeichnungen der Blickbewegungen nötig. Zum bekannten Einfluss der Platzierung von Waren und Aktionsflächen kommt hier ein Bildschirm, der mit dem Kunden durch den Verkaufsraum fährt. Für die Interpretation bleibt zudem wesentlich, dass sämtliche Anzeigen Preisnachlässe enthielten und ein gleichartiger Test ohne Rabatt als Vergleich fehlt.
Streichers Team an den beteiligten Hochschulen bezeichnet seinen Aufbau als Quasiexperiment, weil sich die Wagen am Eingang nur näherungsweise zufällig verteilen ließen. Zu Stoßzeiten griffen manche Kunden selbst zu einem Modell, bevor der Assistent ihnen einen Wagen zuteilen konnte, wodurch Auswahlunterschiede bestehen bleiben. Persönliche Angaben wie Alter, Einkommen oder Kundentreue wurden nicht erfasst, sodass sich besonders empfängliche Käufergruppen aus den Bons nicht bestimmen lassen. Zudem hatten die Kunden dieses Markts zuvor keine Erfahrung mit solchen Werbedisplays; ob der Effekt nach längerer Gewöhnung anhält, bleibt offen.
Was Kunden an der Technik schätzen, untersuchten Carsten Schultz und Patrick Zacheus in einer eigenständigen Arbeit im Journal of Consumer Behaviour mit 291 Befragten und ergänzenden Interviews. Nützlichkeit und einfache Bedienung standen im Vordergrund, während kurzfristiger Unterhaltungseffekt und wahrgenommenes Datenschutzrisiko in ihrem Modell eine geringere Rolle spielten. Befragte schätzten beispielsweise, dass bereits gepackte Taschen direkt vom Wagen ins Auto wanderten, weil das erneute Auspacken an der Kasse entfiel. Andere berichteten von Unsicherheit beim ersten Scannen oder davon, dass ein fehlender Kindersitz gegen die Nutzung eines bestimmten Modells sprach.
Der wirtschaftliche Hintergrund reicht über einzelne Geräte hinaus: Im deutschsprachigen Handel müssen Kassen, Warenwirtschaft und mobile Anwendungen zunehmend gemeinsam funktionieren. Für seine Untersuchung zu den Checkout-Trends befragte das EHI Retail Institute Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sehr unterschiedliche Verkaufsnetze betreiben. Als vordringliche Aufgaben nannten die Befragten vor allem KI-Unterstützung, Selbstbedienung und mobile Geräte mit Kassenfunktion, die den Bezahlvorgang in die Verkaufsfläche verlagern. Binnen zwei Jahren planen 88 Prozent Änderungen an ihrer Kassenhardware, wobei vielfach einzelne Scanner, Drucker oder Displays ausgetauscht werden sollen.
Journal of Business Research, Customer responses to smart shopping carts in supermarkets; doi:10.1016/j.jbusres.2026.116337
Journal of Retailing, Smart mobile advertising at the point of purchase: Digital shopping cart displays increase sales; doi:10.1016/j.jretai.2026.04.002
Journal of Consumer Behaviour, Smart Shopping Carts in Food Retailing: Innovative Technology and Shopping Experience in Stationary Retail; doi:10.1002/cb.2426
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