Die Bundesregierung verspricht mit ihrer Steuerreform eine Entlastung für kleine und mittlere Einkommen. Nach einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft bleibt davon aber weniger übrig als angekündigt: Weil die Reform die kalte Progression nicht vollständig ausgleicht, führt sie im Jahr 2028 zu realen Steuererhöhungen. Der Grund ist ein Mechanismus, der Lohnerhöhungen still und leise schrumpfen lässt. Andere Länder haben ihn längst entschärft.
Eine strukturelle Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen über die Einkommensteuer gehört zu den zentralen Versprechen der schwarz-roten Koalition. Anfang Juli 2026 stellte die Koalition ein umfassendes Reformpaket vor, Anfang September wollte die Bundesregierung die umstrittene Reform der Einkommensteuer auf den Weg bringen. Ab 2028 sollen Steuerzahler nach den Plänen jährlich um zehn Milliarden Euro entlastet werden. Darin enthalten ist allerdings auch die Anhebung des Grundfreibetrags, die ohnehin verfassungsrechtlich geboten ist, weil das Existenzminimum steuerfrei bleiben muss. Ein Teil der angekündigten Entlastung wäre also auch ohne Reform gekommen. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat die Pläne durchgerechnet und kommt in einem Kurzbericht vom 7. Juli 2026 zu einem kritischen Ergebnis. Die Reform entlaste zwar gezielt kleine und mittlere Einkommen, bleibe insgesamt aber deutlich hinter einer echten Tarifreform zurück, und ein zentraler Mechanismus des Steuersystems werde nicht angetastet.
Dieser Mechanismus heißt kalte Progression. Die Einkommensteuer in Deutschland ist progressiv, das heißt, mit steigendem Einkommen steigt auch der Steuersatz. Steigen die Löhne nur so stark wie die Preise, hat ein Beschäftigter real nicht mehr Geld zur Verfügung als vorher. Trotzdem rutscht er mit seinem höheren Nominaleinkommen in einen höheren Steuersatz und zahlt anteilig mehr Steuern. Am Ende bleibt ihm real weniger als zuvor. Diese schleichenden Steuererhöhungen muss kein Parlament beschließen, sie entstehen automatisch, solange die Grenzen des Steuertarifs nicht an die Inflation angepasst werden. Nach Zahlen der Vereinigten Lohnsteuerhilfe betraf die kalte Progression im Jahr 2025 rund 35,7 Millionen Steuerpflichtige, die im Schnitt 221 Euro im Jahr weniger zur Verfügung hatten. Für den Staat ist das bequem, denn seine Einnahmen steigen, ohne dass er Steuererhöhungen öffentlich durchsetzen muss. Für die Steuerzahler bedeutet es, dass ein Teil jeder Lohnerhöhung beim Finanzamt landet.
Der Kern der IW-Kritik betrifft genau diesen Punkt. Die Reform gleicht die kalte Progression nach der Rechnung des Instituts nicht vollständig aus. Die Entlastung durch die neuen Tarifgrenzen reicht nicht aus, um die Mehrbelastung aufzufangen, die durch steigende Löhne und Preise bis 2028 entsteht. Das Ergebnis fassen die IW-Ökonomen Martin Beznoska und Tobias Hentze in ihrem Kurzbericht zur fehlenden Korrektur der kalten Progression zusammen: Vor allem der unvollständige Ausgleich führt im Jahr 2028 zu realen Steuererhöhungen. Betroffen sind nach Einschätzung von Hentze grundsätzlich alle steuerpflichtigen Einkommensklassen, weil die kalte Progression jede Gehaltserhöhung trifft. Wer 2028 eine spürbare Entlastung auf dem Gehaltszettel erwartet, dürfte deshalb enttäuscht werden. Die Regierung verweist dagegen auf die gezielte Entlastung unterer und mittlerer Einkommen, die das IW grundsätzlich anerkennt.
Ein weiteres Problem sehen die Ökonomen im Verlauf des Steuertarifs. Nach Berechnungen des IW greift der Spitzensteuersatz bereits ab dem 1,4-Fachen des Durchschnittslohns. Wer also nicht einmal eineinhalbmal so viel verdient wie der Durchschnitt, zahlt auf jeden zusätzlich verdienten Euro bereits den höchsten regulären Steuersatz. In früheren Jahrzehnten lag diese Grenze deutlich höher. Die Analyse des IW zur Grenze des Spitzensteuersatzes zeigt, wie stark sich der Tarif über die Jahre verschoben hat, weil Löhne gestiegen sind, die Tarifgrenzen aber nicht im gleichen Maß. Nach Einschätzung des IW steigt die Grenzbelastung für kleine und mittlere Einkommen auch nach der Reform rasch auf ein hohes Niveau. Das schwächt die Anreize, mehr zu arbeiten, weil von Überstunden oder einer Aufstockung der Arbeitszeit netto weniger übrig bleibt.
Für Beschäftigte ist die kalte Progression oft unsichtbar. Eine Gehaltserhöhung von drei Prozent klingt nach mehr Geld, doch wenn die Preise im selben Zeitraum ebenfalls um drei Prozent steigen, bleibt die Kaufkraft vor Steuern gleich. Nach Steuern sinkt sie sogar, weil ein größerer Anteil des Einkommens mit einem höheren Satz besteuert wird. Besonders spürbar wird das in Zeiten höherer Inflation, wenn Löhne nominal kräftig steigen. Gerade im Jahr 2026 ist dieser Punkt brisant, denn nach Angaben des Statistischen Bundesamts lagen die Erzeugerpreise im August 2026 um 4,6 Prozent über dem Vorjahresmonat, was auf anhaltenden Preisdruck hindeutet. Steigen die Löhne als Ausgleich, greift die kalte Progression umso stärker. Die geplante Reform soll zwar Entlastung bringen, doch nach der IW-Rechnung frisst die kalte Progression einen Teil davon wieder auf, bevor die Steuerzahler sie überhaupt spüren.
Dass es auch anders geht, zeigen Nachbarländer. Österreich, Belgien und Schweden nutzen einen sogenannten Tarif auf Rädern, bei dem die Grenzen des Steuertarifs automatisch an die Inflation angepasst werden. Die kalte Progression wird dadurch weitgehend verhindert, ohne dass das Parlament jedes Jahr neu entscheiden muss. In Deutschland gibt es einen solchen Automatismus bislang nicht. Stattdessen passt der Gesetzgeber die Tarifgrenzen in unregelmäßigen Abständen an, zuletzt mit Anhebungen von Grundfreibetrag und Tarifgrenzen. Hentze sieht dahinter politisches Kalkül. Für die Politik ist es attraktiv, Entlastungen zu beschließen und damit vor die Wählerschaft zu treten, statt die schleichenden Steuererhöhungen dauerhaft abzuschaffen. Ein automatischer Ausgleich würde diese Möglichkeit nehmen, zugleich aber den Spielraum im Haushalt verringern. Genau das macht den Tarif auf Rädern in einer Zeit knapper Kassen politisch umstritten, obwohl er den Steuerzahlern Planungssicherheit bringen würde.
Ganz ohne Wirkung ist die Reform nach Einschätzung des IW nicht. Sie entlastet gezielt kleine und mittlere Einkommen und setzt damit ein Signal, das die Ökonomen grundsätzlich begrüßen. In einer früheren Analyse hatte das Institut betont, dass eine Senkung der Einkommensteuer angesichts einer historisch hohen Steuerquote ein wichtiges Signal an Wirtschaft und private Haushalte wäre, um der Wachstumsflaute etwas entgegenzusetzen. Die Kritik richtet sich daher weniger gegen die Richtung als gegen das Ausmaß. Eine echte Tarifreform, die den sogenannten Mittelstandsbauch abflacht und die hohen Grenzsteuersätze später einsetzen lässt, bleibt aus. Für die Steuerzahler ergibt sich daraus eine ernüchternde Bilanz: Die versprochene Entlastung kommt, sie reicht aber nicht aus, um die schleichende Mehrbelastung auszugleichen. Ob die Koalition im parlamentarischen Verfahren noch nachbessert, ist offen, ebenso wie die Frage, ob Deutschland dem Beispiel seiner Nachbarn beim Tarif auf Rädern folgt.