Winter ohne Reserve

Gasspeicher so leer wie nie und die Politik verlässt sich auf den Markt

 Dennis Lenz

Gasspeicher so leer wie nie und die Politik verlässt sich auf den Markt
Die deutschen Gasspeicher sind so schwach gefüllt wie zu keiner Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen. Fünf Wochen vor Beginn der Heizperiode fehlt ein Fünftel gegenüber dem Vorjahr, und die gesetzliche Vorgabe von 80 Prozent zum 1. November ist nach Angaben der Speicherbranche technisch nicht mehr erreichbar. Die Bundesregierung setzt auf Importe und den Markt. Ein kalter Winter würde dieses Kalkül auf eine harte Probe stellen. (Foto: © Bundesnetzagentur)

Die Gasspeicher in Deutschland sind fünf Wochen vor Beginn der Heizperiode nur zu rund 57 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr waren es zum selben Zeitpunkt fast 77 Prozent, im Mittel der Jahre vor der Energiekrise noch deutlich mehr. Die gesetzlich vorgeschriebenen 80 Prozent zum 1. November sind nach Berechnungen der Speicherbetreiber technisch nicht mehr zu erreichen. Die Bundesnetzagentur nennt die Versorgung dennoch stabil und die Bundesregierung lehnt ein Eingreifen ab. Für einen milden Winter mag das reichen. Für einen kalten Winter zeigen die Modellrechnungen der Branche etwas anderes.

Auf der Lageseite der Bundesnetzagentur stehen zwei Sätze, die nicht recht zusammenpassen wollen. Der eine lautet, die Füllstände der Speicher lägen derzeit deutlich niedriger als in den Vergleichszeiträumen vergangener Jahre, und die Behörde nehme diese Entwicklung sehr ernst. Der andere lautet, die Gasversorgung sei stabil, die Versorgungssicherheit gewährleistet und die Gefahr einer angespannten Lage nach aktuellem Erkenntnisstand gering. Dazwischen liegen Zahlen, die für sich sprechen. Am 22. September meldeten die deutschen Speicher nach den Daten des europäischen Speicherverbands einen Füllstand von 56,99 Prozent. Am selben Tag des Vorjahres waren es 76,65 Prozent, fast 20 Prozentpunkte mehr. Am 1. September lag der Wert bei 53,6 Prozent, ein Jahr zuvor bei 71 Prozent. Die Initiative Energien Speichern, der Verband der Speicherbetreiber, spricht vom niedrigsten Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen vor 15 Jahren. Gegenüber dem Mittel der Jahre 2017 bis 2021 fehlen rund 27 Prozentpunkte.

Dabei ist die Ausgangslage seit Monaten bekannt. Ein kalter Januar 2026 hatte die Speicher stark geleert, zum 1. Juli waren sie im Schnitt nur zu 41 Prozent gefüllt. Seither wird zwar eingespeichert, aber deutlich langsamer als in früheren Jahren. Der Grund ist kein physischer Mangel, sondern ein wirtschaftlicher. Wer im Sommer Gas einlagert, verdient normalerweise an der Differenz zwischen dem günstigeren Sommerpreis und dem höheren Winterpreis. Diese Differenz ist in diesem Jahr negativ: Nach einer Rechnung des Speicherverbands verliert, wer heute einspeichert, mehr als drei Euro je Megawattstunde. Der Terminmarkt liegt zudem seit den Spannungen im Nahen Osten und der Blockade der Straße von Hormus bei rund 74 Euro je Megawattstunde, mehr als doppelt so hoch wie zuvor. Händler, die Gas zu diesen Preisen einlagern, riskieren Verluste, wenn der Winter mild wird. Also lassen sie es, wie die Lagebewertung der Bundesnetzagentur indirekt bestätigt: Die Befüllung sei grundsätzlich Aufgabe der Gashändler, die eine preisliche Optimierung ihrer Beschaffung vornähmen.

Die gesetzliche Vorgabe für die Gasspeicher wird verfehlt

Deutschland hat aus dem Jahr 2022 eine Lehre gezogen und Mindestfüllstände ins Gesetz geschrieben. Die Gasspeicherfüllstandsverordnung schreibt zum 1. November 80 Prozent je Anlage vor, für sechs Speicher mit besonderen Eigenschaften, darunter der größte deutsche Speicher in Rehden, 45 Prozent. Zum 1. Februar gelten 30 Prozent, für vier bayerische Speicher 40 Prozent. Nach dem September-Update der Gas-Szenarien des Speicherverbands lässt sich bis zum 1. November technisch noch ein Füllstand von rund 77 Prozent erreichen, und das auch nur, wenn in den verbleibenden Wochen mehr Gas eingespeichert wird als in den drei Monaten zuvor zusammen. Die gesetzliche Marke von 80 Prozent ist damit schon rechnerisch außer Reichweite, wie die Initiative Energien Speichern selbst einräumt. Gebucht sind zwar rund 83 Prozent der Kapazitäten, doch eine gebuchte Kapazität ist keine gefüllte Kavität. Ob die Händler ihre gebuchten Volumen tatsächlich befüllen, entscheidet der Preis. Bleibt das Tempo wie bisher, sinkt auch der technisch erreichbare Wert weiter, weil jede Woche ohne kräftige Einspeicherung nicht mehr aufzuholen ist.

Was passiert, wenn der Winter kalt wird

Die Modellrechnungen des Verbands unterscheiden zwei Fälle. Bei normalen Temperaturen, gerechnet mit dem Wetterjahr 2016, reichen 77 Prozent zum 1. November aus, um Deutschland vollständig zu versorgen. Die Speicher wären dann am 1. April 2027 noch zu rund 38 Prozent gefüllt. Bei einem Kaltwinter nach dem Muster des Jahres 2010 sieht es anders aus. Dann fehlen im Januar und Februar 2027 bis zu zwei Terawattstunden Gas pro Monat, an einzelnen Tagen bis zu 1,5 Terawattstunden. An manchen Januartagen läge die Unterdeckung nach dem Modell bei über 25 Prozent des Bedarfs. Im kalten Wetterjahr würden zudem nicht einmal die 77 Prozent bis November erreicht, weil dann schon im Herbst geheizt würde. Der Verband stuft diesen Verlauf als weniger wahrscheinlich ein, weist aber selbst darauf hin, dass Februar und März 2018 kälter waren als sein Kaltszenario. Ein Winter, wie es ihn vor acht Jahren gab, würde die Reserven also nicht nur aufbrauchen, er würde sie sprengen. Das Bundeswirtschaftsministerium hält nach Medienberichten Speicherstände von 60 bis 70 Prozent in Verbindung mit laufenden Importen grundsätzlich für ausreichend. Diese Einschätzung setzt voraus, dass die Importe an genau den Tagen voll fließen, an denen ganz Europa friert.

Der letzte Teil des Speichers ist im Winter kaum nutzbar

Ein Füllstand von 30 Prozent im Februar klingt nach einem Drittel Reserve. Physikalisch ist das eine Täuschung. Ein Gasspeicher ist kein Tank, den man bis zum letzten Kubikmeter leeren kann. Unter dem sogenannten Arbeitsgas, auf das sich die veröffentlichten Prozentzahlen beziehen, liegt das Kissengas, das dauerhaft im Speicher bleibt, um den Druck zu halten. Es zählt in der Statistik nicht mit. Doch auch das Arbeitsgas lässt sich nicht gleichmäßig entnehmen. Je leerer ein Speicher wird, desto stärker sinkt der Druck im Untergrund und mit ihm die Leistung, mit der Gas an einem Tag herausgeholt werden kann. Besonders ausgeprägt ist das bei Porenspeichern wie Rehden, die ihr Gas in porösem Gestein halten. Bei niedrigen Füllständen bringen sie an kalten Tagen nur noch einen Bruchteil ihrer Nennleistung. In der Praxis bedeutet das: Ein erheblicher Teil des Arbeitsgases, in Branchenkreisen ist von rund einem Fünftel die Rede, steht im tiefsten Winter nicht schnell genug zur Verfügung, wenn er am dringendsten gebraucht wird. Wer im Februar mit 30 Prozent rechnet, rechnet in Wahrheit mit deutlich weniger, denn an einem Tag mit minus zwölf Grad zählt nicht die Menge im Speicher, sondern die Leistung, die er liefern kann.

Warum Leistung wichtiger ist als Menge

Genau hier liegt die Schwäche des Arguments, auf dem Weltmarkt sei ausreichend Gas verfügbar. Das stimmt, wenn man Jahresmengen betrachtet. Über den Winter hinweg kann Deutschland seinen Bedarf aus Norwegen, aus den LNG-Terminals und über die Nachbarländer decken. Die Frage ist nicht, ob genug Gas existiert, sondern ob es an einem einzelnen sehr kalten Tag schnell genug ankommt. Der deutsche Gasverbrauch liegt an solchen Tagen bei rund vier bis fünf Terawattstunden. Pipelines und Terminals haben feste Obergrenzen, die sich nicht kurzfristig erhöhen lassen. Die Differenz zwischen dem, was die Importwege liefern können, und dem, was gebraucht wird, kommt aus den Speichern. Sie sind der Puffer für Spitzenlast, nicht für die Jahresbilanz. Sinkt ihre Leistung, weil sie leer laufen, fehlt dieser Puffer genau dann, wenn alle Nachbarn ebenfalls maximal ziehen. Auch die Speicher in den Nachbarländern sind in diesem Jahr leerer als üblich, und Europas LNG-Terminals sind zwar nur zur Hälfte ausgelastet, aber jede zusätzliche Ladung konkurriert mit Asien um dieselben Tanker. In einer Kältewelle, die ganz Nordwesteuropa gleichzeitig trifft, wird aus dem theoretisch reichlichen Gas ein praktisch knappes.

Die Heizlüfter-Falle

Was in einer solchen Lage passiert, hat der Winter 2022 gezeigt, als die Sorge vor Gasknappheit die Deutschen in die Baumärkte trieb und der Absatz elektrischer Heizlüfter sprunghaft stieg. Der Reflex ist verständlich: Wenn Gas knapp oder teuer wird, heizt man eben mit Strom. Volkswirtschaftlich ist er verheerend. Ein Heizlüfter mit zwei Kilowatt Leistung zieht so viel Strom wie ein ganzer Haushalt im Normalbetrieb. Schalten in einer Kältewelle Millionen Haushalte solche Geräte ein, steigt die Stromnachfrage um mehrere Gigawatt, und zwar abends, wenn die Sonne nicht scheint und die Netze ohnehin am stärksten belastet sind. Diese zusätzliche Last müssen im Winter vor allem Gaskraftwerke decken, weil Wind und Sonne bei Hochdruckwetter mit klirrender Kälte oft ausfallen. Die Gaskraftwerke holen sich ihr Gas aus demselben Netz und denselben Speichern, die man eigentlich schonen wollte. Die Rechnung ist ernüchternd: Ein moderner Gaskessel im Keller wandelt über 90 Prozent der Energie in Wärme um. Ein Gaskraftwerk erreicht bestenfalls rund 60 Prozent, dazu kommen Netzverluste, bevor der Strom im Heizlüfter wieder zu Wärme wird. Für dieselbe warme Stube braucht der Umweg über das Kraftwerk grob das Doppelte an Gas. Wer mit dem Heizlüfter Gas sparen will, verbraucht in Wahrheit mehr davon.

Wenn Stromnetz und Gasnetz gleichzeitig kippen

Die Gefahr endet nicht beim Gasverbrauch. Die Verteilnetze in Wohngebieten sind für die üblichen Lasten ausgelegt, nicht dafür, dass in jeder zweiten Wohnung eines Straßenzugs ein Zwei-Kilowatt-Gerät läuft. Ortsnetztransformatoren und Hausanschlüsse geraten dann an ihre Grenzen, Netzbetreiber warnten schon 2022 vor genau diesem Szenario. Fallen Teile des Stromnetzes aus, stehen auch Gasheizungen still, denn ohne Strom laufen weder Umwälzpumpe noch Steuerung. Umgekehrt droht auf der Gasseite ein Problem, das kaum jemand auf dem Schirm hat. Sinkt der Druck in einem Verteilnetz zu weit ab, schalten Sicherheitseinrichtungen ganze Netzabschnitte ab. Ein solches Netz lässt sich nicht einfach wieder einschalten. Jede Leitung muss entlüftet, jeder Hausanschluss geprüft, jede Gastherme von einem Fachmann neu in Betrieb genommen werden. In einer Großstadt mit Hunderttausenden Gasgeräten dauert das Wochen. Das ist der Grund, warum der Notfallplan Gas Haushalte als geschützte Kunden vor der Industrie bevorzugt: Nicht aus Fürsorge, sondern weil ein zusammengebrochenes Haushaltsnetz die größte Katastrophe wäre. Die Konsequenz ist, dass im Ernstfall zuerst die Industrie abgeschaltet würde, mit allen Folgen für Arbeitsplätze und Lieferketten.

Warum die Politik nicht eingreift

Die Bundesregierung lehnt eine staatliche Befüllung wie 2022 ab. Damals ließ der Marktgebietsverantwortliche im Auftrag des Bundes Gas zu Höchstpreisen einlagern, die Kosten von rund acht Milliarden Euro wurden bis Ende 2025 über eine Umlage auf alle Gaskunden verteilt. Die Erfahrung sitzt tief, und der Wunsch, den Fehler nicht zu wiederholen, ist nachvollziehbar. Auch das Argument, ein staatliches Eingreifen würde die Preise weiter treiben und die Händler zum Abwarten verleiten, hat Gewicht. Die Regierung setzt deshalb auf Pipelineimporte, LNG und die Vernunft des Marktes, und die Bundesnetzagentur forderte die Händler im August lediglich auf, die Speicher rasch aufzufüllen. Am 8. September befasste sich der Wirtschafts- und Energieausschuss des Bundestages in einer Sondersitzung mit der Lage, wie ZDFheute berichtete. Die Gegenposition lautet: Ein Gesetz, das 80 Prozent vorschreibt und dessen Verfehlung folgenlos bleibt, ist kein Gesetz, sondern eine Empfehlung. Und ein Markt, der im Sommer keinen Anreiz zum Einspeichern bietet, funktioniert für Händler, nicht für die Versorgungssicherheit. Die Speicherbranche hat einen Aktionsplan mit Maßnahmen vorgelegt, die die Befüllung stützen sollen, etwa Absicherungen gegen das Preisrisiko. Umgesetzt ist davon bislang nichts.

Was ein kalter Winter kosten würde

Selbst wenn das Gas physisch reicht, droht ein nervöser Winter am Spotmarkt. Bei niedrigen Speichern reagieren die Preise auf jede Kältewelle und jede Meldung aus dem Nahen Osten mit Sprüngen. Diese Preise erreichen die Haushalte mit Verzögerung, aber sie erreichen sie. Stadtwerke, die im Winter zu Spitzenpreisen nachkaufen müssen, geben die Kosten weiter, und Gaskunden, die ihren Vertrag 2027 verlängern, zahlen die Rechnung für das Zögern des Sommers 2026. Für die Industrie ist die Unsicherheit ein Standortnachteil, der sich in Investitionsentscheidungen niederschlägt, lange bevor ein einziger Kubikmeter fehlt. Die Bundesnetzagentur empfiehlt Haushalten weiterhin einen sparsamen Umgang mit Gas, ausdrücklich wegen des erhöhten Preisniveaus. Das ist ein vernünftiger Rat. Er ersetzt aber keine Vorsorge. Die Speicher wurden gebaut, damit Deutschland einen Winter wie 2010 oder 2018 übersteht, ohne dass jemand frieren muss oder Fabriken stillstehen. In diesem Jahr gehen sie mit der niedrigsten Reserve seit Beginn der Aufzeichnungen in die Heizperiode, und die Verantwortung dafür liegt bei niemandem so recht: nicht bei den Händlern, die nur rechnen, nicht bei der Behörde, die nur beobachtet, und nicht bei der Regierung, die auf den Markt vertraut. Ob das gut geht, entscheidet das Wetter. Das ist keine Strategie, das ist ein Wetterbericht.

Bundesnetzagentur, Aktuelle Lage der Gasversorgung in Deutschland (Stand 24. September 2026); Initiative Energien Speichern, INES-Gas-Szenarien, September-Update 2026

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