Arbeit im Alter

Früher Ruhestand kostet die USA jedes Jahr eine Billion Dollar

 Dennis Lenz

Früher Ruhestand kostet die USA jedes Jahr eine Billion Dollar
(Symbolbild) Ökonomen des Schaeffer Center der University of Southern California haben berechnet, was der frühe Ruhestand die Volkswirtschaft kostet. Jede Arbeitskraft erzeugt in den USA demnach rund 230.000 Dollar Wirtschaftsleistung pro Jahr, die mit dem Renteneintritt ersatzlos wegfällt. Bei etwa 3,8 Millionen Amerikanern, die jährlich im Rentenalter aus dem Erwerbsleben ausscheiden, summiert sich der Verlust auf ungefähr eine Billion Dollar, zuzüglich zehntausender Dollar an Transferkosten pro Person. (Foto: © Forschung und Wissen)

Wenn Beschäftigte in den Ruhestand wechseln, verschwindet ihre Arbeitsleistung aus der Volkswirtschaft, doch wie groß dieser Verlust tatsächlich ist, wurde selten so nüchtern beziffert wie jetzt. Ökonomen der University of Southern California haben nachgerechnet: Jedes Jahr, das ein gesunder US-Amerikaner früher in Rente geht, kostet die Wirtschaft rund 230.000 Dollar an Wertschöpfung. Hochgerechnet auf alle Renteneintritte eines Jahres ergibt sich die schwindelerregende Summe von etwa einer Billion Dollar.

Hinter der Rechnung steht das Schaeffer Center der University of Southern California, eine der führenden Denkfabriken für Gesundheits- und Wirtschaftspolitik in den USA. Ausgangspunkt der Analyse ist ein einfaches Gedankenexperiment mit zwei Ehepaaren kurz vor dem Ruhestand: Im ersten Paar hört eine Person auf zu arbeiten, während die andere weitermacht, im zweiten Paar bleiben beide ein weiteres Jahr im Beruf. Der volkswirtschaftliche Wert des längeren Arbeitens ergibt sich aus der Differenz zwischen beiden Szenarien. Die Ökonomen betonen dabei ausdrücklich, dass es ihnen um Menschen geht, die gesund, leistungsfähig und grundsätzlich arbeitswillig sind. Wer aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Pflegeaufgaben ausscheidet, ist von der Betrachtung ebenso ausgenommen wie jede Form von Zwang zu längerer Arbeit.

Die Zahlen selbst stammen nicht aus komplexen Zukunftsmodellen, sondern aus der laufenden amtlichen Statistik, was der Analyse besonderes Gewicht verleiht. Jede vollzeitäquivalente Arbeitskraft erwirtschaftet in den USA im Jahr 2026 eine Wirtschaftsleistung von rund 230.000 Dollar, einschließlich einer bewusst vorsichtigen Korrektur für Wohlfahrtsbeiträge, die in der offiziellen Statistik nicht erfasst werden. Geht eine Person in den Ruhestand, verschwindet dieser Betrag ersatzlos aus der jährlichen Wertschöpfung. Hinzu kommt eine zweite Belastung: Der frisch Verrentete bezieht netto etwa 38.200 Dollar pro Jahr aus der staatlichen Rentenversicherung und der Krankenversicherung für Ältere, die über Steuern finanziert werden müssen, welche ihrerseits wirtschaftliche Aktivität dämpfen.

Wie sich der Verlust auf eine Billion Dollar summiert

Zur gewaltigen Gesamtsumme wird der Einzelfall durch die schiere Zahl der Betroffenen. Rund 3,8 Millionen Amerikaner scheiden nach den Berechnungen des USC Schaeffer Center Jahr für Jahr im Rentenalter aus dem Erwerbsleben aus, und multipliziert man deren entgangene Wertschöpfung, ergibt sich ein jährlicher Verlust von ungefähr einer Billion Dollar. Zum Vergleich: Das entspricht mehr als der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung der Schweiz. Die Autoren rechnen zudem einen dritten, schwerer messbaren Posten hinzu, nämlich die entgangenen Wissenseffekte. Erfahrene Beschäftigte geben Können und Routinen an Kollegen weiter und erhöhen so die Produktivität ganzer Teams und Branchen, ein Beitrag, der mit jedem vorgezogenen Abschied ebenfalls verloren geht.

Was die Rechnung aussagt und wo ihre Grenzen liegen

So eindrucksvoll die Billionen-Zahl ist, so wichtig sind ihre Einschränkungen. Die Analyse beziffert einen volkswirtschaftlichen Durchschnittswert, keinen individuellen Schaden, und sie verrechnet nicht, was Ruheständler jenseits des Arbeitsmarkts leisten, etwa unbezahlte Betreuung von Enkeln, Pflege von Angehörigen oder ehrenamtliches Engagement, deren Wert in keiner Wirtschaftsstatistik auftaucht. Auch der persönliche Gewinn an Lebensqualität, Gesundheit und freier Zeit bleibt außen vor, obwohl er für die Betroffenen der eigentliche Sinn des Ruhestands ist. Die Autoren erheben deshalb ausdrücklich nicht die Forderung nach einem höheren gesetzlichen Rentenalter. Ihr Punkt ist ein anderer: Die Gesellschaft solle Hürden abbauen, die arbeitswillige Ältere am Weiterarbeiten hindern, von starren Altersgrenzen über steuerliche Fehlanreize bis zu Vorbehalten von Arbeitgebern gegenüber älteren Bewerbern.

Warum die Zahl weit über die USA hinausweist

Brisant ist die Rechnung, weil sie in eine Zeit fällt, in der die geburtenstarken Jahrgänge in den westlichen Industrieländern massenhaft in Rente gehen. Die USA erleben derzeit die größte Verrentungswelle ihrer Geschichte, und ähnliche demografische Verschiebungen prägen Japan und weite Teile Europas, wo der Anteil der Älteren an der Bevölkerung noch schneller wächst. Überall dort verschiebt sich das Verhältnis von Beitragszahlern zu Leistungsempfängern, während Fachkräfte fehlen. Die kalifornische Analyse liefert dieser Debatte eine griffige Größenordnung: Der Produktionsfaktor Erfahrung ist zu wertvoll, um ihn allein aus Gewohnheit zu einem festen Stichtag stillzulegen. Zugleich zeigt sie, dass sich Wirtschaftlichkeit und Freiwilligkeit nicht ausschließen müssen, denn schon ein einziges freiwillig angehängtes Arbeitsjahr verändert die Bilanz spürbar.

Welche Stellschrauben Ökonomen jetzt diskutieren

Aus der Diagnose leiten die Forscher konkrete Ansatzpunkte ab. Flexible Übergänge in den Ruhestand, etwa über Teilzeitmodelle und gleitende Arbeitszeitkonten, erlauben es Älteren, Erfahrung weiterzugeben, ohne die volle Belastung eines Vollzeitjobs zu tragen. Weiterbildung bis in die letzten Berufsjahre hält Qualifikationen aktuell und erhöht die Chance, dass Weiterarbeiten überhaupt attraktiv bleibt. Und Steuersysteme, die zusätzliches Einkommen im Rentenalter überproportional belasten, setzen nach Einschätzung der Autoren genau die falschen Anreize. Ob und wie schnell die Politik solche Stellschrauben bewegt, ist offen. Sicher ist nach dieser Analyse nur der Preis des Nichtstuns, und der steht jetzt mit zwölf Nullen im Raum: eine Billion Dollar, Jahr für Jahr.

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