Fortbildungsabsolventen müssen beim Gehalt nicht hinter Hochschulabsolventen zurückbleiben. Eine deutsche Auswertung zeigt, wie stark sich die Einkommen verschiedener Bildungswege überschneiden. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich der Bruttostundenlöhne. Die Ergebnisse widersprechen einer starren Rangfolge, nach der ein Studium wirtschaftlich immer vor einer beruflichen Fortbildung steht.
Ein Meisterbrief und ein Hochschulabschluss öffnen unterschiedliche berufliche Türen. Daraus entsteht jedoch keine feste Reihenfolge auf jeder Gehaltsabrechnung. Fortbildungsabsolventen übernehmen beispielsweise anspruchsvolle Fachaufgaben, organisieren Arbeitsabläufe oder tragen Personalverantwortung. Ihr Einkommen hängt damit nicht nur vom ursprünglichen Ausbildungsberuf ab, sondern auch von der späteren Tätigkeit. Eine neue Auswertung betrachtet diesen Bildungsweg genauer und vergleicht ihn mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung ohne anschließende Aufstiegsfortbildung sowie mit Hochschulabschlüssen. Der interessante Punkt ist nicht allein, welche Gruppe im Durchschnitt oder in der Mitte vorn liegt. Ebenso wichtig ist, wie weit die Einkommen innerhalb der Gruppen auseinandergehen. Wer nur vier typische Werte nebeneinanderstellt, übersieht möglicherweise zahlreiche Beschäftigte, deren tatsächlicher Verdienst nicht zur vermeintlich eindeutigen Hierarchie passt. Genau diese Überschneidungen machen den Vergleich für die Diskussion über berufliche Karrierewege besonders relevant.
Mit Fortbildung ist in diesem Zusammenhang nicht jeder kurze Kurs gemeint. Untersucht wird die Höhere Berufsbildung, die auf einer anerkannten Berufsausbildung aufbaut und zu weiterführenden beruflichen Abschlüssen führt. Meister, Techniker und Fachwirte sind Beispiele für solche Wege. Die Unterscheidung ist wichtig, weil ein zusätzliches Seminar und eine umfangreiche Aufstiegsqualifikation nicht dieselbe Aussage über Kompetenzen oder berufliche Möglichkeiten erlauben. Auch die akademische Vergleichsgruppe ist keineswegs einheitlich. Studienfach, Berufserfahrung und konkrete Beschäftigung können sich erheblich unterscheiden. Deshalb beantwortet die Untersuchung zunächst eine Frage über beobachtete Erwerbsverhältnisse. Sie ist kein Experiment, in dem ansonsten identische Menschen zufällig entweder eine Fortbildung oder ein Studium absolvieren. Ihre Stärke liegt darin, verbreitete Vorstellungen mit tatsächlichen Einkommensverteilungen zu vergleichen, ohne aus einem Abschluss automatisch eine für jeden Menschen gleiche wirtschaftliche Wirkung abzuleiten.
Die Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft verwendet unter anderem die Erwerbstätigenbefragung von 2024. Bei abhängig Beschäftigten mit Fortbildungsabschluss beträgt der mittlere Bruttostundenlohn 26,78 Euro. Mit Berufsausbildung ohne zusätzlichen Fortbildungsabschluss sind es 19,93 Euro. Die entsprechenden Werte für Fachhochschulabsolventen und Universitätsabsolventen liegen bei 28,57 beziehungsweise 30,81 Euro. Gemeint ist jeweils der Median: Eine Hälfte der betreffenden Gruppe verdient weniger, die andere mehr. Der Abstand zwischen Fortbildungsabsolventen und Universitätsabsolventen beträgt damit in der Mitte der Verteilung rund vier Euro je Stunde. Das ist ein Unterschied, aber keine unüberwindbare Einkommensgrenze zwischen beiden Bildungswegen. Bereits die Art der Kennzahl macht deutlich, weshalb einzelne Beschäftigte deutlich oberhalb oder unterhalb ihres jeweiligen Gruppenwerts liegen können.
Besonders anschaulich wird das bei der Überschneidung der Verteilungen. Rund ein Drittel der Fortbildungsabsolventen verdient mehr als der Median der Universitätsabsolventen. Gut 40 Prozent liegen über dem entsprechenden Wert der Fachhochschulabsolventen. Das bedeutet nicht, dass diese Personen mehr als jeder Akademiker verdienen. Sie übertreffen den typischen mittleren Vergleichswert. Ein gedankliches Beispiel verdeutlicht die Logik: Selbst wenn eine Gruppe insgesamt etwas höhere Löhne besitzt, können viele Angehörige der anderen Gruppe oberhalb ihrer Mitte liegen. Die Durchschnittsrangfolge und die individuelle Rangfolge sind deshalb zwei unterschiedliche Aussagen. Für die Bewertung beruflicher Bildungswege ist das entscheidend. Eine statistisch niedrigere Gruppenmitte schließt ein hohes individuelles Einkommen nicht aus. Umgekehrt schützt eine höhere Gruppenmitte niemanden davor, in einem geringer vergüteten Beruf oder einer schlechter bezahlten Position zu arbeiten.
Der Vergleich über den Stundenlohn verringert ein grundlegendes Problem von Monatsgehältern: Unterschiedliche Arbeitszeiten können den Eindruck verschiedener Verdienstmöglichkeiten verzerren. Ein höherer Monatsbetrag kann aus besserer Bezahlung entstehen, aber ebenso aus mehr geleisteten Stunden. Für eine Frage nach der Vergütung von Arbeit ist es daher sinnvoll, die Zeit einzubeziehen. Trotzdem beantwortet auch der Bruttostundenlohn nicht jede wirtschaftliche Frage eines Haushalts. Er sagt nichts Abschließendes über verfügbare Nettoeinkommen, zusätzliche Einkommensquellen oder die Kosten am Wohnort. Ebenso bleiben unterschiedliche Erwerbsunterbrechungen und Arbeitszeitwünsche außerhalb eines einzelnen Stundenwerts. Ein Bildungsweg kann deshalb für zwei Menschen mit ähnlichem Stundenlohn zu verschiedenen finanziellen Lebensverläufen führen. Die Zahlen sind am aussagekräftigsten, wenn sie für den Zweck verwendet werden, für den sie berechnet wurden: als Vergleich beobachteter Vergütung pro Arbeitsstunde, nicht als vollständige Bilanz eines gesamten Berufslebens.
Zwischen den mittleren Stundenlöhnen mit und ohne Fortbildungsabschluss liegt ein Unterschied von ungefähr einem Drittel. Daraus folgt jedoch nicht, dass derselbe Beschäftigte durch eine Fortbildung automatisch genau diesen Zuschlag erhalten würde. Eine solche Aussage müsste berücksichtigen, wie sein Berufsleben ohne die zusätzliche Qualifikation verlaufen wäre. Menschen, die eine Aufstiegsfortbildung absolvieren, können sich bereits vorher in Erfahrung, beruflichen Zielen oder Beschäftigungsmöglichkeiten unterscheiden. Auch die später übernommene Aufgabe spielt eine Rolle. Das ist keine Widerlegung des möglichen Nutzens einer Fortbildung, sondern eine Grenze des einfachen Gruppenvergleichs. Die beobachtete Lücke setzt sich möglicherweise aus mehreren Einflüssen zusammen. Eine kausale Bildungsrendite wäre dagegen jener Anteil, der tatsächlich auf die zusätzliche Qualifikation zurückgeht. Für diese engere Frage wären geeignete Vergleichsgruppen oder längere individuelle Erwerbsverläufe nötig, statt lediglich die aktuellen Einkommen verschiedener Abschlussgruppen nebeneinanderzustellen.
Auch der finanzielle Aufwand einer Qualifikation gehört in eine individuelle Renditerechnung. Dabei wären nicht nur unmittelbare Ausgaben, sondern gegebenenfalls auch entgangenes Einkommen während einer Lernphase zu berücksichtigen. Das lässt sich anhand des vorliegenden Stundenlohnvergleichs nicht pauschal beziffern. Eine berufsbegleitende Fortbildung schafft eine andere Ausgangssituation als eine längere Unterbrechung der Erwerbstätigkeit. Ähnlich unterscheiden sich verschiedene Studienwege. Eine belastbare Rechnung müsste deshalb mit einem konkreten Ablauf arbeiten und dürfte nicht einfach den späteren Lohnabstand mit sämtlichen verbleibenden Berufsjahren multiplizieren. Schon kleine Unterschiede bei Arbeitszeit, Beschäftigungsdauer und Aufstieg verändern das Ergebnis. Der Report liefert dafür einen wichtigen Baustein, aber keine universelle Antwort. Er zeigt erreichbare Einkommensbereiche in bestehenden Beschäftigungsverhältnissen. Welche Kosten und zusätzlichen Chancen auf dem Weg dorthin entstehen, bleibt eine weitere, eigenständig zu untersuchende Frage.
Das vollständige Gutachten zu den Karriereperspektiven betrachtet neben dem Einkommen auch anspruchsvollere Aufgaben und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Damit wird eine weitere Schwäche der bloßen Gegenüberstellung von Studium und Ausbildung sichtbar: Eine berufliche Laufbahn endet nicht zwangsläufig mit dem ersten Abschluss. Ein Beschäftigter kann sein Aufgabenfeld erweitern und mehr Verantwortung übernehmen, ohne den ursprünglichen Bildungsweg durch ein Vollzeitstudium zu ersetzen. Umgekehrt bedeutet Verantwortung nicht automatisch Personalführung. Auch die Steuerung komplexer Abläufe oder eine spezialisierte Fachfunktion kann eine eigenständige Karriere darstellen. Für die Interpretation der Einkommensdaten ist deshalb die spätere Tätigkeit wichtig. Ein höherer Abschluss und ein anspruchsvollerer Arbeitsplatz treten häufig gemeinsam auf, beschreiben aber unterschiedliche Dinge. Die Qualifikation eröffnet Möglichkeiten; die konkrete Beschäftigung bestimmt mit, welche davon tatsächlich genutzt und vergütet werden.
Die dargestellten Stundenlohnverteilungen beziehen sich auf abhängig Beschäftigte. Selbstständige sind in diesem Vergleich nicht enthalten. Das verhindert, dass sehr unterschiedlich erfasste Arbeitszeiten und Einkommen ohne ausreichende Vergleichbarkeit miteinander vermischt werden. Zugleich begrenzt es die Aussage: Der Report bildet mit dieser Grafik nicht sämtliche wirtschaftlichen Wege ab, die nach einem Fortbildungsabschluss möglich sind. Ein selbst geführter Betrieb kann hohe Erträge, aber auch erhebliche Kosten und Risiken besitzen. Solche Ergebnisse lassen sich nicht sinnvoll wie ein vertraglich vereinbarter Arbeitnehmerlohn behandeln. Ebenfalls wichtig ist der Unterschied zwischen beschäftigten Absolventen und allen Personen, die jemals einen entsprechenden Abschluss erworben haben. Eine Einkommensverteilung unter Erwerbstätigen beantwortet zunächst die Frage nach deren Bezahlung. Für eine umfassende Bewertung müssten zusätzlich Beschäftigungswahrscheinlichkeit, Erwerbsunterbrechungen und die Entwicklung über die Zeit betrachtet werden. Keine einzelne Kennzahl kann diese unterschiedlichen Dimensionen vollständig ersetzen.
Erstellt wurde das Gutachten im Auftrag der Industrie- und Handelskammern in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Dieser Auftrag gehört zur Einordnung einer Untersuchung, die berufliche Fortbildung als eigenständigen Karriereweg betrachtet. Entscheidend bleiben die verwendeten Daten und die Grenzen ihrer Interpretation. Aus ihnen lässt sich weder eine allgemeine Überlegenheit der Fortbildung noch eine pauschale Abwertung des Studiums ableiten. Belastbar ist eine andere Aussage: Die Einkommen beider Wege überschneiden sich erheblich. Ein akademischer Abschluss bildet deshalb keine feste Trennlinie zwischen gut und weniger gut bezahlter Arbeit. Für den Arbeitsmarkt ist die Verbindung aus Qualifikation, Tätigkeit und Erfahrung aussagekräftiger als eine einfache Rangliste von Abschlussnamen. Gerade darin liegt die überraschende Konsequenz des Vergleichs. Die wirtschaftliche Perspektive einer beruflichen Laufbahn kann deutlich weiter reichen, als es der Blick auf den ersten Ausbildungsabschluss vermuten lässt.