Deutschland

Wissenschaftler kritisieren symbolische Corona-Maßnahmen

Robert Klatt

Wissenschaftler der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) kritisieren in einem offenen Brief die Corona-Maßnahmen der Regierung. Viele Verbote sind laut den Experten nur Symbolpolitik ohne nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen, während wesentliche Erkenntnisse der Forschungsarbeit noch immer nicht umgesetzt wurden.

Berlin (Deutschland). Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) hat in einem offenen Brief (PDF) als Reaktion auf die Diskussion um bundeseinheitliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie die „symbolischen Corona-Maßnahmen“ der Regierung in Deutschland kritisiert.

„Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert“, heißt es in dem Brief, der an die Bundesregierung und an die Landesregierungen verschickt wurde. Inzwischen gilt es in der Forschung als sicher, dass sich das Virus vor allem in Innenräumen über Aerosole in der Luft verbreitet.

Wissenschaftliche Erkenntnisse nicht umgesetzt

„Leider werden bis heute wesentliche Erkenntnisse unserer Forschungsarbeit nicht in praktisches Handeln übersetzt“, kritisieren die Wissenschaftler der GAeF. Gefordert werden in dem offenen Brief Maßnahmen, die in Wohnungen, Büros, Klassenräumen, Wohnanlagen und Betreuungseinrichtungen die Aerosolbelastung reduzieren. Sinnvoll sind hierfür Luftfilter, die laut einer Studie der Universität der Bundeswehr München bis zu 99,995 Prozent aller Aerosole (0,1 - 0,3 μm) aus der Raumluft entfernen. Dies verhindert Ansteckungen von Menschen, die sich nicht direkt mit einer infektiösen Person getroffen haben, sondern nur nach ihr in einem schlecht belüfteten Raum waren.

Aufenthalt in Biergärten unproblematisch

Maßnahmen, die Freiluftaktivitäten wie Radfahren und Joggen oder Aufenthalten in Biergärten untersagen, sind laut der GAeF hingegen kontraproduktiv. Als Beispiel nennen die Wissenschaftler die Maskenpflicht beim Joggen an Alster und Elbe in Hamburg, die laut ihnen eher Symbolpolitik ist und „keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen“ hat.

In ihrem Brief schreiben die Wissenschaftler überdies, dass Übertragungen von SARS-CoV-2 im Freien nur im Promille-Bereich liegen. Es ist demnach nicht sinnvoll die begrenzten Ressourcen für Maßnahmen in diesem Bereich zu verwenden. Auch sogenannte Cluster, bei denen sich viele Menschen gleichzeitig anstecken, erfolgen laut der GAeF nicht im Freien, sondern in Innenräumen von Heimen und Schulen oder bei Veranstaltungen und Busfahrten.

Ausgangssperren haben keine Wirkung

Auch die in einigen Städten bereits umgesetzten Ausgangssperren werden aus Sicht der Wissenschaftler kaum zu weniger Infektionen beitragen. „Die heimlichen Treffen in Innenräumen werden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen. In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen“, erklären sie in dem offenen Brief.

Stattdessen sollten Treffen in Innenräumen so kurz so möglich gehalten werden. Dabei können regelmäßiges Stoß- oder Querlüften zu ähnlichen Bedingungen wie im Freien führen und damit das Infektionsrisiko signifikant reduzieren. In Räumen, in denen sich Menschen länger aufhalten, sollten außerdem effektive Masken und Raumluftreiniger genutzt werden.

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