Präparate aus der Apotheke

Vitamin D und Kalzium schützen kaum vor Knochenbrüchen im Alter

 Dennis Lenz

Vitamin D und Kalzium schützen kaum vor Knochenbrüchen im Alter
(Symbolbild) Vitamin D und Kalzium werden vor allem von älteren Menschen eingenommen, um Knochenbrüchen und Stürzen vorzubeugen. Eine Metaanalyse von 69 randomisierten Studien mit 153.902 Teilnehmern fand dafür jedoch keinen klinisch bedeutsamen Nutzen. Die Ergebnisse gelten nicht für Menschen mit Osteoporose-Therapie oder nachgewiesenem Mangel. Fachleute sehen in Kraft- und Gleichgewichtstraining den wirksameren Schutz. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Vitamin D und Kalzium gehören zu den am weitesten verbreiteten Nahrungsergänzungsmitteln, vor allem bei Menschen ab 65 Jahren, die sich vor Knochenbrüchen schützen wollen. Eine Metaanalyse von 69 randomisierten Studien mit 153.902 Teilnehmern stellt diese Hoffnung nun grundlegend infrage. Weder die einzelnen Präparate noch ihre Kombination senkten das Risiko für Brüche oder Stürze in einem Ausmaß, das die Forscher als klinisch bedeutsam einstufen. Zu Beginn der dunklen Jahreszeit, wenn viele Menschen wieder zu Vitamin-D-Tabletten greifen, gewinnt der Befund besondere Bedeutung.

Vitamin D ist streng genommen kein klassisches Vitamin, denn der Körper stellt es zum größten Teil selbst her. Die Haut bildet es unter dem Einfluss der UVB-Strahlung des Sonnenlichts, anschließend wandeln Leber und Nieren es in seine wirksame Form um. Im Knochenstoffwechsel sorgt es dafür, dass der Darm Kalzium aufnimmt und die Knochen härten. In Deutschland reicht die Sonne allerdings nur etwa von März bis September für eine nennenswerte Eigenbildung aus; von Oktober bis März steht sie zu tief, und der Körper zehrt von den Vorräten, die er im Sommer in Fett- und Muskelgewebe angelegt hat. Bundesweite Blutmessungen ergaben, dass rund 30 Prozent der Erwachsenen mangelhaft mit Vitamin D versorgt sind. Im Alter verschärft sich die Lage, weil die Haut dann weniger als die Hälfte der Menge bilden kann, die sie in jungen Jahren herstellt. Genau deshalb gilt die Einnahme von Vitamin D, oft zusammen mit Kalzium, seit Jahrzehnten als einfacher Schutz für alternde Knochen.

Der Schutz vor Knochenbrüchen ist dabei alles andere als eine Nebensache. Fast ein Drittel der Menschen ab 65 Jahren stürzt mindestens einmal im Jahr, und viele dieser Stürze enden mit einer Fraktur, die Schmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit und nicht selten den Umzug in eine Pflegeeinrichtung nach sich zieht. Ärzte, Leitlinien und Behörden empfehlen Vitamin D deshalb vielfach zur Vorbeugung, und die Zahl der Verordnungen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Frühere Übersichtsarbeiten kamen jedoch zu widersprüchlichen Ergebnissen, vor allem bei der Kombination beider Präparate und bei der Frage, ob Vitamin D Stürze verhindert. Ein Team um den Krankenhausapotheker Olivier Massé aus Montreal wollte diese Unsicherheit ausräumen und hat die gesamte verfügbare Studienlage neu bewertet, wie aus einer Mitteilung der BMJ Group zur Veröffentlichung hervorgeht, die bereits im Mai erschien und im September erneut breit aufgegriffen wurde.

Was 69 Studien über Vitamin D und Knochenbrüche zeigen

Die Forscher schlossen ausschließlich randomisierte kontrollierte Studien ein, also Untersuchungen, in denen der Zufall entschied, wer ein Präparat erhielt und wer ein Scheinpräparat oder gar nichts. Dieses Vorgehen gilt als Goldstandard, weil es verhindert, dass gesündere Menschen häufiger zur Tablette greifen und das Ergebnis verfälschen. Insgesamt flossen 69 solcher Studien mit 153.902 Erwachsenen in die Metaanalyse im Fachjournal The BMJ ein, die damit zu den umfangreichsten ihrer Art zählt. Kalzium allein wurde in 11 Studien mit 9.067 Teilnehmern geprüft, Vitamin D allein in 36 Studien mit 92.045 Teilnehmern und die Kombination in 15 Studien mit 51.126 Teilnehmern. Vor der Auswertung legte das Team fest, ab welcher Risikosenkung ein Effekt für Patienten tatsächlich spürbar wäre. In keiner der drei Gruppen wurde diese Schwelle für Knochenbrüche insgesamt erreicht; für Vitamin D allein und für die Kombination stuften die Autoren die Beweislage sogar als hoch sicher ein.

Auch Hüftfrakturen und Stürze bleiben gleich häufig

Besonders gefürchtet sind Brüche des Oberschenkelhalses, weil sie bei älteren Menschen oft den Verlust der Selbstständigkeit bedeuten. Auch bei diesen Hüftfrakturen fanden die Forscher keinen bedeutsamen Schutz, ebenso wenig bei der Zahl der Stürze, und zwar überwiegend auf Grundlage mäßig bis hoch sicherer Evidenz. Die Kombination aus Vitamin D und Kalzium ging zwar mit einem statistisch messbar geringeren Frakturrisiko einher, der Unterschied blieb aber so klein, dass er unter der vorab definierten Schwelle für einen klinischen Nutzen lag. Der Hintergrund dieser Unterscheidung ist wichtig: Eine relative Risikosenkung klingt oft beeindruckend, auch wenn sich das absolute Risiko eines einzelnen Menschen nur um Bruchteile eines Prozentpunkts verändert. Das Ergebnis blieb stabil, als die Forscher nach Alter, Geschlecht, früheren Brüchen und Stürzen sowie der Kalziumaufnahme über die Nahrung unterschieden. Die Teilnehmer waren im Mittel 71 Jahre alt und wurden im Median zwei Jahre lang beobachtet, ein Zeitraum, in dem ein wirksamer Schutz sichtbar werden müsste.

Für wen die Ergebnisse nicht gelten

Die Metaanalyse beschreibt vor allem ältere Menschen, die selbstständig leben: 87 Prozent der Teilnehmer wohnten im eigenen Haushalt, 73 Prozent hatten kein erhöhtes Risiko für Brüche oder Stürze. Auf Menschen mit bestimmten Knochenerkrankungen, auf Patienten, die wegen Osteoporose Medikamente erhalten, und auf Menschen, die dauerhaft Kortison einnehmen, lassen sich die Ergebnisse nach Angaben der Autoren nicht übertragen. Bei Osteoporose-Medikamenten ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D und Kalzium häufig Teil der Therapie. Auch für Bewohner von Pflegeheimen und für Menschen mit ärztlich nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel liefert die Arbeit keine eindeutige Antwort. Einige Teilanalysen stützten sich zudem nur auf wenige Studien und Teilnehmer und sind entsprechend vorsichtig zu lesen. Wer Präparate auf ärztliche Verordnung einnimmt, sollte sie daher nicht eigenmächtig absetzen, sondern die Frage beim nächsten Arzttermin klären. Die Aussage der Studie betrifft die routinemäßige Einnahme zur Vorbeugung in der breiten Bevölkerung, nicht die gezielte Behandlung.

Was Knochenbrüche im Alter tatsächlich verhindert

Die Autoren folgern, dass ihre Daten eine routinemäßige Einnahme von Kalzium, Vitamin D oder beidem zur Vorbeugung von Brüchen und Stürzen nicht stützen, und fordern Ärzte, Leitliniengremien und Behörden auf, ihre allgemeinen Empfehlungen zu überprüfen. In einem begleitenden Kommentar im selben Journal verweisen Fachleute auf Maßnahmen, deren Nutzen deutlich besser belegt ist. Dazu gehört gezieltes Gleichgewichtstraining, das die Standfestigkeit verbessert und Stolpern abfängt, bevor es zum Sturz wird. Krafttraining erhält die Muskulatur, die Knochen und Gelenke stützt, und setzt zugleich mechanische Reize, auf die Knochen mit Aufbau reagieren. Besonders wirksam sind Programme, die mehrere Bausteine verbinden und auf das persönliche Risiko zugeschnitten sind: Übungen, die Überprüfung der Wohnung auf Stolperfallen, gut sitzende Schuhe, Sehtests und die Durchsicht von Medikamenten, die Schwindel auslösen können. Die Kommentatoren empfehlen, Aufmerksamkeit und Fördergeld stärker auf solche Ansätze zu lenken. Für Menschen mit hohem Risiko fordern sie zusätzlich große, gut geplante Studien zur Supplementierung.

Vitamin D in der dunklen Jahreszeit

Für den kommenden Winter bedeutet der Befund nicht, dass Vitamin D unwichtig wäre. Ein ausgeprägter und anhaltender Mangel kann den Knochen tatsächlich schaden, bei Kindern bis hin zur Rachitis und bei Erwachsenen bis zur Knochenerweichung. Die Metaanalyse zeigt jedoch, dass die zusätzliche Einnahme bei Menschen ohne nachgewiesenen Mangel und ohne besonderes Risiko kaum einen Unterschied bei Knochenbrüchen macht. Der Körper überbrückt die sonnenarmen Monate zu einem guten Teil mit seinen Speichern, sofern die Haut im Sommer regelmäßig Sonne bekommen hat. Als Schätzwert für eine angemessene Zufuhr, wenn die Haut gar nichts bildet, gelten in Deutschland 20 Mikrogramm pro Tag; eine allgemeine Empfehlung für gesunde Erwachsene, deshalb vorsorglich Präparate zu schlucken, gibt es hierzulande nicht. Ob ein Mangel vorliegt, lässt sich über eine Blutuntersuchung feststellen. Die Botschaft der Forscher aus Montreal lautet damit weniger, Vitamin D zu meiden, als realistische Erwartungen an eine Tablette zu haben, die viele für einen Rundumschutz gegen Brüche halten.

The BMJ, Calcium, vitamin D, or combined supplementation to prevent fractures and falls: systematic review and meta-analysis; doi:10.1136/bmj-2025-088050

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