Demografischer Wandel

Untersterblichkeit in Deutschland trotz Covid-19-Pandemie

Robert Klatt

Laut einer neuen Berechnung von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Essen gab es in Deutschland im Jahr 2020 trotz der Covid-19-Pandemie eine Untersterblichkeit und keine Übersterblichkeit.

Essen (Deutschland). Laut einer Berechnung des Statistischen Bundesamts (Destatis) gab es in Deutschland im Jahr 2020 eine Übersterblichkeit von knapp fünf Prozent. Diese ermittelten die Statistiker anhand der Anzahl der Todesfälle im Jahr 2020 (982.489), die über dem Mittel der vorherigen vier Jahre (934.389) lagen. In Deutschland gab es demnach eine Übersterblichkeit von 48.100 Personen.

Ein Team um Bernd Kowall vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) am Universitätsklinikum Essen widerspricht nun dieser Berechnungsmethode. „Es reicht jedoch nicht aus, sich allein auf die Nettozahlen der Todesfälle zu stützen“, so Kowall. Stattdessen müssen laut dem Wissenschaftler auch Aspekte wie der demografischen Wandel bei der Berechnung der Über- und Untersterblichkeit berücksichtigt werden. Dies ist ins besonders aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und der hohen Anzahl älterer Menschen in Deutschland relevant.

Höhere Sterblichkeit durch demografischen Wandel

„Im Jahr 2020 gab es mit 5,8 Millionen über 80-Jährigen eine Million mehr als im Jahre 2016. Und dann erwarten sie natürlich allein aufgrund dessen eine höhere Sterblichkeit, selbst wenn es keine Pandemie gegeben hätte. Und das müssen sie natürlich mit rausrechnen“, erklärte Kowall gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk (mdr).

Auch das ifo Institut hat eine Studie veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen dem demografischen Wandel und der vermeintlichen Übersterblichkeit betrachtet. „Da die Zahl und der Anteil der Personen in den hohen Altersgruppen wegen des demografischen Wandels zunimmt, sollte schon allein aus diesem Grund wegen der fortschreitenden Alterung im Zeitablauf ein Anstieg der Todesfälle gegenüber dem Referenzzeitraum festzustellen sein“, erklärt darin Joachim Ragnitz. Laut Ragnitz sollte die Sterbewahrscheinlichkeit deshalb die unterschiedlichen Altersgruppen und nicht die absolute Anzahl der Todesfälle als Berechnungsgrundlage nutzen.

Keine Übersterblichkeit in Deutschland

Die Wissenschaftler um Kowall haben deshalb auf Basis ihrer Methode erneut berechnet, ob es während der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 in Deutschland eine Über- oder Untersterblichkeit gab. Laut ihrer Publikation im Fachmagazin PLOS ONE gab es über das gesamte Jahr 2020 keine Übersterblichkeit. Die Studie der Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Essen bestätigt damit die Ergebnisse der Studie des ifo Instituts und kommt sogar zu dem Ergebnis, dass es trotz 34.000 Personen, die an Covid-19 verstarben, eine minimale Untersterblichkeit von 2,4 Prozent gab.

Weniger Verkehrstote im Lockdown

Verantwortlich für diesen Rückgang sind laut der Studie verschiedene Gründe. Es sind beispielsweise kaum Menschen an der saisonalen Grippe gestorben, die aufgrund der Pandemie-Maßnahmen fast vollständig ausgeblieben ist. Außerdem gab es indirekte Effekte wie einen deutlichen Rückgang der Todesfälle im Straßenverkehr während des ersten Lockdowns.

Die Wissenschaftler erklären überdies, dass viele Menschen mit Vorerkrankungen auch ohne Covid-10 zeitnah verstorben wäre. Dies zeigt sich auch am Medianalter der an oder mit Covid-19 Verstorbenen, das in Deutschland im Jahr 2020 bei über 80 Jahren lag.

„Statistisch gesehen haben gesundheitlich vorbelastete Menschen in einem hohen Alter auch ohne SARS-CoV-2-Infektion eine deutlich reduzierte Lebenserwartung“, so die Autoren. Menschen, die trotz einer solchen Prognose mit einer Covid-19-Infektion verstarben, haben laut den Wissenschaftlern demnach keinen Anteil an der Übersterblichkeit.

PLOS ONE, doi: doi.org/10.1371/journal.pone.0255540

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