Riskante Notfallchirurgie

Untergewicht erhöht das Sterberisiko nach Notoperationen um 92 Prozent

 Dennis Lenz

Untergewicht erhöht das Sterberisiko nach Notoperationen um 92 Prozent
(Symbolbild) Bei Notoperationen am Bauch hängt das Risiko stark vom Zustand des Patienten ab. Untergewicht und Gebrechlichkeit erwiesen sich in einer großen Auswertung als besonders gefährliche Kombination. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Bei Operationen gilt starkes Übergewicht gemeinhin als Risikofaktor. Eine Auswertung von mehr als 334.000 Notoperationen in den USA zeigt jedoch, dass vor allem Untergewicht gefährlich ist: Untergewichtige Patienten hatten eine um 92 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, nach dem Eingriff zu sterben, als normalgewichtige. Besonders kritisch wird es, wenn ein weiterer Faktor hinzukommt. In dieser Gruppe starb fast jeder zehnte Patient.

Notoperationen im Bauchraum gehören zu den risikoreichsten Eingriffen der Chirurgie. Anders als bei geplanten Operationen bleibt kaum Zeit, den Patienten vorzubereiten, Vorerkrankungen zu behandeln oder den Ernährungszustand zu verbessern. Typische Anlässe sind eine akute Blinddarmentzündung, eine entzündete Gallenblase, ein eingeklemmter Bruch oder ein Darmverschluss. Die Chirurgen fassen solche Eingriffe unter dem Begriff allgemeine Notfallchirurgie zusammen. Wie gut ein Patient eine Notoperation übersteht, hängt nicht nur vom Eingriff selbst ab, sondern auch von seinen körperlichen Reserven. Genau diese Reserven standen im Mittelpunkt einer neuen Untersuchung unter Leitung der University of Chicago. Die Forscher wollten wissen, wie sich Untergewicht und Gebrechlichkeit, jeweils für sich und in Kombination, auf das Sterberisiko nach einer Notoperation auswirken. Ihre Ergebnisse stellen sie auf dem Clinical Congress 2026 des American College of Surgeons in Washington vor.

Als untergewichtig gilt nach der Einteilung der Weltgesundheitsorganisation ein Erwachsener mit einem Body-Mass-Index unter 18,5, also einem im Verhältnis zur Körpergröße sehr geringen Körpergewicht. Gebrechlichkeit, in der Fachsprache Frailty, beschreibt dagegen einen Zustand verminderter körperlicher Belastbarkeit, der häufig mit dem Alter, mit chronischen Erkrankungen oder mit Muskelschwund einhergeht. Beide Merkmale überschneiden sich zwar, sind aber nicht dasselbe. Ein schlanker Mensch kann körperlich sehr belastbar sein, und ein gebrechlicher Mensch kann normal oder sogar übergewichtig sein. In der Chirurgie wird seit Jahren über das sogenannte Adipositas-Paradox diskutiert. Mehrere Studien fanden, dass übergewichtige Patienten nach bestimmten Eingriffen nicht schlechter oder sogar besser abschneiden als normalgewichtige, während Untergewichtige auffällig oft Komplikationen erleiden. Die neue Untersuchung liefert dazu nun Daten aus einer außergewöhnlich großen Patientengruppe.

Wie groß ist das Sterberisiko nach einer Notoperation?

Grundlage der Untersuchung war das National Surgical Quality Improvement Program des American College of Surgeons, ein Register, in dem teilnehmende Kliniken standardisierte Daten zu Operationen und deren Verlauf erfassen. Die Forscher werteten die Daten von 334.278 Erwachsenen aus, die zwischen 2019 und 2024 eine allgemeinchirurgische Notoperation erhalten hatten. Anschließend verglichen sie die Sterblichkeit nach dem Eingriff zwischen Gruppen mit unterschiedlichem Körpergewicht und unterschiedlichem Grad an Gebrechlichkeit. Dabei berücksichtigten sie weitere klinische Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen können. Nach dieser Bereinigung hatten untergewichtige Patienten die höchste Sterbewahrscheinlichkeit, ihre Chance zu sterben lag um 92 Prozent über der von normalgewichtigen, nicht gebrechlichen Patienten. Gebrechlichkeit allein erhöhte die Wahrscheinlichkeit zu sterben um 59 Prozent. Einzelheiten zur Studie finden sich in der Mitteilung des American College of Surgeons, die am 25. September veröffentlicht wurde.

Untergewicht und Gebrechlichkeit als gefährliche Kombination

Am schlechtesten schnitten Patienten ab, die sowohl untergewichtig als auch gebrechlich waren. In dieser Gruppe lag die Sterblichkeit nach der Notoperation bei fast 10 Prozent, und auch andere schwere Komplikationen traten häufiger auf. Die Forscher sprechen von einem sich gegenseitig verstärkenden Risiko, denn beide Faktoren zehren an denselben körperlichen Reserven. Ein geringes Körpergewicht bedeutet oft wenig Muskelmasse und geringe Energiespeicher, die der Körper nach einer schweren Operation für die Wundheilung, die Abwehr von Infektionen und die Erholung braucht. Kommt eine allgemein verminderte Belastbarkeit hinzu, kann der Organismus die zusätzliche Belastung durch Narkose, Eingriff und Entzündung kaum noch ausgleichen. Die Ergebnisse passen zu früheren Auswertungen, nach denen untergewichtige Patienten nach Notoperationen die höchste Sterbewahrscheinlichkeit aller Gewichtsgruppen hatten, darunter eine Studie zum Adipositas-Paradox in der Notfallchirurgie aus der Fachzeitschrift The American Surgeon.

Was steckt hinter dem Adipositas-Paradox?

Dass Übergewicht bei Operationen nicht automatisch schadet und Untergewicht besonders riskant ist, klingt zunächst widersprüchlich. Fachleute diskutieren mehrere Erklärungen. Zum einen kann ein niedriges Körpergewicht Ausdruck einer schweren Grunderkrankung sein, etwa einer Krebserkrankung, einer chronischen Entzündung oder einer Mangelernährung. In diesem Fall wäre nicht das Gewicht selbst gefährlich, sondern die Erkrankung, die zu ihm geführt hat. Zum anderen verfügen Menschen mit höheren Reserven an Fett und Muskelmasse möglicherweise über mehr Energie, um die Stressreaktion nach einem großen Eingriff zu bewältigen. Allerdings ist das Paradox umstritten, und manche Untersuchungen fanden für stark übergewichtige Patienten durchaus mehr Komplikationen wie Wundinfektionen. Die neue Studie verdeutlicht vor allem, dass das Körpergewicht allein zu wenig aussagt. Erst in Verbindung mit einer Einschätzung der körperlichen Belastbarkeit ergibt sich ein realistisches Bild des Risikos.

Welche Konsequenzen die Chirurgen daraus ziehen

Nach Ansicht der Autoren sollten Chirurgen bei Notoperationen neben dem Gewicht systematisch auch die Gebrechlichkeit ihrer Patienten erfassen. Beide Informationen lassen sich rasch erheben und könnten helfen, besonders gefährdete Patienten schon vor dem Eingriff zu erkennen, die Aufklärung über Risiken genauer zu gestalten und die Nachsorge zu verstärken, etwa durch eine engere Überwachung oder eine frühe Ernährungstherapie. Zu berücksichtigen ist, dass es sich um eine rückblickende Auswertung von Registerdaten handelt, die Zusammenhänge zeigt, aber keine Ursachen belegt. Zudem wurde die Arbeit bislang als Kongressbeitrag vorgestellt, der von einem Programmkomitee ausgewählt, aber noch nicht von einer Fachzeitschrift begutachtet wurde. Ob gezielte Maßnahmen bei untergewichtigen und gebrechlichen Patienten das Sterberisiko tatsächlich senken, müssen weitere Studien zeigen. Bei Notoperationen bleibt dafür oft wenig Zeit, was die Suche nach schnell wirksamen Maßnahmen besonders dringlich macht.

Spannend & Interessant
VGWortpixel