Robert Klatt
Das Immunsystem von Menschen mit starkem Übergewicht entwickelt ein „Gedächtnis“, das auch nach dem Abnehmen noch für bis zu zehn Jahre vorhanden ist. Das Risiko für typische Krankheiten wie Typ-2-Diabetes bleibt dadurch erhöht, auch wenn die Person seit Langem Normalgewicht hat.
Birmingham (England). Übergewicht, vor allem Adipositas (Fettleibigkeit), verursacht hormonelle, entzündliche und metabolische Veränderungen im Körper, die unter anderem das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und chronische Entzündungen deutlich erhöhen. Obwohl die Gesundheitsrisiken seit Langem bekannt sind, sind bereits etwa 2,1 Milliarden Erwachsene und 500 Millionen Heranwachsende zu schwer. Laut einer Studie der University of Washington (UW) ist schon bald ein Großteil der Weltbevölkerung dick, wenn diese Entwicklung nicht unterbrochen wird.
Forscher der University of Birmingham haben nun die Ergebnisse einer zehn Jahre langen Studie publiziert, laut der Fettleibigkeit dauerhaft das Immunsystem verändert. Bei den betroffenen Personen kommt es zu einer „Markierung“, die noch Jahre nach dem Gewichtsverlust vorhanden ist. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass das Risiko für Krankheiten, die typischerweise mit Adipositas assoziiert sind, noch erhöht ist, auch wenn kein Übergewicht mehr vorhanden ist.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Adipositas mit dauerhaften epigenetischen Veränderungen verbunden ist, die das Verhalten von Immunzellen beeinflussen. Dies deutet darauf hin, dass das Immunsystem eine molekulare Aufzeichnung vergangener Stoffwechselbelastungen speichert, was Auswirkungen auf das langfristige Krankheitsrisiko und die Erholung haben könnte.“
Die Wissenschaftler haben Immunzellen von Menschen mit Adipositas, die Injektionen zur Gewichtsreduktion erhielten, von Menschen mit dem seltenen Alström-Syndrom, das oft im Kindesalter Adipositas auslöst, sowie von gesunden Vergleichspersonen analysiert und zusätzlich Blut- und Fettgewebeproben von Teilnehmenden eines zehnwöchigen Trainingsprogramms sowie von normalgewichtigen und adipösen Personen mit Arthrose untersucht, die sich einer Hüft- oder Kniegelenkersatzoperation unterzogen haben.
Außerdem haben sie Immunzellen von Mäusen, die mit sehr fettreicher Nahrung gefüttert wurden, und Blutproben von gesunden, nicht fettleibigen Menschen untersucht, um die zellulären Mechanismen besser verstehen zu können.
Laut den analysierten Blutproben und Immunzellen besitzen die CD4+-Lymphozyten, also die T-Helferzellen des Immunsystems, ein langfristiges Gedächtnis für Adipositas. Dieses Gedächtnis entsteht durch die sogenannte DNA-Methylierung, bei der sich kleine Markierungen an die DNA der Immunzellen anlagern. Die untersuchten Proben zeigen, dass diese Markierungen bis zu zehn Jahre bestehen bleiben, auch wenn das Übergewicht nicht mehr vorhanden ist.
„Wir wissen, dass Adipositas eine chronische, fortschreitende und wiederkehrende Erkrankung ist, und unsere Ergebnisse liefern ein besseres Verständnis dafür, welche molekularen Mechanismen möglicherweise das Risiko eines Rückfalls antreiben und welche Herausforderungen für Menschen mit Adipositas bestehen, ihr Gewicht erfolgreich zu kontrollieren.“
Die Erinnerungen an das frühere Übergewicht führen dazu, dass das Immunsystem mehrere Funktionen auch bei Normalgewicht nicht korrekt ausführen kann. Dazu gehören die Autophagie, ein Prozess, mit dem Zellen Abfallstoffe beseitigen, und die Immunalterung, also der Alterungsprozess des Immunsystems.
„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein kurzfristiger Gewichtsverlust das Risiko für einige mit Adipositas verbundene Erkrankungen, darunter Typ-2-Diabetes und einige Krebsarten, möglicherweise nicht sofort verringert. Stattdessen wird ein fortlaufendes Gewichtsmanagement nach dem Abnehmen dazu führen, dass die ‚Adipositas-Erinnerung‘ langsam verblasst. Dies kann mehrere Jahre kontinuierlicher Gewichtsstabilisierung erfordern, wahrscheinlich fünf bis zehn Jahre, auch wenn dies weiterer Forschung bedarf, um die Auswirkungen von Adipositas auf T-Zellen vollständig umzukehren.“
Die Wissenschaftler erklären, dass es sehr wahrscheinlich möglich ist, den Abbau des „Gedächtnisses“ zu beschleunigen, etwa mit SGLT2-Hemmern, also Medikamenten, die Entzündungen reduzieren und dabei helfen, alternde Zellen zu beseitigen.
Quellen:
Pressemitteilung der University of Birmingham
Studie im Fachmagazin EMBO Reports, doi: 10.1038/s44319-026-00765-w