Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, gilt längst nicht mehr als reine Kinderkrankheit, sondern betrifft auch viele Erwachsene. Eine Metaanalyse zeigt nun, dass die Diagnose bei Erwachsenen selten allein auftritt. In spezialisierten Kliniken erfüllten rund 57 Prozent der Erwachsenen mit ADHS zugleich die Kriterien für mindestens eine Persönlichkeitsstörung. Dieser hohe Wert erschwert die Behandlung erheblich und wirft zugleich grundlegende Fragen über die Abgrenzung der Diagnosen auf.
ADHS ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die durch Unaufmerksamkeit, Impulsivität und teils motorische Unruhe gekennzeichnet ist. Lange galt sie als typische Erkrankung des Kindesalters, doch bei etwa der Hälfte der Betroffenen bestehen die Symptome bis ins Erwachsenenalter fort. Bei Erwachsenen zeigt sich ADHS oft weniger durch sichtbare Hyperaktivität als durch innere Unruhe, Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit und Schwierigkeiten, den Alltag zu organisieren. Ein zentrales Merkmal der Erkrankung ist, dass sie selten isoliert auftritt, sondern häufig von weiteren psychischen Belastungen begleitet wird. Besonders relevant sind dabei Persönlichkeitsstörungen, also tief verwurzelte, überdauernde Muster im Erleben und Verhalten, die deutlich von den Erwartungen des sozialen Umfelds abweichen und zu erheblichem Leiden führen. Wie eng ADHS und solche Persönlichkeitsstörungen tatsächlich zusammenhängen, war bislang jedoch unklar, weil frühere Studien vor allem allgemeine Persönlichkeitsunterschiede beschrieben, ohne klar definierte Diagnosen zu erfassen.
Um diese Lücke zu schließen, führte ein Team um den Psychiater Dimitrios Adamis eine Metaanalyse durch, ein statistisches Verfahren, das die Daten mehrerer unabhängiger Studien zusammenführt. Die Forscher werteten elf Studien mit insgesamt 2.120 Teilnehmern aus klinischen und nichtklinischen Zusammenhängen aus. Ihr Ziel war es, systematisch zu beziffern, wie häufig bei Erwachsenen mit ADHS zugleich eine kategorial definierte Persönlichkeitsstörung vorliegt, und zu klären, welche Faktoren diese Häufigkeit beeinflussen. Der Ansatz war bewusst darauf ausgelegt, nicht nur vage Persönlichkeitsmerkmale zu erfassen, sondern tatsächlich diagnostizierte Störungen. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie stark sich neurologische Entwicklungsdefizite und Persönlichkeitspathologie im Erwachsenenalter überschneiden und was das für Diagnose und Behandlung bedeutet.
Das zentrale Ergebnis der im Fachjournal Psychiatry Research veröffentlichten Metaanalyse ist eine hohe Gesamtprävalenz. Über alle Studien hinweg lag der gepoolte Anteil der Erwachsenen mit ADHS, die zugleich mindestens eine Persönlichkeitsstörung aufwiesen, bei 57 Prozent. Unter den einzelnen Diagnosen traten die passiv-aggressive mit 25,3 Prozent, die vermeidende mit 23,1 Prozent und die Borderline-Persönlichkeitsstörung mit 21,9 Prozent am häufigsten auf. Wichtig ist die Einordnung, dass dieser hohe Gesamtwert stark von spezialisierten Ambulanzen getrieben war und die Zahlen zwischen den Studien erheblich schwankten. Die statistische Heterogenität war außergewöhnlich hoch, weshalb die Prävalenz stark vom jeweiligen Kontext abhängt. Zudem beeinflusste die Diagnosemethode die Ergebnisse deutlich, denn strukturierte klinische Interviews und Selbstauskünfte lieferten unterschiedliche Werte.
Die hohe Überschneidung wirft eine grundlegende Frage auf, nämlich ob es sich tatsächlich um zwei getrennte Erkrankungen handelt oder um eine Überlappung, die bereits in den diagnostischen Kriterien angelegt ist. Merkmale wie Impulsivität und emotionale Instabilität finden sich sowohl bei ADHS als auch bei mehreren Persönlichkeitsstörungen, weshalb die hohen Werte teils eine methodische Empfindlichkeit gegenüber gemeinsamem Leidensdruck widerspiegeln könnten, statt zwei klar getrennte, stabile Störungen abzubilden. Für die Praxis bleibt der Befund dennoch bedeutsam, denn er zeigt, dass Erwachsene mit ADHS selten nur mit Konzentrationsproblemen zu kämpfen haben, sondern häufig mit tieferer emotionaler und zwischenmenschlicher Instabilität. Eine sorgfältige Diagnostik ist deshalb entscheidend, zumal unbehandeltes ADHS die Behandlung begleitender Störungen erschwert. Wie vielschichtig einzelne Persönlichkeitsmuster sein können, zeigt auch die Forschung dazu, wie unterschiedlich sich Persönlichkeitszüge im Alltag äußern. Für Betroffene bedeutet das differenzierte Bild vor allem die Chance auf eine passgenauere Behandlung.
Psychiatry Research, Prevalence and moderators of personality disorders in adults with ADHD: A meta-analysis; doi:10.1016/j.psychres.2026.116554