Die Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung gelten in Deutschland seit 1997 nahezu unverändert. Zwei Toxikologen haben nun die Rechenverfahren angewendet, mit denen US-Behörden sonst krebserzeugende Umweltstoffe regulieren, und die Tierdaten des National Toxicology Program neu ausgewertet. Ihre abgeleiteten Schutzwerte liegen um Größenordnungen unter dem heutigen Limit von 0,08 W/kg. Erstautor ist ausgerechnet der Mann, der die milliardenschwere US-Tierstudie einst konzipiert hat. Die zuständigen Strahlenschutzbehörden sehen die Datenlage jedoch weiterhin anders.
Wie stark ein Körper hochfrequente elektromagnetische Felder aufnimmt, beschreibt die spezifische Absorptionsrate, kurz SAR. Sie gibt an, wie viel Strahlungsleistung pro Kilogramm Gewebe absorbiert wird, und wird in Watt pro Kilogramm angegeben. Für die Allgemeinbevölkerung liegt der von der Internationalen Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung und der US-Fernmeldebehörde festgelegte Ganzkörpergrenzwert bei 0,08 W/kg, also 80 mW/kg. Am Arbeitsplatz sind 0,4 W/kg zulässig. Diese Werte gehen in die deutsche Verordnung über elektromagnetische Felder ein und bestimmen, welche Sendeleistung Mobilfunkmasten, Router und Endgeräte abgeben dürfen. Die Zahlen sind keine gemessene Schadensschwelle, sondern eine regulatorische Ableitung. Sie entstanden Ende der 1990er Jahre und wurden im Jahr 2020 in ihrer Höhe bestätigt. Wer verstehen will, warum über sie gestritten wird, muss sich ansehen, welche Experimente ihnen ursprünglich zugrunde lagen und welche Fragen damals gar nicht gestellt wurden.
Der Ausgangspunkt der geltenden Regulierung waren Verhaltensversuche aus den 1980er Jahren. Acht futterentzogene Ratten und sechs Rhesusaffen wurden in Sitzungen von 40 bis 60 Minuten unterschiedlichen Feldstärken ausgesetzt. Gemessen wurde, ab welcher Leistung die Tiere seltener einen Hebel für Futterpellets drückten. Aus diesen Daten leiteten die Fachgremien eine Schwelle von 4 W/kg ab, bei der die mittlere Körpertemperatur der Affen um 0,7 °C stieg. Auf diese Schwelle wurden anschließend zwei Sicherheitsfaktoren angewendet, ein Zehnerfaktor für Beschäftigte und ein zusätzlicher Fünferfaktor für die Bevölkerung. Andere Endpunkte als das gestörte Verhalten und andere Expositionsdauern als eine knappe Stunde wurden nicht untersucht. Langzeitwirkungen kamen in dieser Herleitung nicht vor. Das Schutzkonzept beruht damit auf der Annahme, dass ausschließlich Erwärmung schädlich ist und unterhalb der angenommenen Schwelle nichts passiert. Genau diese Annahme steht seit den großen Krebsstudien der Jahre nach 2018 zur Debatte, und die Diskussion über Strahlung und ihre biologischen Effekte hat dadurch neue Nahrung bekommen.
Ronald L. Melnick, früher am National Institute of Environmental Health Sciences und maßgeblich für das Design der 30 Millionen US-Dollar teuren Tierstudie verantwortlich, und Joel M. Moskowitz von der University of California in Berkeley haben in der Fachzeitschrift Environmental Health einen anderen Weg gewählt. Statt Sicherheitsfaktoren auf eine Verhaltensschwelle anzuwenden, nutzten sie die Benchmark-Dosis, ein Standardwerkzeug der US-Umweltbehörde EPA. Dabei wird an die Dosis-Wirkungs-Kurve ein Modell angepasst und jene Dosis bestimmt, die ein Prozent zusätzliches Risiko erzeugt. Von deren unterer Vertrauensgrenze wird linear auf sehr kleine Dosen extrapoliert. Als Bezugspunkt diente die stärkste beobachtete Reaktion aus dem technischen Bericht des National Toxicology Program, nämlich Herzschwannome bei männlichen Ratten unter 900-MHz-Feldern mit GSM- und CDMA-Modulation. Die Tumorraten wurden zuvor nach dem Poly-3-Verfahren um Unterschiede in der Sterblichkeit bereinigt.
Das Ergebnis fällt deutlich aus. Die abgeleitete Stunden-SAR für ein zusätzliches Krebsrisiko von eins zu hunderttausend liegt je nach Datensatz zwischen etwa 0,8 und 5 mW/kg. Bezogen auf eine Stunde Exposition am Tag wäre der geltende Wert von 80 mW/kg damit 15- bis 114-fach zu hoch, bei acht Stunden täglich 121- bis 909-fach. Für den Schutz der männlichen Fruchtbarkeit errechneten die Autoren aus einer WHO-beauftragten Übersichtsarbeit Werte von 3,3 bis 10 mW/kg, was einem Faktor von 8 bis 24 entspricht. Rückenwind bekommen sie durch die WHO-beauftragte systematische Übersicht zu Tierstudien, die für Herzschwannome bei Ratten eine hohe Vertrauenswürdigkeit der Evidenz feststellte. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass ihre Zahlen keine sicheren Grenzwerte darstellen, sondern risikobasierte Schätzungen sind, und fordern eine unabhängige Neubewertung.
Die Gegenseite argumentiert an einem anderen Punkt. Das Bundesamt für Strahlenschutz kommt zu dem Schluss, dass weder die Untersuchung des National Toxicology Program noch die Ergebnisse des italienischen Ramazzini-Instituts eine verlässliche Evidenz für eine krebserzeugende Wirkung langandauernder Ganzkörperexposition liefern. Die US-Gesundheitsbehörde selbst hielt die Befunde nicht für auf den Menschen übertragbar. Die Ratten wurden neun Stunden täglich am ganzen Körper bestrahlt, bei Feldstärken, die den Alltag eines Handynutzers nicht abbilden. Effekte traten überwiegend bei männlichen Tieren auf, bei Weibchen und bei Mäusen blieben die Ergebnisse uneindeutig, und exponierte Ratten lebten teils länger als die Kontrollgruppe. Hinzu kommt die entscheidende Bruchstelle zwischen Tier und Mensch. Die ebenfalls WHO-beauftragte Übersicht zu Beobachtungsstudien am Menschen kam mit moderater Sicherheit zu dem Schluss, dass Handynutzung das Gliomrisiko wahrscheinlich nicht erhöht, und auch eine große Auswertung zeigte, dass Mobilfunk keine Hirntumore verursacht.
Melnick und Moskowitz halten dagegen, dass diese Humandaten methodisch schwach seien, weil sie sich stark auf eine dänische Kohorte stützen, in der die Exposition lediglich über Mobilfunkverträge erfasst wurde. Die Internationale Agentur für Krebsforschung hatte genau diese Studie als nicht aussagekräftig eingestuft. Zu berücksichtigen ist zugleich die Interessenlage der Autoren. Beide veröffentlichten im Namen der Internationalen Kommission für die biologischen Auswirkungen elektromagnetischer Felder, einer Organisation, die seit Jahren strengere Grenzwerte fordert. Die Publikationskosten trug eine gemeinnützige Gruppe, die sich demselben Ziel verschrieben hat. Das entwertet die Rechnung nicht, ordnet sie aber ein. Große epidemiologische Arbeiten fanden bislang keinen Anstieg, und eine Langzeitstudie mit 800.000 Britinnen zeigte, dass Handystrahlung das Krebsrisiko nicht beeinflusst. Die Tumorhäufigkeit in der Bevölkerung ist nicht parallel zur Verbreitung von Mobiltelefonen gestiegen.
Für deutsche Nutzer ändert sich kurzfristig nichts. Die geltenden Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung bleiben in Kraft, eine Neubewertung durch die zuständigen Gremien ist nicht angekündigt. Bemerkenswert ist der Vorgang trotzdem, weil hier nicht über die Messdaten gestritten wird, sondern über die Methode ihrer Bewertung. Die eine Seite hält an einem Schwellenmodell fest, das ausschließlich thermische Wirkung annimmt. Die andere behandelt Hochfrequenzfelder wie einen potenziellen Karzinogen, für den ohne bekannten Wirkmechanismus linear auf niedrige Dosen extrapoliert wird. Diese Wahl entscheidet über Faktoren im dreistelligen Bereich, nicht über Details. Praktisch relevant bleibt, dass die Ganzkörperexposition durch Sendemasten im Alltag weit unterhalb der diskutierten Werte liegt, während die kopfnahe Belastung beim Telefonieren einer anderen Bewertungslogik folgt. Wer die Exposition senken möchte, kann Freisprecheinrichtungen nutzen und bei schlechtem Empfang auf lange Gespräche verzichten, weil Geräte dann mit erhöhter Sendeleistung arbeiten.
Environmental Health, Exposure limits to radiofrequency EMF do not account for cancer risk or reproductive toxicity assessed from data in experimental animals; doi:10.1186/s12940-026-01288-6