Robert Klatt
Menschen mit dem Eigenbrauer-Syndrom (ABS) produzieren in ihrem Verdauungssystem phasenweise große Alkoholmengen. Nun wurden dafür verantwortliche Darmbakterien identifiziert und entdeckt, dass eine Antibiotikavorbehandlung mit einer anschließenden Stuhltransplantation helfen kann.
San Diego (U.S.A.). Alle Menschen bilden in ihrem Verdauungssystem, wenn sie Kohlenhydrate abbauen, Alkohol in sehr geringen Mengen. Manche Menschen, die unter dem sogenannten Eigenbrauer-Syndrom (ABS), einer sehr seltenen Stoffwechselerkrankung, leiden, produzieren in ihrem Magen und Darm hingegen so viel Ethanol, dass dieser die üblichen Symptome einer Alkoholisierung verursachen kann, darunter etwa Seh- und Koordinationsschwierigkeiten und Benommenheit. Langfristig kann es bei Menschen mit ABS durch den kontinuierlichen Alkoholkonsum außerdem zu den typischen Krankheiten eines Alkoholikers kommen, etwa Leberschäden.
Die Medizin konnte bisher noch nicht alle Fragen zum ABS lösen, vor allem deshalb, weil die Krankheit global sehr selten Auftritt und oft nicht korrekt diagnostiziert wird. Forscher der University of California, San Diego (UCSD) haben nun eine neue Studie publiziert, die erstmals Stoffwechselwege und Bakterien identifiziert hat, die den Alkohol im Körper der betroffenen Menschen produzieren.
Die Wissenschaftler haben für ihre Studie das Darmmikrobiom von 22 Personen mit ABS, 21 gesunden Haushaltspartnern, also Mitbewohnern oder Verwandten der Probanden mit ABS, und 22 gesunden Personen als Kontrollgruppe untersucht. Weil Menschen mit ABS nicht permanent größere Alkoholmengen produzieren, sondern dies schubweise auftritt, wurden ihre Stuhlproben zu einem solchen Zeitpunkt entnommen.
Die Analyse offenbart, dass Menschen mit ABS nicht aufgrund von speziellen Hefepilzen in ihrem Verdauungssystem deutlich mehr Alkohol produzieren, sondern die Gärung in ihrem Körper durch mehrere Bakterienarten, darunter Escherichia coli (E. coli) und Klebsiella pneumoniae, das normalerweise Lungenentzündungen und ähnliche Infektionen auslöst, die starke Alkoholproduktion verursachen.
„Wir stellten fest, dass Darmbakterien, darunter Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae, bei ABS-Patienten mit Zucker im Darm zu Ethanol vergären. Diese Mikroben nutzen mehrere Ethanol-produzierende Stoffwechselwege und können den Blutalkoholspiegel so stark erhöhen, dass eine rechtlich relevante Alkoholisierung erreicht wird.“
In den Stuhlproben von manchen Probanden mit ABS wurden zudem viele Enzyme entdeckt, die Fermentationsprozesse auslösen und somit ebenfalls mitverantwortlich für die hohe Alkoholproduktion sein könnten.
In Anbetracht der neuen Entdeckungen gingen die Forscher davon aus, dass eine Stuhltransplantation Menschen mit ABS helfen könnte. Bei dieser Behandlungsmethode werden Darmbakterien eines gesunden Menschen mit einer Stuhltransplantation oder mit speziellen Kapseln in den Darm eines kranken Menschen übertragen. Zudem haben die Forscher Behandlungen mit Antibiotika, Probiotika und speziellen Ernährungsformen untersucht.
Die Stuhltransplantation hat zunächst die ABS-Symptome reduziert und eine Veränderung der Bakterienstämme ausgelöst. Es kam jedoch zeitnah zu Rückfällen. Die Forscher haben daraufhin eine Antibiotikavorbehandlung durchgeführt und anschließend eine zweite Stuhltransplantation. Der ABS-Patient lebt nun seit über 16 Monaten ohne Symptome.
„Das Auto-Brauerei-Syndrom ist eine oft verkannte Erkrankung, für die es nur wenige Tests und Behandlungen gibt. Unsere Studie weist auf das Potenzial der Stuhltransplantation hin."
Angesichts des Behandlungserfolgs führen die Wissenschaftler aktuell eine weitere Studie durch, in der acht ABS-Patienten eine Stuhltransplantation erhalten haben. Es sollen so neue Daten erhoben werden, um in Zukunft die Behandlung von ABS im klinischen Alltag zu verbessern.
Quellen:
Pressemitteilung der University of California, San Diego (UCSD)
Studie im Fachmagazin Nature Microbiology, doi: 10.1038/s41564-025-02225-y