Erfassungsfehler

Studie belegt Übersterblichkeit durch Covid-19 in Europa

Robert Klatt

In vielen europäischen Ländern kam es durch Covid-19 und mittelbare Todesfälle zu einer Übersterblichkeit von bis zu 38 Prozent.

London (England). Laut einer Studie des Imperial College London sind in Europa an der Covid-19-Pandemie deutlich mehr Menschen gestorben, als die offiziellen Regierungsdaten zeigen. Betrachtet wurden in der Studie, die im Fachmagazin Nature Medicine publiziert wurde, Todesfallstatistiken aus 21 Ländern. Als Beispiel nennt das Team um Majid Ezzati England und Wales, in denen zwischen Mitte Februar und Ende Mai offiziell 47.000 Menschen an Covid-19 starben. Laut statistischen Methoden der Wissenschaftler starben hingegen 57.000 Menschen an den Folgen der Pandemie.

Die hohe Differenz kommt dadurch zustande, dass die zusätzlichen Todesfälle nicht erfasst werden, weil entweder kein positiver Test oder der Tod nicht durch Covid-19 aber eine mittelbare Folge der Pandemie verursacht wurde. Dazu zählen unter anderem Todesfälle, die dadurch ausgelöst wurden, dass das Gesundheitssystem durch Covid-19 überlastet war oder dass Menschen aus Angst vor einer Infektion auf eine Behandlung durch einen Arzt verzichtet haben. Wie eine Studie kürzlich zeigte, sind vor allen kardiovaskuläre Todesfälle während der Pandemie deutlich gestiegen.

Übersterblichkeit für 21 Länder ermittelt

Ermittelt wurde die Übersterblichkeit für 19 europäische Länder sowie Australien und Neuseeland. Deutschland wurde in der Studie nicht betrachtet. Laut den Ergebnissen der statistischen Berechnungen gab es insgesamt bis Ende Mai 206.000 Todesopfer durch Covid-19. Dies liegt 23 Prozent höher als die offiziellen Zahlen der Melderegister. Je nach Land schwankt der Erfassungsfehler zwischen 7 und 38 Prozent. Männer und Frauen sind laut den Ergebnissen unter den Todesopfern in fast gleicher Anzahl vertreten.

Große Unterschiede zwischen einzelnen Ländern

Die höchste Übersterblichkeit haben laut den Berechnungsergebnissen die Länder Spanien, England und Wales, wo pro 100.000 Einwohner durch Covid-19 etwa 100 Menschen zusätzlich gestorben sind. In Belgien, Italien und Schottland lag die Übersterblichkeit bei 70 zusätzlichen Todesfällen pro 100.000 Einwohner. Die Übersterblichkeit in Spanien, England und Wales lag damit gegenüber dem Vergleichsjahren von 2010 bis 2020 bei etwa 38 Prozent.

In anderen Ländern, darunter Neuseeland, Australien, Österreich, Polen und Dänemark kam es hingegen zu praktisch keiner Übersterblichkeit. Welche Gründe für diese großen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern verantwortlich sind, konnte die Studie nicht eindeutig klären. Laut den Wissenschaftlern sind weder Risikofaktoren wie Übergewicht noch die Altersstruktur ausreichend ,um die großen Differenzen der Übersterblichkeit zu verursachen.

Als wahrscheinlichsten Grund sehen die Studienautoren den Zeitpunkt des Lockdowns in den untersuchten Ländern. In vielen der Länder fiel die Sterblichkeit bereits kurze Zeit nach dem Lockdown wieder auf ein normales Leven, in Ländern mit einem späten Lockdown konnte hingegen lange eine hohe Übersterblichkeit dokumentiert werden.

Nature Medicine, doi: 10.1038/s41591-020-1112-0

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