Krankenhauspatienten, die überwiegend von einer Ärztin behandelt wurden, starben in einer großen kanadischen Kohortenstudie innerhalb von 30 Tagen seltener als vergleichbare Patienten unter männlichen Ärzten: 12,3 statt 13,7 Prozent. Auch Wiederaufnahmen waren mit 18,6 gegenüber 18,9 Prozent etwas seltener. Die Auswertung umfasst fast eine Million Erwachsene mit häufigen akuten Erkrankungen und spricht für einen messbaren Zusammenhang zwischen dem Geschlecht des behandelnden Arztes und dem Behandlungsergebnis. Weil es sich um Beobachtungsdaten handelt, belegt die Studie jedoch nicht, dass eine Ärztin allein wegen ihres Geschlechts bessere Ergebnisse verursacht.
Dr. Angela Jerath von ICES und der University of Toronto leitete die Untersuchung gemeinsam mit einem Team aus Kanada und Großbritannien. Grundlage waren Routinedaten aus Ontario, in denen Krankenhausaufenthalte, Diagnosen, behandelnde Ärzte und spätere Ereignisse verknüpft werden konnten. Die Originalmeldung von ICES beschreibt das Ziel ausdrücklich nicht als Wettbewerb zwischen Ärztinnen und Ärzten, sondern als Suche nach Verhaltensweisen und Abläufen, die sich auf die Versorgung übertragen lassen.
Für Patienten ist die Frage greifbar: Im Krankenhaus wechseln Visiten, Nachtdienste und Zuständigkeiten oft innerhalb weniger Tage, während Entscheidungen über Medikamente, Untersuchungen und Entlassung ineinandergreifen. Gerade deshalb analysierte das Team nicht nur den offiziell hauptverantwortlichen Arzt, sondern auch, wie viel der tatsächlichen Behandlungszeit auf eine Ärztin entfiel. Ein vergleichbarer Blick auf Versorgung und Sterblichkeit findet sich auch bei einem KI-Frühwarnsystem gegen Sepsis, bei dem ebenfalls konkrete Abläufe im Krankenhaus mit Patientenergebnissen verknüpft wurden.
Die Kohorte umfasste Erwachsene, die zwischen 2008 und 2022 wegen einer von sieben häufigen akuten Erkrankungen stationär behandelt worden waren. Insgesamt gingen 958.150 Patienten in die Analyse ein, betreut von 15.165 Ärzten; das mediane Patientenalter lag bei 74 Jahren. Von den eingeschlossenen Ärzten waren 5.469 weiblich und 9.696 männlich. Für 259.759 Patienten war eine Ärztin als hauptverantwortliche Behandlerin dokumentiert, während 698.391 Patienten einem männlichen Arzt zugeordnet waren.
Typische internistische Notfälle deckten die sieben Diagnosegruppen ab: akuter Herzinfarkt, Lungenentzündung, Schlaganfall, Herzinsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, Vorhofflimmern und Blutungen im Magen-Darm-Trakt. Am häufigsten war der akute Herzinfarkt vertreten, gefolgt von Lungenentzündung und Schlaganfall. Damit untersuchte das Team keine exotische Spezialgruppe, sondern Krankheitsbilder, die jeden Tag auf internistischen Stationen behandelt werden. Ein weiterer Beitrag auf Forschung und Wissen zeigt anhand langfristiger Registerdaten, wie stark sich die Überlebenschancen nach einem Herzinfarkt über die Zeit verändert haben.
Für die Auswertung berücksichtigten die Autoren zahlreiche Merkmale der Patienten, Ärzte und Krankenhäuser. Dazu gehörten unter anderem Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Gebrechlichkeit, ärztliche Berufserfahrung, Fallzahlen und Krankenhausmerkmale. Weibliche Ärzte waren im Mittel jünger, hatten weniger Berufsjahre und behandelten pro Jahr weniger Patienten. Gleichzeitig versorgten sie häufiger ältere und gebrechlichere Menschen, während Geschlechterverteilung und Krankheitslast der Patienten zwischen den Gruppen insgesamt ähnlich lagen.
Besonders aufschlussreich war die zweite Definition der ärztlichen Exposition. Die Forscher fragten nicht nur, wer formal als verantwortlicher Arzt eingetragen war, sondern berechneten für jeden Aufenthalt den Anteil der Tage, an denen eine Ärztin die Versorgung führte. Mit jedem zusätzlichen Zehn-Prozent-Anteil solcher Behandlungstage sank die adjustierte Odds für einen Tod innerhalb des kurzen Nachbeobachtungsfensters auf 0,93. Auch für Wiederaufnahmen ergab sich ein kleiner statistischer Vorteil mit einer adjustierten Odds Ratio von 0,99.
Diese zweite Analyse ist wichtig, weil stationäre Medizin selten aus einer einzigen Arzt-Patienten-Beziehung besteht. Während eines Aufenthalts können Wochenenddienste, Schichtwechsel oder interne Übergaben die Verantwortung verschieben. Ein Patient kann deshalb offiziell einem männlichen Arzt zugeordnet sein und trotzdem einen beträchtlichen Teil seiner Zeit von Ärztinnen betreut werden oder umgekehrt. Genau dieses Wechselspiel bildet der Anteil der Behandlungstage besser ab als ein einzelner Name in der Akte.
Die Beziehung blieb auch in zahlreichen Untergruppen sichtbar. Bei den einzelnen Erkrankungen zeigte sich die niedrigere kurzfristige Sterblichkeit bei weiblicher ärztlicher Betreuung in fast allen Diagnosegruppen; Vorhofflimmern bildete die Ausnahme. Die Muster blieben außerdem über verschiedene ärztliche Fachrichtungen sowie Lehr- und Gemeindekrankenhäuser hinweg ähnlich. Bei Wiederaufnahmen waren die Ergebnisse uneinheitlicher, was gegen eine einfache Erklärung spricht, nach der jede Form weiblicher Betreuung automatisch bei jedem Endpunkt überlegen wäre.
Eine weitere Analyse trennte die Patienten nach ihrem eigenen Geschlecht. Bei weiblichen Patienten betrug der adjustierte Unterschied in der kurzfristigen Sterblichkeit zwischen weiblicher und männlicher ärztlicher Betreuung minus 1,29 Prozentpunkte. Bei männlichen Patienten lag die Differenz bei minus 0,75 Prozentpunkten. Die niedrigste berechnete Sterblichkeit fand sich bei Frauen, die von einer Ärztin behandelt wurden; die Autoren bewerten die Unterschiede zwischen den Geschlechterkombinationen jedoch als hypothesengenerierend.
Bei den längeren Zeiträumen wurde das Bild schwächer. Nach 90 Tagen blieb ein Unterschied bei der Sterblichkeit erkennbar, nach einem Jahr war er kleiner. Für die Wiederaufnahme ins Krankenhaus verschwanden mehrere Unterschiede ebenfalls oder wechselten ihre Richtung. Solche Verläufe passen zu der Vorstellung, dass kurzfristige Entscheidungen im Krankenhaus einen stärkeren Einfluss auf frühe Ereignisse haben als auf Entwicklungen Monate später, wenn Hausärzte, Rehabilitation, Pflege, Medikamente und neue Erkrankungen zunehmend mitwirken.
Wie groß klinische Unterschiede ausfallen können, hängt generell stark vom jeweiligen Behandlungsprozess ab. Bei der digitalen Erfassung komplexer Medikationen zeigte sich beispielsweise, dass schon bessere Informationen für den behandelnden Arzt relevante Risiken beeinflussen können. Solche Befunde liefern keinen Mechanismus für die kanadische Studie, verdeutlichen aber, warum kleine Unterschiede in Kommunikation, Koordination oder Entscheidungswegen bei vielen Patienten messbare Folgen haben können.
Ein häufiger Einwand gegen Vergleiche zwischen Ärzten ist die Auswahl der Patienten. Wenn besonders komplizierte Fälle bevorzugt an bestimmte Spezialisten überwiesen werden, kann deren Ergebnis schlechter aussehen, obwohl ihre Behandlung besonders gut ist. Im stationären Alltag Ontarios wird ein großer Teil der medizinischen Patienten nach rotierenden Dienstplänen einem zuständigen Arzt zugeteilt. Dadurch können Patienten oder einweisende Kollegen das Geschlecht des Behandlers meist nicht gezielt auswählen, was einen Teil dieser Verzerrung reduziert.
Ganz verschwindet das Problem damit nicht. Die Studie kann unbekannte oder unvollständig gemessene Unterschiede zwischen Ärzten, Stationen und Patientengruppen nicht ausschließen. Auch Übergaben zwischen Teams, individuelle Erwartungen an Arbeitsvolumen und Vergütung, Unterschiede im Umgang mit Diagnostik sowie die Rolle von Assistenzärzten und Pflegekräften ließen sich nicht vollständig erfassen. Hinzu kommt, dass die Daten das dokumentierte biologische Geschlecht abbilden und keine umfassende Analyse von Geschlechtsidentität oder sozialen Rollen erlauben.
Deshalb verwendeten die Autoren mehrere statistische Modelle und zwei unterschiedliche Definitionen der ärztlichen Exposition. Dazu gehörten generalisierte Schätzgleichungen sowie Verfahren, die Unterschiede in den Ausgangsmerkmalen möglichst ausgleichen sollten. Solche Methoden können beobachtbare Unterschiede korrigieren, ersetzen aber keine zufällige Zuteilung wie in einer randomisierten klinischen Studie. Eine direkte Anweisung, Patienten bewusst nach Geschlecht des Arztes zu verteilen, wäre zudem praktisch und ethisch kaum sinnvoll.
Die Studie in JAMA Network Open nennt mehrere denkbare Erklärungen, ohne eine davon als bewiesen darzustellen. Frühere Arbeiten deuten darauf hin, dass Ärztinnen im Mittel patientenzentrierter kommunizieren, mehr Zeit im Gespräch verbringen, häufiger Leitlinien berücksichtigen oder Kollegen einbeziehen könnten. In einer akuten Krankenhausbehandlung könnten solche Unterschiede dazu beitragen, Symptome früher zu erfassen, Therapieentscheidungen abzusichern oder eine Entlassung besser vorzubereiten.
Gerade bei älteren Patienten mit mehreren Erkrankungen kann Versorgung aus vielen kleinen Entscheidungen bestehen: Welche Beschwerden werden nachgefragt, welches Labor wird kontrolliert, wann wird ein Medikament angepasst, welche Untersuchung folgt, wer wird konsultiert und wie vollständig gelingt die Übergabe beim Schichtwechsel? Die Ontario-Daten erfassen das Ergebnis dieser Versorgung, aber nicht jede einzelne Handlung am Krankenbett. Der beobachtete Unterschied lässt sich deshalb nicht auf eine bestimmte kommunikative Technik, einen Medikamententyp oder einen einzelnen Behandlungsschritt zurückführen.
Jerath betont in der institutionellen Einordnung, dass das Ziel darin liegt, erfolgreiche Verhaltensweisen zu identifizieren und für das gesamte Gesundheitssystem nutzbar zu machen. Falls sich beispielsweise bestimmte Gesprächsformen, niedrigere Fallzahlen, häufigere Rücksprachen oder konsequentere leitliniengerechte Therapie als entscheidend erweisen, könnten davon Ärzte unabhängig von ihrem Geschlecht profitieren. Genau dafür braucht es weitere Untersuchungen, die konkrete Prozesse in der Behandlung messen statt nur das Ergebnis am Ende des Krankenhausaufenthalts.
Die Aussage der Arbeit bleibt auf stationäre internistische Patienten beschränkt. Sie lässt sich weder ohne Weiteres auf ambulante Arztbesuche noch auf Operationen, Kinderkliniken oder Gesundheitssysteme mit völlig anderer Personalstruktur übertragen. Unterschiede in Dienstplänen, Arbeitszeit, Teamgröße, Vergütung und Nachsorge könnten die Ergebnisse in anderen Ländern verändern. Auch die Übertragbarkeit auf Deutschland ist deshalb offen.
Als nächster Schritt schlagen die Autoren vor, konkrete klinische Prozesse nach Geschlecht des Arztes zu vergleichen und die Analyse in anderen Regionen zu wiederholen. Besonders interessant wären Daten zu Übergaben, Patientenzahlen, leitliniengerechter Therapie, Konsilen und gemeinsamer Entscheidungsfindung. Erst wenn sich zeigt, welche dieser Faktoren den Zusammenhang tragen, lässt sich aus der auffälligen statistischen Differenz eine praktisch nutzbare Verbesserung für Krankenhausstationen ableiten.
JAMA Network Open, Physician Sex and Outcomes Among Hospitalized Patients; doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.41487
ICES, Hospitalized medical patients may fare better when treated by female physicians, study finds
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