Mitochondrien-Funktion

Spermidin erhält Gedächtnis- und Denkleistung im Alter

Robert Klatt

Der Naturstoff Spermidin verbessert bei älteren Menschen die kognitive Leistungsfähigkeit. Enthalten ist Spermidin in Nüssen, Pilzen, Weizenkeimen und vielen anderen Lebensmitteln.

Innsbruck (Österreich). Studien mit dem Naturstoff Spermidin, der in Nüssen, Pilzen, Weizenkeimen und vielen anderen Lebensmitteln vorkommt, zeigten bereits vor einigen Jahren, dass eine spermidinreiche Ernährung bei Fliegen und Fadenwürmen die Hirnleistung verbessert und das Leben verlängert. 2017 hat eine Pilotstudie erste Hinweise dafür erbracht, dass die gesundheitsfördernde Wirkung und die positiven Auswirkungen auf die Gedächtnisleistungen auch beim Menschen vorhanden sind.

Wissenschaftler der Universität Graz und der Medizinischen Universität Innsbruck haben nun anhand von Mäusen und Menschen untersucht, ob Spermidin tatsächlichen den geistigen Abbau im Alter verlangsamen kann.

Bessere Ergebnisse in Gedächtnistests

Im ersten Experiment ernährte das Team um Sabrina Schroeder ältere Mäuse für sechs Monate mit einem spermidinreichen Futter. Vor und nach dieser Phase untersuchten die Wissenschaftler mithilfe unterschiedlicher standardisierter Tests das Gedächtnis und der Lernverhalten der Tiere.

„Es konnte gezeigt werden, dass oral verabreichtes Spermidin das Gehirn von Mäusen erreicht und dass diese im Alter in verschiedenen Gedächtnistests besser abschneiden als Mäuse, die keine Extraportion Spermidin bekamen“, erklärt Andreas Zimmermann. Spermidin scheint bei den Mäusen also dem typischen geistigen Abbau entgegenzuwirken.

Spermidin wirkt auch beim Menschen

Um herauszufinden, ob diese positiven Auswirkungen des Spermidins auch beim Menschen auftreten, analysierten die Wissenschaftler Gesundheitsdaten von 800 älteren Probanden einer Langzeitstudie aus Südtirol. Alle Teilnehmer der Studie wurden von 1995 bis 2000 psychologisch und intensiv medizinisch betreut. Ihre kognitiven Leistungen wurden während dieses Zeitraums ebenfalls regelmäßig untersucht. Außerdem wurden im Rahmen der Studie die Ernährung erfasst. Es konnte so nachvollzogen werden, wie viel Spermidin die Testpersonen konsumierten.

Im Mittel zeigten Teilnehmer, die während der Studie viel Spermidin aufgenommen hatten, bei den Tests der kognitiven Fähigkeiten bessere Ergebnisse als Probanden gleichen Alters, deren Nahrung nur wenig Spermidin enthalten hatte. „Dieser Zusammenhang war bei Frauen und Männern feststellbar und blieb auch innerhalb verschiedener Altersgruppen und Kategorien konsistent“, erklären die Studienautoren. Die Metastudie zeigt überdies, dass mit zunehmender Spermidindosis die geistigen Leistungen steigt.

Mitochondrien-Funktion im Hippocampus

Analysen bei Mäusen und Fliegen zeigen, dass Spermidin die Mitochondrien-Funktion im Hippocampus erhöht. Es handelt sich dabei um eine Hirnregion, die für das Lernen und Gedächtnis entscheidend ist. In der Wissenschaft existieren schon lange Vermutungen, laut denen diese Kraftwerke der Zellen im Alter weniger leistungsfähig sind und dadurch die Gehirnzellen mit weniger Energie versorgen können.

Die positive Wirkung des Spermidins wird nach aktueller Datenlage durch eine biochemische Reaktionskette ausgelöst, die dazu führt, dass die Produktion von Mitochondrien-Proteinen angeregt wird. Dies könnte die Energieversorgung der Gehirnzellen verbessern und dadurch erklären, wieso die kognitiven Leistungen sich erhöhen. Studien lieferten überdies Hinweise darauf, dass Spermidin positiv auf die Autophagie, das Reinigungssystem der Zellen wirkt.

Schutz vor geistigen Abbau

„Die Kombination von epidemiologischen und experimentellen Daten eröffnet damit die spannende Möglichkeit, dass Spermidin Menschen gegen den geistigen Abbau schützen könnte“, erklärt Schroeder. Dies könnte laut den Wissenschaftler neue Chancen in der Prävention und Therapie ermöglichen.

„Die Beobachtungen belegen einen Zusammenhang, der in naher Zukunft auch mit einer Interventionsstudie bestätigt werden sollte, zumal es im kognitiven Bereich bisher sehr wenige Möglichkeiten einer positiven Beeinflussung gibt“, sagt Stefan Kiechl.

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