Trinksucht

Semaglutid senkt bei Alkoholkranken die Trinkmenge

 Dennis Lenz

Semaglutid senkt bei Alkoholkranken die Trinkmenge
(Symbolbild) Semaglutid, der Wirkstoff aus Ozempic und Wegovy, wird derzeit auch als Mittel gegen Alkoholabhängigkeit untersucht. In einer Studie mit 50 Erwachsenen verringerte Semaglutid als Tablette die Zahl der Tage mit starkem Trinken und die Menge an Trinktagen deutlich. Auf das Verlangen nach Alkohol im Labortest und die Zahl der Getränke pro Tag hatte es dagegen keinen signifikanten Einfluss. Die Forscher halten größere Studien für gerechtfertigt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Semaglutid ist als Wirkstoff der Abnehmspritzen Ozempic und Wegovy bekannt. Nun zeigt eine Studie, dass das Mittel als Tablette auch Menschen mit Alkoholabhängigkeit helfen könnte, weniger zu trinken. Die Zahl der Tage mit starkem Trinken und die Menge an Trinktagen sanken deutlich. Ein zentrales Ziel verfehlte das Mittel jedoch, und genau das macht die Ergebnisse umstritten.

Alkoholabhängigkeit gehört zu den folgenschwersten Suchterkrankungen. Nach Angaben einer in The Lancet veröffentlichten Studie geht sie weltweit auf 5 Prozent aller Todesfälle jährlich zurück. Sie beeinträchtigt nahezu alle Lebensbereiche, von der körperlichen und psychischen Gesundheit über Beziehungen bis zur Sicherheit. Die vorhandenen Behandlungen helfen vielen Betroffenen nicht ausreichend. Nach Angaben des Psychiaters Joseph Schacht vom Anschutz Medical Campus der University of Colorado hat die US-Arzneimittelbehörde FDA seit 2006 kein neues Medikament gegen Alkoholabhängigkeit mehr zugelassen. Entsprechend groß ist die Hoffnung auf neue Ansätze. In den vergangenen Jahren rückten dabei GLP-1-Rezeptoragonisten in den Blick, eine Wirkstoffklasse, die ursprünglich gegen Typ-2-Diabetes entwickelt wurde. Semaglutid ahmt das körpereigene Hormon GLP-1 nach, regt bei erhöhtem Blutzucker die Insulinausschüttung an und verlangsamt die Magenentleerung. Nutzer berichteten zudem häufig, dass ihr Verlangen nach Alkohol während der Behandlung nachgelassen habe. Tierversuche und erste Studien am Menschen stützten diese Beobachtung.

Ob sich daraus eine Therapie entwickeln lässt, ist Gegenstand intensiver Forschung. Eine Studie aus dem Jahr 2025 hatte gezeigt, dass Semaglutid in niedriger Dosis als Spritze bei Menschen mit weniger schwerer Alkoholabhängigkeit das Verlangen und einzelne Trinkwerte verringerte. Allerdings hatten die Teilnehmer damals keine Behandlung gesucht. Schacht und seine Kollegen wollten nun prüfen, ob Semaglutid auch bei Menschen wirkt, die ihren Konsum aktiv verringern oder ganz aufhören wollen und unter einer mittelschweren bis schweren Abhängigkeit leiden. Zudem setzten sie auf eine Tablette statt einer Spritze, weil diese Form für Betroffene womöglich leichter anzunehmen ist. Die Ergebnisse der Studie erschienen am 29. Juli 2026 im American Journal of Psychiatry. Sie fügen sich in eine wachsende Reihe von Untersuchungen ein, die Semaglutid als mögliches Mittel gegen Suchterkrankungen prüfen. Damit steht eine der meistverkauften Arzneien der Welt vor einem weiteren Einsatzgebiet, was die Debatte über Nutzen und Grenzen der Abnehmspritzen zusätzlich anheizt.

Wie Semaglutid in der Studie getestet wurde

An der Studie nahmen 50 Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Alkoholabhängigkeit teil, die ihren Konsum verringern oder beenden wollten. Sie wurden zufällig auf zwei Gruppen verteilt und erhielten acht Wochen lang täglich entweder Semaglutid als Tablette oder ein Scheinmedikament. Die Dosis wurde von 3 Milligramm pro Tag in den ersten vier Wochen auf 7 Milligramm in den folgenden vier Wochen gesteigert. Weder die Teilnehmer noch die Forscher wussten, wer welches Präparat erhielt. Gemessen wurden zum einen das Verlangen nach Alkohol in einem Labortest und die Zahl der Getränke pro Tag, zum anderen weitere Werte wie die Zahl der Tage mit starkem Trinken, die Menge an Trinktagen, das Verlangen im Alltag und die negativen Folgen des Trinkens. Die American Psychiatric Association stellte die Ergebnisse in einer Mitteilung zur Studie mit Semaglutid-Tabletten vor.

Was Semaglutid bewirkte und was nicht

Das Ergebnis fällt gemischt aus. Semaglutid verringerte weder das im Labor gemessene Verlangen nach Alkohol noch die Zahl der Getränke pro Tag signifikant stärker als das Scheinmedikament. Genau diese Werte gehörten zu den zentralen Messgrößen der Studie. Deutlich wirkte das Mittel dagegen bei anderen Werten. Es senkte die Zahl der Tage mit starkem Trinken, die Zahl der Getränke an Tagen, an denen getrunken wurde, und das Verlangen nach Alkohol im Alltag. Auch die negativen Folgen des Trinkens gingen schneller zurück als unter dem Scheinmedikament. Signifikant mehr Teilnehmer der Semaglutid-Gruppe verringerten ihr Trinkrisiko nach der Einteilung der Weltgesundheitsorganisation um mindestens eine Stufe. Überraschend war zudem ein Nebenbefund: Semaglutid senkte auch die Zahl der Tage, an denen die Teilnehmer Cannabis konsumierten. Nach den Worten von Schacht deutet die Studie darauf hin, dass Semaglutid starkes und schädliches Trinken verringern kann, auch bei Menschen, die nicht vollständig aufhören wollen.

Warum die Ergebnisse umstritten bleiben

Kritiker verweisen darauf, dass Semaglutid gerade bei den Hauptmessgrößen der Studie keinen Vorteil zeigte. Die positiven Effekte betrafen Werte, die zusätzlich untersucht wurden, was die Aussagekraft einschränkt. Zudem war die Studie mit 50 Teilnehmern klein und dauerte nur acht Wochen. Andere Studien stützen den Ansatz jedoch. Eine im Mai 2026 in The Lancet veröffentlichte Studie aus Kopenhagen mit Patienten, die neben ihrer Alkoholabhängigkeit auch an Adipositas litten, fand nach 26 Wochen wöchentlicher Semaglutid-Spritzen einen stärkeren Rückgang der Tage mit starkem Trinken als unter dem Scheinmedikament. Der Anteil solcher Tage sank dort um 41,1 Prozentpunkte gegenüber 26,4 Prozentpunkten in der Vergleichsgruppe. Die Forscher der neuen Studie halten deshalb größere Untersuchungen für gerechtfertigt. Zugleich bleibt die Frage, ob ein Mittel, das eigentlich für Diabetes und Übergewicht entwickelt wurde, zum breiten Einsatz gegen Sucht taugt, mit allen Nebenwirkungen und Kosten, die damit verbunden sind. Eine Zulassung gegen Alkoholabhängigkeit gibt es bislang nicht.

American Journal of Psychiatry, Oral Semaglutide for Alcohol Use Disorder: A Randomized Clinical Trial; doi:10.1176/appi.ajp.20260003

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