Die Teillegalisierung von Cannabis gehört zu den umstrittensten Gesetzen der vergangenen Jahre. Ein Jahr danach zeigt eine Auswertung des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit: Jugendliche kiffen nicht mehr als zuvor, junge Frauen ebenfalls nicht. Nur bei jungen Männern stieg der Konsum deutlich an. Doch gerade diese Zahl lässt sich nicht so einfach auf das Gesetz zurückführen, wie Kritiker und Befürworter gleichermaßen hoffen.
Seit dem 1. April 2024 dürfen Erwachsene in Deutschland Cannabis in begrenzten Mengen besitzen, anbauen und über Anbauvereinigungen beziehen. Für Jugendliche unter 18 Jahren bleibt Cannabis verboten. Die Reform war von Anfang an heftig umstritten. Befürworter versprachen einen besseren Jugend- und Gesundheitsschutz und eine Eindämmung des Schwarzmarkts. Kritiker warnten, die Legalisierung werde den Konsum unter jungen Menschen steigern und Cannabis verharmlosen. Die heutige Bundesregierung lehnt das Gesetz ab. Nach dem zweiten Zwischenbericht der Evaluation des Konsumcannabisgesetzes, kurz EKOCAN, im April 2026 bezeichnete Bundesgesundheitsministerin Nina Warken die Teillegalisierung als Fehler. Als Beleg nannte sie unter anderem, dass Frühinterventionsprogramme, die Jugendliche vom Konsum abhalten sollen, stark zurückgehen, weil Polizei und Staatsanwaltschaften weniger Handhabe haben, Jugendliche zur Teilnahme zu verpflichten. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einem jugendgefährdenden Gesetz. Die Frage, ob tatsächlich mehr junge Menschen kiffen, beantworten jedoch erst repräsentative Befragungen.
Eine solche Antwort liefert eine Auswertung des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, der früheren Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Das Institut führt seit 1973 regelmäßig die sogenannte Drogenaffinitätsstudie durch, die den Substanzkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland erfasst. Ein Team um den Wissenschaftler Boris Orth nutzte die Daten von zwölf repräsentativen Studien aus den Jahren 2008 bis 2025. Untersucht wurde die sogenannte 12-Monats-Prävalenz, also der Anteil derjenigen, die in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert hatten. Die Forscher unterschieden zwei Altersgruppen, 12- bis 17-jährige Jugendliche und 18- bis 25-jährige junge Erwachsene, jeweils getrennt nach Geschlecht. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob sich zwischen 2023, dem letzten Jahr vor der Teillegalisierung, und 2025, einem Jahr danach, etwas verändert hat. Zugleich ordneten die Forscher diese kurzfristigen Entwicklungen in die langfristigen Trends seit 2008 ein, um zu prüfen, ob sich Verläufe durch das Gesetz verändert haben.
Das Ergebnis widerspricht den schlimmsten Befürchtungen. Bei weiblichen und männlichen Jugendlichen sowie bei jungen Frauen gab es zwischen 2023 und 2025 keine statistisch signifikante Veränderung des Cannabiskonsums. Im Jahr 2025 gaben 4,6 Prozent der Mädchen und 7,2 Prozent der Jungen im Alter von 12 bis 17 Jahren an, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis konsumiert zu haben. Bei den männlichen Jugendlichen war der Konsum bereits vor der Teillegalisierung leicht zurückgegangen, von 10,8 Prozent im Jahr 2019 auf 7,4 Prozent im Jahr 2023. Bei den 18- bis 25-Jährigen lagen die Werte deutlich höher: 18,8 Prozent der jungen Frauen hatten im vergangenen Jahr gekifft. Veröffentlicht wurde die Auswertung zu den Trends des Cannabiskonsums junger Menschen am 1. Juli 2026 im Journal of Health Monitoring des Robert Koch-Instituts.
Die einzige Ausnahme bilden junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren. Bei ihnen stieg der Anteil der Konsumenten innerhalb von zwei Jahren statistisch signifikant von 26,9 auf 31,6 Prozent. Fast jeder dritte junge Mann hat demnach im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert. Die Forscher warnen jedoch davor, diesen Anstieg allein der Teillegalisierung zuzuschreiben. Nach ihrer Einschätzung setzt er einen Trend fort, der in dieser Gruppe seit 2008 zu beobachten ist. Damals lag der Anteil bei 14,8 Prozent und hat sich seither fast verdoppelt, lediglich unterbrochen von Rückgängen in den Erhebungen der Jahre 2015 und 2023. Auch andere Kennzahlen wie der regelmäßige Konsum zeigen bei jungen Männern einen langfristig steigenden Verlauf. Die Autoren sehen in den aktuellen Zahlen deshalb keinen Hinweis auf einen unmittelbaren Effekt der Teillegalisierung auf die Verbreitung des Konsums. Sie betonen aber, dass die Ergebnisse noch keine robusten Aussagen über die Auswirkungen des Gesetzes erlauben, und empfehlen, die weitere Entwicklung genau zu beobachten.
Eine Entwarnung ist die Studie dennoch nicht. Sie misst, wie viele junge Menschen überhaupt Cannabis konsumieren, nicht, wie viel und wie problematisch sie es tun. Nach den Daten des EKOCAN-Zwischenberichts gibt es Hinweise darauf, dass problematischer Konsum zunimmt. Laut der Suchtforscherin Eva Hoch ist der Anteil schädlichen und abhängigen Cannabisgebrauchs in der Gesamtbevölkerung leicht gestiegen, ebenso bei konsumerfahrenen jungen Erwachsenen und bei 15- bis 16-jährigen Schülern. Hinzu kommt der Rückgang der Frühinterventionen, auf den die Bundesregierung verweist. Wenn weniger Jugendliche nach einem Auffallen mit Cannabis in Beratungsprogramme kommen, kann sich das langfristig auswirken, auch wenn der Konsum insgesamt stabil bleibt. Die Evaluation des Gesetzes läuft noch bis zum Jahr 2028. Erst dann wird sich zeigen, wie sich Konsum, Gesundheit und Schwarzmarkt tatsächlich entwickelt haben. Bis dahin liefern die Daten beiden Seiten der Debatte Argumente, aber keine endgültige Antwort auf die Frage, ob die Teillegalisierung ein Fehler war.
Journal of Health Monitoring, Ein Jahr nach der Teillegalisierung in Deutschland: Trends des Cannabiskonsums junger Menschen von 2008 bis 2025; doi:10.25646/14216